Demografischer Wandel Moderatoren sollen Dörfer in die Zukunft führen
In Schulungen lernen angehende Dorfmoderatoren, wie sie ihre Heimatorte in die Zukunft führen. Unter anderem gibt es sie in Visquard, Norddeich und Dornum.
Visquard/Norddeich/Dornum / HIB/APA/MF- Weit über 700 Dörfer prägen das Flächenland Niedersachsen. Sie alle stehen vor großen Herausforderungen, denn der demografische Wandel macht das Leben in kleinen Orten zusehends komplizierter. Um mehr Einfluss auf die Entwicklung zu nehmen und sie möglichst zu verbessern, lässt das Landesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Interessierte zu Dorfmoderatorinnen und -moderatoren schulen. Unter anderem gibt es diese auch in der Krummhörn, Norddeich und Dornum.
Hedda Oldewurtel ist eine von ihnen. Dass sie gleichzeitig Ortsvorsteherin von Visquard ist, sei aber keine Voraussetzung für die Ausbildung gewesen, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Von den etwa 20 Teilnehmenden aus ihrem eigenen Kurs, die aus ganz Niedersachsen stammten, seien vielleicht drei Ortsvorsteher gewesen. Die anderen hätten aus ganz unterschiedlichen Gründen teilgenommen – und sei es nur, um als Zugezogene das neue Dorf besser kennenzulernen. Sich für den Kurs bewerben könne sich nämlich jeder. Die Kosten für die Teilnahme trägt der Steuerzahler.
16 Unterrichtstermine in fünf Monaten
In Oldewurtels Fall lief die Schulung über einen Zeitraum von fünf Monaten. In dieser Zeit gab es 16 Termine von jeweils dreieinhalb bis vier Stunden. Alles sei sehr „sehr informativ“ und der Austausch „ganz intensiv“ gewesen. Die Ortsvorsteherin selbst habe einen anderen Blickwinkel auf Visquard bekommen, versichert sie.
Man habe sich die vergangene, gegenwärtige und auch die zu erwartende Entwicklung angeschaut. Manchmal habe es Hausaufgaben gegeben und im Anschluss sei dann gemeinsam geschaut worden, wo man im eigenen Ort verweilen kann, was gut läuft oder besser laufen könnte und wo es Probleme gibt. Viele der Teilnehmer hätten bei letzterem Punkt gerade den mangelnden Nahverkehr herausgearbeitet, nennt Oldewurtel ein Beispiel. Auch sei es darum gegangen, zwischen den Ehrenamtlichen im Dorf zu vermitteln, Streits zu schlichten und ins Gespräch mit weiteren Einheimischen zu kommen. Ist dann bekannt, wo der Schuh drückt, gelte es, Ideen zu entwickeln und Lösungen zu finden, so Oldewurtel. Immerhin sollen Jung und Alt gerne im Dorf wohnen und auch wohnen bleiben wollen.
Das Rad muss nicht immer neu erfunden werden
Klar gemacht sei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei allem aber auch, dass man das Rad nicht immer neu erfinden müsse. So schaute sich Oldewurtel beispielsweise an, was die Norddeicher Dorfmoderatorin Monika Kasten umtreibt und was dort gemacht wird. Norddeich, beziehungsweise die Stadt Norden, gehört nämlich zum Dorfentwicklungsprogramm „Dorfregion Küstenorte“. Auch dabei geht es darum, kleine Orte für die Zukunft zu rüsten – allerdings dank extra dafür zur Verfügung stehenden Fördermittel. Auch tritt bei diesen Programmen ein Planungsbüro im Hintergrund in Kontakt mit der Bevölkerung, bildet Gruppen zu Fachthemen und fasst alles am Ende zu einem Dorfentwicklungs-Programm zusammen. Das ist ein Katalog mit Empfehlungen für die Politik.
Von daher hat auch Kasten ein paar Möglichkeiten mehr, um sich vor Ort in die Entwicklung einzubringen als Oldewurtel, denn Visquard gehört derzeit keinem laufenden Dorfentwicklungsprogramm an. Dafür ist die Moderatorin aber als Ortsvorsteherin eine Ehrenbeamtin und damit ohnehin schon ein ständiges Sprachrohr zwischen den Bewohnern und der Verwaltung der Gemeinde Krummhörn. Eine stellvertretende Stimme aller Bewohner.
Dorfrundgang mit Jüngeren und Älteren
Als sie im vorvergangenen Jahr Ortsvorsteherin wurde, sei das auch der Auslöser dafür gewesen, sich zur Dorfmoderatorin schulen zu lassen. „Was gehört alles zu meinen Aufgaben?“, habe sie sich nämlich damals gefragt und sich näher über das Programm informiert. Zuvor habe Oldewurtel auch schon Ehrenamtskurse absolviert.
Anke Alfert ist Dorfmoderatorin für die Gemeinde Dornum, die ebenfalls zur Dorfregion Küstenorte zählt. Auch sie blickt im Gespräch auf die Schulung zurück, erinnert sich unter anderem an eine Begehung, die Alfert gemeinsam mit zwei Jugendlichen, zwei Einwohnern im mittleren Alter und zwei Senioren in der Gemeinde unternahm. „So konnte ich feststellen, welche Altersgruppen sich für was genau interessieren.“
Das hat die Dornumer Moderatorin vor
Aufmerksam geworden auf die Ausbildung zur Dorfmoderatorin ist die Dornumerin durch eine Werbung im Internet. Auf ihre formlose Bewerbung hin erhielt sie dann auch prompt eine Zusage und nahm an dem Programm teil. Wie Oldewurtel hat aber auch sie sich schon zuvor ehrenamtlich engagiert. So initiierte sie in der Vergangenheit zum Beispiel eine Heimatkunde-Schnitzeljagd für Kinder, einen „Spieletag wie bei Oma & Opa“, einen plattdeutschen Abend in der Beningaburg oder einen Teenachmittag für Senioren. Für ihre Mitmenschen hat Alfert stets offene Ohren und hilft, wo sie nur kann.
Nun nimmt sie sich unter anderem vor, einen Flyer für Neubürger zu entwickeln und einen Stammtisch für Jugendliche zu etablieren. Ebenso wie weitere Spielenachmittage, kulturelle Angebote, Infoveranstaltungen und verschiedene Hilfsangebote. Angedacht sei außerdem ein „Tag der Vereine“.
Projekt „Leih-Großeltern“ in Norddeich
Monika Kasten wiederum organisiert einen Stammtisch für alle Bewohner Norddeichs, bei dem die Einheimischen verschiedene Themen ansprechen können. Zuletzt ist nun die Idee entstanden, „Leihopas und -omas“ zu finden, berichtet sie. Sie sollen sich zum Beispiel um die Kinder von Eltern kümmern, die etwas vorhaben und sonst niemanden haben, der auf die Kleinen aufpassen kann. Also eine Art besonders vertrauensvoller Babysitter – aber ehrenamtlich. „In anderen Städten gibt es solche Modelle schon“, sagt Kasten. „Dort funktioniert das sehr gut. Aber natürlich schafft man so etwas nicht allein. Es braucht zunächst einmal Seniorinnen und Senioren, die bei so etwas mitmachen möchten.“ Die Voraussetzungen seien in Norddeich günstig, so Kasten. „Wir haben hier sehr viele ältere Menschen. Dieses Potenzial können wir nutzen.“
Der Vorschlag wurde von den rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des jüngsten Stammtisches einhellig begrüßt. Nun soll geklärt werden, wie sich das Projekt am besten umsetzen lässt. Wer Interesse hat, als Leihoma oder Leihopa an dem Projekt teilzunehmen, kann sich jetzt schon an Monika Kasten wenden unter der E-Mail-Adresse mo.ka49@t-online.de.