Hannover Bei Panzerknackern machtlos? Polizeispitze weist Vorwürfe zurück
Hat die Polizei keine Chance gegen Geldautomaten-Sprenger? So stellt es zumindest ein Polizist aus Niedersachsen dar. Landespolizeidirektor Ralf Leopold und Innenminister Boris Pistorius weisen die Vorwürfe zurück - und setzen auf Ermittlungen statt auf wilde Verfolgungsjagden.
„Machtlos und verunsichert“: So hatte ein Streifenpolizist kürzlich im Gespräch mit unserer Redaktion beschrieben, wie Polizeibeamte sich fühlen, wenn sie zu einem Einsatz gerufen werden, bei dem es um gesprengte Geldautomaten geht. Der Polizist aus Niedersachsen, der anonym bleiben wollte und selbst schon nach Automatensprengungen im Einsatz war, erhob in dem Interview schwere Vorwürfe gegen seinen Dienstherrn.
„Wir trainieren solche Situationen nicht und werden nicht darauf vorbereitet, obwohl es zu so vielen Sprengungen kommt. Die Polizei Niedersachsen hat kein Konzept gegen dieses Phänomen. Es wird seit Jahren hingenommen und die Kollegen mit ihren Entscheidungen und Unsicherheiten alleine gelassen“, erklärte der Beamte und fügte hinzu: „Momentan haben die Täter in Niedersachsen einen Freifahrtschein.”
Er selbst sei mittlerweile so weit, sich nach der Alarmierung bei der Anfahrt ein bisschen mehr Zeit zu lassen. „Dann treffen wir vor Ort die Täter nicht an, sparen uns die Verfolgungsjagd und können in Ruhe den Tatort aufnehmen.“
Landespolizeidirektor Ralf Leopold und Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) wollen das so nicht stehen lassen. „Es gibt sehr wohl ein Konzept“, entgegnete Pistorius auf Nachfrage unserer Redaktion und Ralf Leopold bekräftigte als erster Polizeibeamter des Landes, dass es polizeiintern einen Fünf-Punkte-Plan gebe, wie sich die Kollegen zu verhalten haben, wenn sie zu einer Geldautomaten-Sprengung gerufen werden.
Auch wenn Leopold den Plan nicht öffentlich machen wollte, so räumte der Landespolizeidirektor ein, dass ein solcher Einsatz, der mit einem bewaffneten Raub zu vergleichen sei, für jeden Streifenpolizisten eine Herausforderung sei, auf die er nicht wie ein Spezialeinsatzkommando (SEK) vorbereitet werden könne.
Es gebe Checklisten mit Verhaltensregeln für die Kollegen, die als Erstes am Tatort seien. An oberster Stelle stehe dabei der Schutz anderer Menschen und der eigenen Person, „weil wir wissen, wie skrupellos die Täter sind“, sagte Leopold und machte deutlich, dass aus seiner Sicht nicht gefährliche Verfolgungsfahrten zielführend seien, sondern es darum gehe, den Tätern mit grenzüberschreitenden Ermittlungen und Datenauswertungen das Handwerk zu legen.
„Wir können nicht vor jedes Polizeikommissariat einen Maserati stellen“, konterte Innenminister Pistorius zudem den Vorwurf, dass die Autos der Polizei im Vergleich zu den PS-starken Fluchtfahrzeugen untermotorisiert seien.
„Die Verfolgung können wir uns eigentlich schenken. Spätestens auf der Autobahn kommen wir eh nicht mehr hinterher. Die Täter setzen meist auf hochmotorisierte Audis, die locker 250 bis 300 km/h schaffen. Unser Passat-Streifenwagen schafft vielleicht 220. Da haben wir keine Chance“, hatte der Polizist im Interview bemängelt. Pistorius indes hält nichts von schnelleren Polizeifahrzeugen: „Das löst das Problem nicht.“
Der Innenminister macht stattdessen Druck auf die Banken, das Geld in ihren Automaten im Falle einer Sprengung etwa durch Verfärbung oder Verklebung unbrauchbar werden zu lassen. „Die Banken und Sparkassen müssen hier mitziehen“, findet Pistorius und winkt bei Einwänden der Banken ab. „Technische Schwierigkeiten? Sehe ich nicht. Die haben die Holländer auch gelöst.“
Laut Landeskriminalamt (LKA) gab es in Niedersachsen im vergangenen Jahr 68 Anschläge auf Geldautomaten. Das ist ein Plus von fast 24 Prozent im Vergleich zu 2021 (55 Delikte).
Unterdessen fordert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Niedersachsen die flächendeckende Ausstattung der Funkstreifenwagen mit sogenannten Stop-Sticks. Das sind Nagelbretter, wie sie etwa am vergangenen Freitag zum Einsatz kamen. Nach einer Automatensprengung im Heidekreis konnte das Tatfahrzeug, ein Porsche Panamera, mithilfe eines Stop-Sticks zum Anhalten gebracht werden. Die Täter waren mit hoher Geschwindigkeit über die B 214 Richtung Niederlande geflüchtet. In der Ortschaft Messingen (Emsland) überfuhr der Porsche das von der Polizei ausgelegte Nagelbrett, wodurch die Fahrt beendet wurde. Zwei Täter konnten noch am Fahrzeug, der dritte nach kurzer Flucht zu Fuß durch einen Polizeibeamten festgenommen werden.