Regionales Rettungswesen  Reichen fünf Notarzt-Stützpunkte für Ostfriesland?

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 02.01.2023 18:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die Notarzt-Kapazitäten in Ostfriesland sind offenbar knapp. Foto: Mirgeler/dpa
Die Notarzt-Kapazitäten in Ostfriesland sind offenbar knapp. Foto: Mirgeler/dpa
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Die Kreise Emsland und Cloppenburg haben, bezogen auf die Einwohnerzahl, mehr Notärzte im Einsatz als Ostfriesland. Ostrhauderfehns Bürgermeister schlägt weitere Notarzt-Stützpunkte im Kreis Leer vor.

Ostfriesland - Die Notarzt-Kapazitäten in Ostfriesland sind offenbar knapp. Der Ostrhauderfehner Bürgermeister Günter Harders weiß von einem Fall, in dem sogar ein Notarzt aus Bremen eingeflogen werden musste – weil der einzige Notarzt im Landkreis Leer bereits im Einsatz gewesen sei. Auch der Rettungsdienst des Landkreises Leer konnte bei diesem Notfall offenbar nicht kommen. Nach Informationen unserer Zeitung sprang ein Rettungswagen aus dem Nachbarlandkreis Cloppenburg ein.

Überhaupt ist der Landkreis Leer auf die Kapazitäten umliegender Rettungsdienste angewiesen. „Da Rettungswachen von Nachbarlandkreisen beziehungsweise der Stadt Emden in Nähe der Kreisgrenze bestimmte Bereiche schneller versorgen können, erfolgt dies auch so, zumal eine trägerübergreifende Zusammenarbeit rechtlich vorgesehen ist“, erklärt die Leeraner Kreisverwaltung. Und: „Rettungsdienste aus den Nachbarkreisen sind im Leeraner Kreisgebiet tendenziell öfter im Einsatz als umgekehrt.“

Andere Rettungsdienste übernehmen Hunderte Einsätze im Kreis Leer

Die Cloppenburger Kreisverwaltung hat mitgeteilt, dass der dortige Rettungsdienst von Januar bis Oktober 205 Einsätze im Landkreis Leer gefahren habe. Die Emsländer Kreisverwaltung berichtet von „insgesamt 820 Einsätzen von Einsatzmitteln aus dem Landkreis Emsland im Landkreis Leer“, darunter seien „494 Notfalleinsätze durch Rettungsmittel“ gewesen. Der Ammerländer Rettungsdienst zählte in diesem Jahr rund 200 Einsätze im Landkreis Leer.

Wie sieht es konkret beim Rettungsmittel „Notarzt“ aus, der zusätzlich zu den Rettungsdiensten eingesetzt wird? Die Einhaltung der Hilfsfristen lässt keine Rückschlüsse auf die Notarztversorgung zu. Denn die gelten als erfüllt, wenn ein Rettungsmittel innerhalb von 15 Minuten vor Ort ist – und das muss in mindestens 95 Prozent der Notfälle gelingen. Wenn also nach 15 Minuten der Rettungswagen da ist, spielt es bezüglich der Hilfsfrist keine Rolle mehr, ob oder wann ein Notarzt kommt.

Wie viele Einsätze fahren andere Rettungsdienste in Ostfriesland?

In Baden-Württemberg wurde die Hilfsfrist – anders als in Niedersachsen – bis vor ein paar Jahren für Rettungswagen und Notärzte gesondert ermittelt. Aber auch dort ist das nicht mehr so. Hinweise, wie es um die Notarztversorgung in Ostfriesland bestellt ist, können aber die Einsatzzahlen aus den Nachbarlandkreisen geben – also wie oft Notärzte in Ostfriesland aushelfen mussten.

Nachdem es im Landkreis Leer schon an Rettungsdienstkapazitäten fehlt, hat unsere Zeitung in der dortigen Umgebung angefragt. Der Ammerländer Rettungsdienst-Geschäftsführer Michael Peter berichtet von 107 Notarzt-Einsätzen in diesem Jahr im Landkreis Leer, „vorrangig in der Gemeinde Uplengen“. Die Cloppenburger Kreisverwaltung weiß von elf entsprechenden Alarmierungen ihrer Notärzte.

In Ostfriesland müssen notfalls Sanis ärztliche Aufgaben übernehmen

Die Emsländer Kreisverwaltung berichtet von 214 Notarzt-Einsätzen im Landkreis Leer – vom 1. Januar bis 30. November. Sie merkt an: „Vor dem Hintergrund der hohen Belastung des Rettungsdienstes ist es von Vorteil, wenn der Notarzt in seinem Zuständigkeitsbereich verbleibt.“

Die Kooperative Regionalleitstelle Ostfriesland ist für die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund zuständig. Sie kann auf vier Notarzteinsatzfahrzeuge zugreifen. Leitstellen-Leiter Tomke F. Albers sagte unserer Zeitung im November, dass es vorkommen könne, dass es mehr als vier Notfälle gleichzeitig gibt, die einen Notarzt erfordern würden. In solchen Situationen dürften Notfallsanitäter Medikamente verabreichen und Maßnahmen ergreifen, die normalerweise Notärzten vorbehalten seien.

Im Emsland gibt es mehr Notarzt-Stützpunkte als in Ostfriesland

In Ostfriesland gibt es insgesamt fünf Notarzteinsatzfahrzeuge. Sie sind am Klinikum Leer sowie in Aurich, Emden, Norden und Wittmund stationiert. Zum Vergleich: Der Landkreis Ammerland hat ein Notarzteinsatzfahrzeug – am Krankenhaus Westerstede. Der Landkreis Emsland hat vier Notarzteinsatzfahrzeuge an den Klinik-Standorten in Lingen, Meppen, Sögel und Papenburg.

Im Emsland gibt es also vier einsatzbereite Notärzte für rund 325.000 Einwohner und knapp 2900 Quadratkilometer Fläche – in Ostfriesland fünf Notärzte für rund 465.000 Einwohner in einer gut 3100 Quadratkilometer großen Region. Der Vergleich mit dem Emsland ergibt also, dass auf den fünften Notarzt in Ostfriesland rein rechnerisch 140.000 Einwohner entfallen. Der Landkreis Cloppenburg hat ungefähr gleich viele Einwohner wie der Landkreis Leer, rund 170.000. Dem einen Notarzt-Standort in Leer stehen drei im Kreis Cloppenburg gegenüber – in Friesoythe, Löningen und Cloppenburg.

Vorschlag aus der Politik: Weitere Notärzte für den Kreis Leer

Der Ostrhauderfehner Bürgermeister regt an, weitere Notärzte am Krankenhaus Weener und im südlichen Bereich des Landkreises Leer für die Gemeinden des Overledingerlandes und eventuell der Samtgemeinde Jümme zu installieren. Diese Notärzte könnten ja mit weiteren Aufgaben betraut werden, schlägt Günter Harders vor – beispielsweise mit betriebsärztlichen Aufgaben für Verwaltungen. „Eine Auslastung würden wir hinkriegen.“

Sein Uplengener Kollege Heinz Trauernicht schreibt auf Anfrage zur Notfallversorgung: „Den Wunsch nach einer eigenen Rettungswache hat grundsätzlich jede Gemeinde im Kreisgebiet Leer, so auch die Gemeinde Uplengen.“ Die Rettungswache im ammerländischen Westerstede bezeichnet er als „großen Gewinn für Uplengen“.

Unterschiedliche Rettungsdienst-Bedarfsplanung in Ostfriesland

Transparenz-Fragen im Landkreis Leer wirft die Antwort der Gemeindeverwaltung Westoverledingen auf: Ihr lägen „keine Daten darüber vor, ob und inwieweit bisherige Rettungseinsätze nicht ausreichend gewährleistet werden konnten und ob eine deutliche Veränderung der Rettungsdienstversorgung erforderlich ist“. Falls über die Stationierung eines Rettungswagens in Westoverledingen nachgedacht würde, „würde die Gemeinde das positiv bewerten“.

Die Bedarfserhebung für die Notfallversorgung erfolgt in Ostfriesland nicht einheitlich. Im Landkreis Leer arbeitet man noch mit einer Bedarfsplanung aus dem Jahr 2017, die zwangsläufig auf den Einsatzzahlen aus den Vorjahren basiert. Bezüglich der Frage, ob nach den Pandemie-Erfahrungen die Kapazitäten ausgeweitet werden müssten, teilte die Leeraner Kreisverwaltung mit: „Der Bedarf wäre gutachterlich zu ermitteln.“

Für den Landkreis Aurich ist eine Gutachter-Firma beauftragt

Der Landkreis Aurich hat seinen Bedarfsplan hingegen zum 1. Januar 2022 angepasst, wie die Kreisverwaltung informiert: „Im Detail bedient sich der Eigenbetrieb Rettungsdienst des Landkreises Aurich einem Gutachter der Firma Forplan Dr. Schmiedel GmbH aus Bonn. Von dort werden die Daten der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland in Wittmund regelmäßig ausgewertet, um den Bedarfsplan entsprechend anzupassen.“

In Emden wurde zumindest bis Oktober mit einem Bedarfsplan aus dem Jahr 2016 gearbeitet. Mitte Oktober teilte die Stadtverwaltung mit, dass dieser Bedarfsplan gerade überprüft werde. Von der Kreisverwaltung Wittmund heißt es: „Es wird in nächster Zeit der jetzige Bedarfsplan überarbeitet werden müssen.“ Hierfür ein Gutachten erstellen zu lassen, sei bisher nicht erforderlich gewesen und auch nicht geplant.

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