Gastronomie mal anders Mit dem neuen Zuhause gab′s auch die alte Kneipe
Alexandra Bernhard und ihre Familie wollten ursprünglich nur in Reepsholt wohnen. Dann aber verliebten sie sich in einen alten Gasthof. Plötzlich waren sie Wirte.
Reepsholt - Alexandra Bernhards Augen leuchten, wenn sie sich an ihre Premiere als Wirtin ihrer eigenen Kneipe erinnert: „Ich stand das erste Mal hinter dem Tresen und hab gesagt: Ich gehör hier einfach hin.“ Aus der studierten Betriebswirtin wurde per Zufall binnen kurzer Zeit eine Wirtin aus Leidenschaft. „Wir sind ein Treffpunkt, eine Begegnungsstätte. Wir möchten die Menschen in ihrer Lebenssituation abholen und für sie da sein; füreinander da sein.“ Zu Bier und Cola werden Lebensgeschichten serviert und Freundschaften gepflegt.
Was und warum
Darum geht es: Eigentlich suchte Familie Bernhard nur ein neues Zuhause. Mit der Kneipe fanden sie zudem eine neue Aufgabe, die dem gesellschaftlichen Leben in Reepsholt zugute kommt.
Vor allem interessant für: jeden, der den Charme eines ursprünglichen Landgasthofes zu schätzen weiß
Deshalb berichten wir: Aktuell passiert viel in der Gastronomie. Viele Traditionsbetriebe schließen, aber einige Mutige machen sich auch neu auf den Weg. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Es geht zuweilen lebhaft zu „Bi d′ Moler“, wenn dort freitags ab 19 Uhr die Türen der Gaststube geöffnet werden. Es ist ein Familienbetrieb: Neben der 50 Jahre alten Wirtin stehen auch ihr Mann Matthias, ein Bau-Ingenieur, und Tochter Raja hinterm Tresen. Die 19-Jährige studiert in Bremen Psychologie. Noch vor einem Jahr hätte Alexandra Bernhard vermutlich gesagt, mit Gastronomie habe sie nichts am Hut. Gemeinsam mit ihrem Mann suchte sie ein neues Heim für die Familie. Sie hatten in Hooksiel zur Miete gewohnt – und die Immobilie wurde verkauft. Die Suche nach einem eigenen Heim wurde für die Familie mit fünf Kindern im Alter von sechs bis 23 Jahren, von denen drei noch bei ihren Eltern leben, zum Geduldsspiel. Als Matthias Bernhard eine Besichtigung in Reepsholt vorschlug, wollte seine Frau das Objekt nicht einmal ansehen.
Der Maler mit der Kneipe „Up Deel“
Alexandra Bernhard ließ sich überzeugen – und hatte prompt ein „Aha-Erlebnis“ während der Besichtigung von Wohnhaus, Gaststube und ehemaligem Kiosk: „Ich war schockverliebt. Ich wusste, ich will hier mein Brot backen und im Kiosk verkaufen.“ Eine Wiederbelebung der Kneipe sei ihr damals allerdings gar nicht in den Sinn gekommen. Zuletzt hatte die Hero Hinrichs gemeinsam mit seiner mittlerweile 85 Jahre alten Mutter Inge geführt, erzählt der Musiker und Entertainer. Sein Elternhaus, 1920 erbaut, beherbergte seit Ende der 1960er Jahre den Malerbetrieb seines Vaters, Georg „Moler“ Hinrichs. Das Malergeschäft samt Tapetenverkaufsraum befand sich im früheren Stalltrakt. „Dahinter war der Schweinestall.“ 1983 eröffnete Inge Hinrichs zusätzlich einen Kiosk, der unter anderem die Lotto-Annahmestelle des Ortes war, erinnert sich der Musiker.
Am Freitagnachmittag seien die Reepsholter Männer dann beim Maler vorstellig geworden, um ihre Lottoscheine einzulösen – und Bier und Schnaps zu trinken. Zunächst zwischen Farben und Tapeten, dann habe sein Vater den Ausbau eines Gastraums beschlossen. Nach dem Schließen der „Klosterschenke“ in der Ortsmitte um die Jahrtausendwende war „Up Deel“ die einzige Kneipe im Ort und gefragter Anlaufpunkt für Vereine.
Aus und Neubeginn in der Gastronomie
Solche gibt es längst nicht mehr flächendeckend in Ostfrieslands Dörfern. Nach monatelangen Schließungen durch Corona seit Beginn der Pandemie, Personalmangel, steigenden Waren- und Energiekosten setzt sich der Abwärtstrend unaufhaltsam fort. Die ostfriesische Dehoga-Chefin Birgit Kolb-Binder sagte Ende 2022 im Gespräch mit unserer Redaktion voraus, dass 60 bis 70 Prozent der Gaststätten in Ostfriesland im Winter vorübergehend oder sogar ganz schließen würden. In der Gemeinde Friedeburg zogen zuletzt Eva und Uwe Wilken die Notbremse: Sie gaben ihren Gasthof „Wilken am See“ zum Jahresende auf. Der Etzeler Traditionsbetrieb hat eine 100-jährige Geschichte. In Friedeburg selbst standen zuletzt im Hotel „Deutsches Haus“ und „Landhotel Oltmanns“ die Restaurants leer. In beiden gibt es nun neues Leben: Bedii „Buddy“ Boral, Gastronom im „Dörpkroog“ in Blomberg, bringt im Hotel „Deutsches Haus“ wieder Essen auf den Tisch.
Im „Landhotel Oltmanns“ beginnt der gastronomische Leiter Fadi Rachid-Reckstadt gemeinsam mit Küchenchef Hendrik Thus diese Woche mit der schrittweisen Wiedereröffnung des Traditionsbetriebes. Los geht es mit dem Restaurant. Erste Teetafeln, Jubiläen und andere Veranstaltungen stehen an, sagt Rachid-Reckstadt auf Nachfrage. Er sei zuletzt in Aurich in der „Pinte“ sowie im „Harlekin“ tätig gewesen. Auch Thus bringt eine langjährige Erfahrung in Ostfriesland ein: Nach seiner Ausbildung im „Hafenhaus“ in Emden arbeitete er eigenen Worten zufolge zuletzt im „Hirsch“ in Aurich.
„Zack, war ich Wirtin“
Während in Friedeburg Gastronomie-Vollprofis am Werk sind, geht Alexandra Bernhard in Reepsholt „Bi d′ Moler“ mit ihrer Familie ganz in ihrem neuen Hobby auf. Die Betriebswirtin muss zwar keine Löhne erwirtschaften, draufzahlen aber wolle sie nicht: „Es muss unterm Strich schon was hängenbleiben.“ Im Frühjahr 2022 besiegelten Hinrichs und Bernhards den Verkauf der Immobilie. Nach Bekanntwerden hätten sich Nachfragen wegen der Kneipe und des Saals gehäuft, erinnert sich die gebürtige Hessin. „So kam es ins Rollen.“ Die Idee: „Warum probieren wir nicht einfach, einen Tag in der Woche aufzumachen?“
Gesagt, getan. „Zack, war ich Wirtin. Ich bin hier wirklich ins kalte Wasser gesprungen.“ Der positive Nebeneffekt: Die Familie war sofort Teil des Dorflebens: „Ostfriesen sind unkompliziert.“ Für die Zukunft hat sie viele Ideen, will mehr backen, kochen, umbauen und noch vieles ausprobieren. Nur eins muss bleiben, wie es ist: Der urige Gastraum mit seinem dunklen Holz, der wirkt, als sei er aus der Zeit gefallen: „Das wollten wir eigentlich neu machen. Aber die Stammgäste haben sich gewünscht, dass alles so bleibt.“