„Melanie Schulte“-Ausstellung im Landesmuseum „Als wenn ein Riese mit dem Hammer gegen das Schiff haut“
Beim Untergang der in Emden gebauten „Melanie Schulte“ verlor die gesamte Besatzung ihr Leben. Peter Krämer hatte an Bord eines Schwesterschiffs mehr Glück. Er entging knapp einer Katastrophe.
Emden - Seit dem 22. Dezember setzt sich das Ostfriesische Landesmuseum in einer Sonderausstellung mit dem Schicksal des Emder Stückgutfrachters „Melanie Schulte“ auseinander. Kurz vor Weihnachten 1952 war das erst wenige Wochen zuvor auf den Nordseewerken vom Stapel gelassene Schiff im Nordatlantik verschollen. Mit ihm ging die 35 Mann starke Besatzung verloren – bis heute ranken sich Legenden und Mythen um den Untergang, dessen genauen Umstände nie vollständig geklärt werden konnten.
Wie viele Besucher die Ausstellung in den ersten Tagen sehen wollten, war beim Landesmuseum kurz nach Neujahr formell nicht zu erfahren. Inoffiziell heißt es aus dem Mitarbeiterkreis, dass sie „vor allem zwischen den Jahren sehr gut besucht“ gewesen sei. Dieser Einschätzung zufolge seien vor allem „Hiesige“ und „Buten-Emder“ an dem Thema interessiert. Sollte sich dieser Eindruck bestätigen, würden die Kuratoren um den wissenschaftlichen Mitarbeiter Aiko Schmidt und Museumsdirektorin Jasmin Alley ihr Ziel erreichen.
Auf dem Weg von Emden nach Kirkenes
Zu denen, die Interesse an der Ausstellung zeigen, zählt Peter Krämer. Der 80-Jährige lebt in Lingen und ist seit langen Jahren ehrenamtlich im Emder Museum „Freunde der Seefahrt“ aktiv. Wie viele in der Region hat er eine sehr persönliche Verbindung zur Schifffahrt, zum Emder Hafen und zur „Melanie Schulte“. Ziemlich genau acht Jahre nach deren Untergang entging er an Bord des jüngeren Schwesterschiffs „Franziska Henrik Fisser“ nur knapp einer Katastrophe. Im Gespräch mit der Redaktion schildert er, wie er als 18-Jähriger miterlebte, dass das Schiff bei Windstärke 11 bis 12 in der aufgepeitschten See vor Nordnorwegen auseinanderzubrechen drohte. Sie befanden sich auf dem Weg von Emden nach Kirkenes, wo sie Erz laden sollten.
Er habe in der Koje gelegen, als er von heftigen Erschütterungen aufgeschreckt worden sei: „Es war, als wenn ein Riese mit einem Hammer gegen das Schiff haut“, sagt er. In der wilden Fahrt durch die aufgepeitschte See zerrten die Kräfte der Wellen am Rumpf und rissen die Außenhaut auf der Steuerbordseite auf. „Wir mussten alle sofort die Rettungswesten anziehen und hoch auf die Brücke“, so Krämer. Ehe das Schiff ganz auseinanderbrach, sei es dem Kapitän gelungen, in einen engen und ruhigeren Fjord zu steuern. „Da haben wir erstmal geankert“, erzählt der Mann, der bis zu seinem Ruhestand 1995 auf den Weltmeeren fuhr.
Dramatische Stunden auf der Ostsee
Krämer geht davon aus, dass die baugleiche „Melanie Schulte“ bei ähnlichen Bedingungen auf ihrer Fahrt etwa 90 Seemeilen (167 Kilometer) vor der schottischen Hebriden-Inselgruppe weit weniger Glück hatte. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sie in den Wellen auseinandergebrochen und innerhalb weniger Minuten gesunken ist“, sagt er.
Ein paar Jahre nach den Schreckensmomenten an Bord der „Franziska Henrik Fisser“ nahe dem Nordkap erlebte Peter Krämer erneut dramatische Stunden auf dem Wasser und entging wieder nur knapp dem Tod. Der Vorfall ist in schwedischen Medien und wegen der Verhandlung vor dem Seeamt gut dokumentiert.
Eisen lenkt Kompassnadel ab
Es war die Nacht auf den 1. Februar 1967. Krämer, damals 24 Jahre alt, fuhr als Steuermann auf der MS „Harm“ , einem knapp 50 Meter langen Frachter des Leeraner Harm Kosmis. Sie hatten im schwedischen Oxelösund Eisenschwamm geladen und befanden sich auf dem Weg durch die vereiste Ostsee. In dichtem Schneetreiben sei das Radargerät ausgefallen, erinnert sich Krämer. Vermutlich auch wegen der Ladung, die die Kompassnadel abgelenkt haben könnte, gerieten sie vom Kurs ab.
Heftige Sturmböen und schwere Wellen ließen das Schiff auf Grund laufen. Es steckte stark beschädigt zwischen Felsen fest, „die Luken liefen schon voll Wasser“, so Krämer. Mit Signalraketen und SOS-Funksprüchen versuchte die fünfköpfige Besatzung in der eisigen Nacht auf sich aufmerksam zu machen. Es dauerte allerdings bis zum Morgen, so Krämer, bis die Männer von einem Hubschrauber von Bord geholt wurden.
Nicht in Panik verfallen
Er habe „seltsamerweise keine Angst“ in solchen lebensgefährlichen Momenten verspürt, sagt der 80-Jährige rückblickend. Sowohl beim drohenden Untergang der „Franziska Henrik Fisser“ als auch beim Schiffsunglück der MS „Harm“ sei er nicht panisch geworden, sondern „eiskalt“ geblieben. Es sei nur darum gegangen, zu funktionieren, um zu überleben.
Schiffsunglücke wie das der „Melanie Schulte“ gehen ihm trotzdem nahe. Er erinnert sich an die Berichte im Radio und in der Zeitung, die er als Junge dazu verfolgte. Als er als 14-Jähriger an der Seefahrtschule war, begegneten ihm die Geschichten in der Ausbildung wieder. „Das Schiff war noch so jung“, sagt er.
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Im Februar ist der 80-Jährige mit den „Freunden der Seefahrt“ in Emden verabredet. Er wolle die Gelegenheit nutzen, um sich die Ausstellung im Landesmuseum anzugucken. „Die will ich auf jeden Fall sehen“, sagt er. Im Vergleich zu den meisten anderen Besuchern dürfte er sie mit anderen Augen betrachten. Peter Krämer weiß nur zu gut, wie es sich anfühlt, an Bord eines Schiffes in höchste Not zu geraten.
Unter dem Titel „Melanie Schulte – Schiff, Unglück, Mythos“ ist die Sonderausstellung im Landesmuseum für Besucher geöffnet. Sie wird voraussichtlich bis zum 28. Januar 2024 gezeigt. Die Öffnungszeiten des Museums in der Brückstraße 1 in Emden sind dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Weitere Details und Informationen auch zur Ausstellung gibt es auf der Museums-Website unter www.landesmuseum-emden.de