Deutsch-russische Freundschaften Wie der Krieg die Partnerschaft Emden – Archangelsk verändert
Seit März liegt die Städtepartnerschaft zwischen Emden und Archangelsk wegen des russischen Angriffskriegs offiziell auf Eis. Die Beziehungen mögen gestört sein, zerrissen sind sie nicht. Im Gegenteil.
Emden - Maria – genannt Mascha – und Stephan Oelrichs trennen zum Jahresende rund 3500 Kilometer und ein Temperaturunterschied von gut 20 Grad. Der 37-Jährige sitzt in seinem Zuhause in Emden, er hält ein Smartphone in der Hand. Auf dem kleinen Bildschirm lacht ihm seine Frau im Schnee entgegen. Sie ist auf Umwegen und über die Türkei für ein paar Paar Tage zu ihrer Familie in die Heimat geflogen. Sie steht bei eisigen -16 Grad auf einer Straße im russischen Archangelsk. Im Hintergrund sind die Geräusche der 360.000-Einwohnerstadt zu hören: ein Bus, ein Martinshorn. Wenn Mascha Oelrichs spricht, ist ihr Atem als Dunstwolke zu sehen.
Was und warum
Darum geht es: Krieg, Frieden und Völkerverständigung
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, denen die Städtepartnerschaft mit Archangelsk etwas bedeutet, sowie Leute, die sich Gedanken über schwierig werdende internationale Beziehungen machen.
Deshalb berichten wir: Kurz nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine legte die Stadt Emden die 30 Jahre alte Partnerschaft Anfang März formell auf Eis. Die Redaktion wollte wissen, ob und wie die privaten Verbindungen zwischen Freunden in Kriegszeiten bestellt ist. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Formell herrscht seit dem 1. März dieses Jahres Funkstille zwischen Emden und Archangelsk. Als Reaktion auf den massiven Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar beschlossen die Mitglieder des Emder Rates, die offiziellen Beziehungen der mehr als 30 Jahre alten Städtepartnerschaft „vorübergehend auszusetzen“. So hieß es in einem Schreiben an das Stadtoberhaupt von Archangelsk, Dmitry Morev. Knapp zehn Monate ist diese Entscheidung nun her. Aber, sagt Mascha am Tag vor dem Jahreswechsel beim Video-Telefonat mit ihrem Mann: „Diese Partnerschaft hat nicht nur etwas mit Politik zu tun. Es ist mehr als nur unterschriebenes Papier.“
Kriegsgräber schrubben für den Frieden
Das Paar, das im August dieses Jahres geheiratet hat, ist so etwas wie der lebendige Gegenentwurf zu den komplizierten internationalen Verwerfungen auf diplomatischem Parkett. Die beiden haben sich 2014 in Frankreich kennengelernt, in St. Désir in der Normandie, wo sich Jahr für Jahr Jugendliche aus Russland, Deutschland und Frankreich gemeinsam um Weltkriegsgräber kümmern. Mascha und Stephan Oelrichs waren etliche Mal dort, haben lange Sommerwochen mit großen Jugendgruppen erlebt und dabei viel über das jeweils andere Land und deren Menschen kennengelernt. „Wir haben zusammen Gräber geschrubbt und für den Frieden gearbeitet“, sagt Stephan Oelrichs. Das war die Klammer.
Umso verstörter war er, als der russische Überfall in der Ukraine offensichtlich wurde. „Ach du Scheiße! Was passiert jetzt?“, habe er gedacht, als die Meldungen vom Einmarsch um die Welt gingen. Während mit dem Angriffskrieg die ohnehin schon frostig gewordenen formellen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland immer eisiger wurden, hätten sich seine persönlichen Verbindungen nach Archangelsk eher intensiviert, sagt er.
Vor Verzweiflung ins Telefon geheult
Es liegt nicht nur an Mascha, die 2020 zu ihm nach Ostfriesland gezogen war, und ihrer Familie. Oelrichs, der für die Stadt Emden die große Gemeinschaftsunterkunft in der Nordseehalle für ukrainische Geflüchtete leitet, hat seit vielen Jahren zahlreiche Kontakte in die russische Partnerstadt. Dreimal ist er selbst dort gewesen, das erste Mal 2013. Und weil er seit mehr als zehn Jahren das Workcamp in St. Désir leitet, hat er mittlerweile etliche russische Freunde und Bekannte. Sie schreiben einander, sie telefonieren.
Und so weiß er von den Ängsten dieser jungen Männer, die zum Kriegsdienst eingezogen werden sollen. Er erzählt von einem Gespräch mit einem Freund in Archangelsk, der vor Verzweiflung „ins Telefon geheult“ habe. „Das sind intelligente, weltoffene Leute.“ Sie wüssten, was sie in der Ukraine erwartet. „Die sind doch nicht alle verblendet von der Putin-Propaganda“, so Oelrichs.
Der Krieg erreicht die Menschen in Archangelsk
Spätestens mit der Mobilmachung ist seiner Einschätzung nach der Krieg auch in Archangelsk angekommen. Er beschäftigt aber nicht nur die Menschen dort. Stephan Oelrichs schildert, dass er in Emden regelmäßig von besorgten ehemaligen Gasteltern angesprochen wird. „Hast du von dem gehört oder weißt du, was aus jenem geworden ist“, wollen die Leute wissen. Im Laufe von 30 Jahren Städtepartnerschaft und etlichen gemeinsam Workcamps in der Normandie haben sich viele Verbindungen gefestigt.
Bis zum Jahr 2019, bis die Corona-Pandemie diesen Rhythmus unterbrach, kam jedes Jahr eine etwa zehnköpfige Jugendgruppe aus Archangelsk nach Emden. Von hier ging es jedes Mal nach ein paar Tagen in Gastfamilien gemeinsam mit den Ostfriesen im Bus weiter in die Normandie, wo man rund 20 Tage gemeinsam verbrachte. Im Anschluss sind die Jugendlichen aus Archangelsk noch einmal für mehr als eine Woche nach Emden in ihre Gastfamilien gekommen, ehe es zurück nach Russland ging. Die deutsch-russische Ehe von Mascha und Stephan Oelrichs ist nicht die einzige, die daraus hervorgegangen ist.
Stresstest für deutsch-russische Beziehungen
Es sind Geschichten und Beziehungen wie diese, die den Emder Oberbürgermeister Tim Kruithoff zuversichtlich stimmen, dass die Städtepartnerschaft zwar auf Eis gelegt, aber nicht endgültig begraben worden ist. „So etwas kriegen sie so schnell nicht kaputt“, glaubt er. In einer Rede anlässlich des Volkstrauertages im November hatte er an die Bedeutung der Zusammenarbeit erinnert. „Denn es wird eine Zeit danach geben“, sagte er damals und meinte eine Perspektive ohne Krieg.
Auf offiziellen Wegen mögen die Gesprächskanäle zwischen den Verwaltungsspitzen in Archangelsk und Emden geschlossen sein. Komplett verstummt sind die Leitungen nicht. Tim Kruithoff berichtet von privat verpackten Grußbotschaften, die per Whatsapp oder auf anderen Pfaden zwischen den Rathäusern verschickt werden. Die Botschaften sind mit Rücksicht auf mögliche kremlnahe Mitleser verklausuliert und stehen nicht mehr auf offiziellen Briefbögen. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt.
Wenn die Menschen ihre Freundschaften pflegen, wird die Städtepartnerschaft den Krieg überstehen. Davon sind auch Mascha und Stephan Oelrichs überzeugt. Der 37-Jährige glaubt weiter fest an die Kraft der Völkerverständigung und das Workcamp in St. Désir. Geht es nach ihm, findet es 2023 wieder statt. Und dann sollen nicht nur deutsche und russische Jugendliche die Kriegsgräber im Zeichen des Friedens gemeinsam schrubben, sondern mit ihnen auch ukrainische.