Hamburg Alkoholfrei ist sexy, klingt aber zu unattraktiv
Im Januar auf Alkohol zu verzichten, ist hip. Dabei müsste es kein Verzicht sein, schließlich gibt es fast alle Getränke inzwischen auch alkoholfrei. Unsere Kolumnistin meint zu wissen, warum sich die nicht durchsetzen.
Glühweinexzessen auf dem Weihnachtsmarkt, Drinks auf den Weihnachtsfeiern und Sekt en masse an Silvester: Nach den Feiertagen geht es nur der Leber schlechter als dem Kontostand. Kein Wunder, dass der „Dry January“ (dt. trockener Januar) seit Jahren Konjunktur feiert. Einfach einen Monat kein Bier, Wein und Cocktails trinken und danach hoffentlich reflektierter zum Glas greifen zu können.
Wobei, so ganz stimmt das ja nicht: Schließlich gibt es all jene Getränke inzwischen auch in der alkoholfreien Variante, die geschmacklich kaum zu unterscheiden sind vom Original. Da Rausch die Ausnahme sein sollte, müssten die alkoholfreien Getränke längst die Heimbars und Gasthofkarten übernommen haben. Schließlich stehen den rationalen Gründen, die gegen Alkohol sprechen, weit weniger gute Gründe für Alkohol gegenüber. Es tut mir leid, aber warum trinken wir alle noch immer so viel Alkohol, wenn wir unsere Lieblingsgetränke auch ohne Schwindel, Übelkeit und drohendem Führerscheinverlust haben könnten?
Ohne Alkohol oder nichtalkoholisch klingt einfach reizlos. Etwas dadurch zu definieren, was es nicht ist oder nicht beinhaltet, ist einfach nicht so attraktiv wie ein eigenes, neutrales Wort zu haben. Es ist das gleiche Spiel wie bei den Begriffen „fleischlos“ vs. „vegetarisch“. Meint das gleiche, trotzdem bietet der Begriff „vegetarisch“ zwei Vorteile. Bei „fleischlos“ ist klar: Fleisch ist der Standard, ein Gericht ohne Fleisch wird sprachlich zum Ausnahmefall gemacht, statt einfach als wertfreie Option daneben auf der Speisekarte zu stehen. Zum anderen reagieren viele Menschen immer wieder angegriffen, wenn jemand ihr Genussmittel verweigert.
Im Fall Alkohol variiert das zwischen Überzeugen („Ach komm schon, nur ein Bier“), Hilfsangeboten („Ich kann Dich heimfahren, dann kannst Du trinken“) und unverhältnismäßig persönlichen Mutmaßungen („Bist Du schwanger?“). Meine These ist: Gäbe es einen neutralen Begriff für alkoholfreie Varianten von Getränken, die Fragen würden deutlich weniger werden.
Als gebürtige Pfälzerin genieße ich in der Heimat gerne ein Saumagenbrötchen und eine trockene Rieslingschorle, am liebsten bei dem Weingut, bei dem ich früher gejobbt habe. Dort gibt es seit Jahren Sekt und Wein ohne Alkohol. Wir wurden immer wieder darauf angesprochen, warum der alkoholfreie Wein so viel kostet wie der alkoholisch, schließlich ist doch „weniger drin“. Da alkoholfreier Wein aufwändiger zu produzieren ist, da dem fertigen Produkt der Alkohol wieder entzogen werden muss, müsste er eigentlich mehr kosten. Aber dazu sei kein Kunde bereit, erklärte mir mein früherer Chef. Ist das nicht schade?