Vertrag bald unterschriftsreif In Trippelschritten geht es zum Bestattungswald
Aurich bekommt einen Bestattungswald. Der Standort steht fest, doch wer ihn betreiben wird, ist offen. Das Verfahren zieht sich in die Länge. Es ist kompliziert.
Aurich - Flüssiggas-Terminals, Flughäfen, Philharmonien: Manches Großprojekt wird gefühlt schneller fertig als der Bestattungswald in Aurich. Doch immerhin die Sicherung des passenden Grundstücks nähert sich der Zielgeraden. Wenn alles glatt läuft, wird Ende Januar oder Anfang Februar der Pachtvertrag unterschrieben. Das teilt Laura Rothe, Fachbereichsleiterin für Recht, Ordnung und Bürgerdienste bei der Stadt Aurich, auf Anfrage mit.
Die Stadt will für die Anlage eines Bestattungswaldes das Popenser Gehölz pachten. Das 8,5 Hektar große Gelände gehört der JJ Krematorium Ostfriesland GmbH mit Sitz in Schirum. Krematoriums-Geschäftsführer Jakob Janssen ist bereit, das Grundstück der Stadt zur Verfügung zu stellen. „Wir wollen ja alle was für Aurich tun“, sagt der Unternehmer. Der Pachtvertrag ist noch nicht unterschriftsreif, doch ein erster Entwurf liegt vor, wie Rothe mitteilt. Der Vertrag werde eine Laufzeit von 100 Jahren haben. Die Verhandlungen mit Janssen verliefen sehr gut, betont die künftige Erste Stadträtin. „Er ist sehr offen und gesprächsbereit.“
Platz 2 der beliebtesten Bestattungsarten
In einem Bestattungswald werden biologisch abbaubare Urnen mit der Asche der Verstorbenen an Baumwurzeln beigesetzt. Diese Bestattungsform, die in Deutschland seit 2001 möglich ist, wird immer beliebter. Laut einer Studie der Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas aus dem Jahr 2019 liegt der Wunsch nach einer Baumbestattung bundesweit mit 19 Prozent inzwischen auf Platz zwei der bevorzugten Bestattungsarten, berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Nur pflegefreie Beisetzungen auf einem Friedhof seien noch beliebter. Voraussetzung für eine Waldbestattung ist eine Einäscherung.
Janssen hatte bereits vor Jahren Interesse bekundet, im Popenser Gehölz einen Bestattungswald zu betreiben. Doch zunächst einmal geht es nur um die Fläche. „Das sind zwei Paar Schuhe“, betont Rothe. Den Betrieb des Bestattungswaldes werde die Stadt europaweit ausschreiben. Janssen lässt offen, ob er sich bewerben wird. „Ich warte erst mal die Ausschreibung ab“, sagt er. Neben ihm hatten zuletzt zwei weitere Bewerber Interesse bekundet: die Friedwald GmbH aus Hessen, die in Sandhorst einen 30,7 Hektar großen Bestattungswald anlegen wollte, und die Gedächtniswald Logabirum GmbH, die eine 6,7 Hektar große Anlage im Eschener Gehölz plante. Sie können sich in der bevorstehenden Ausschreibung erneut bewerben, sind dann aber auf den Standort Popenser Gehölz festgelegt. Die Gedächtniswald Logabirum GmbH hat nach wie vor Interesse, wie Generalbevollmächtigter Enno Herlyn auf Anfrage mitteilte: „Ganz klares Ja. Wir glauben an unser Konzept.“
In letzter Minute gestoppt
Bereits im Juli 2020 hatte der Auricher Rat einen Grundsatzbeschluss zur Einrichtung eines Bestattungswaldes gefasst. Da er als Standort das Popenser Gehölz bevorzugte, sollte Janssen den Zuschlag bekommen, so der erklärte Wille der Politik. Doch in letzter Minute stoppte Rothe, die seinerzeit neu als Juristin bei der Stadt angefangen hatte, im September 2021 das Verfahren. Das Projekt müsse öffentlich ausgeschrieben werden, sonst könnten die unterlegenen Bewerber oder andere Interessenten, die nichts davon wussten, auf Schadenersatz klagen. „Wir sind zu Transparenz und Fairness verpflichtet.“
Da es rechtlich auf einem städtischen Grundstück einfacher zu handhaben wäre, hatte Rothe zwischenzeitlich einen weiteren möglichen Standort vorgeschlagen: ein drei Hektar großes Wäldchen in Wallinghausen, das sogenannte Herrenholz. Doch damit war die Politik nicht einverstanden. Sie besteht auf dem Standort Popens, da Lage, Größe und Verkehrsanbindung dort optimal seien. Der stets nicht öffentlich tagende Verwaltungsausschuss lehnte Rothes Gegenvorschlag ab.
„Das ist rechtlich höchst komplex“
Die Stadt werde das Ausschreibungsverfahren starten, sobald der Pachtvertrag unterschrieben sei, erklärt Rothe. Die Dauer kann sie nicht eingrenzen. „Das ist rechtlich höchst komplex.“ Es werde mit Sicherheit das ganze Jahr 2023 in Anspruch nehmen. Parallel prüfe das Planungsamt die planungsrechtlichen Aspekte, also eine mögliche Änderung des Flächennutzungsplans.
Der Bestattungswald werde also noch nicht in diesem Jahr in Betrieb gehen, so Rothe. „Es dauert zwar länger, aber dafür ist es rechtssicher“, sagt die Juristin. „Es geht ja nicht darum, dass wir zehn neue Kugelschreiber kaufen. Und es hilft ja auch niemandem, wenn man am Ende vor der Vergabekammer landet.“ Die Vergabekammer in Lüneburg ist zuständig, wenn jemand klagt. Sie finde es auf jeden Fall gut, dass Aurich diese Bestattungsform demnächst anbieten könne, sagt Rothe. „Es ist ja den Menschen überlassen, selbst zu entscheiden.“
Kritik von der Kirche
Die Kirche sieht Waldbestattungen kritisch. Die Deutsche Bischofskonferenz beklagt, dass die Konzeption „zentrale Elemente einer humanen und christlichen Bestattungskultur vermissen“ lasse. Der Auricher Superintendent Tido Janssen hatte im Gespräch mit der Redaktion gesagt, er finde Friedhöfe schöner, da sie Orte der Gemeinschaft seien, „die auch Geschichten erzählen und Erinnerungen wachhalten“. Alternative Bestattungsformen seien auch auf Friedhöfen möglich, zum Beispiel in Form von Rundgräbern mit Bäumen.
Der Superintendent hatte zudem auf die finanziellen Folgen hingewiesen: Wenn sich immer mehr Menschen gegen eine Bestattung auf städtischen oder kirchlichen Friedhöfen entschieden, dann treibe dies die Friedhofsgebühren in die Höhe. „Das trifft die Armen härter.“ In Aurich gibt es vier städtische Friedhöfe: in Sandhorst, Tannenhausen, Walle und Brockzetel. Der zentrale Friedhof an der Von-Jhering-Straße wird von der Lambertigemeinde betrieben.