Vereins- und Dorfleben  Ein schmerzhafter Abschied von einem Landgasthof

| | 12.01.2023 18:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Tresen bei Johann Germann Rieken vor fast 12 Jahren. Noch bis Ende März kann man hier sitzen, dann ist Schluss für immer. Foto: Archiv
Der Tresen bei Johann Germann Rieken vor fast 12 Jahren. Noch bis Ende März kann man hier sitzen, dann ist Schluss für immer. Foto: Archiv
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Der Abriss des Gasthofs Germann in Westerende-Kirchloog nimmt Vereinen und Dorfbewohnern einen Treffpunkt, einen Ort zum Üben und Feiern. Aber er wird ihnen auch noch aus ganz anderen Gründen fehlen.

Westerende-Kirchloog - Hannelore Freimuth erinnert sich an die Salmiakpastillen, die sie als Kind auf dem Schulweg im Gasthof Germann in Westerende-Kirchloog kaufte. Die konnte man gut auf dem Pult verstecken und heimlich im Unterricht naschen. Was passiert mit solchen Erinnerungen, wenn der Gasthof abgerissen wird? Ab März wechselt er den Besitzer, danach kann es jeden Tag so weit sein. „Wenn er weg ist, wird sich das ganze Ortsbild verändern“, sagt Freimuth. Wohl ist ihr bei dem Gedanken nicht.

Was und warum

Darum geht es: Vereine und ein ganzes Dorf verabschieden sich vom Gasthof Germann. Das ist nicht leicht bei einem Ort, der bis zum Schluss ein lebendiger Lebensmittelpunkt war.

Vor allem interessant für: Kommunen, Betreiber von Landgasthöfen, Dorfplaner und Betroffene

Deshalb berichten wir: Bei Gesprächen stellten wir fest, wie sehr die Menschen dieser Abschied bewegt.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Ihr Zuhause wechselte, sie lebt jetzt in Südbrookmerland, aber der Gasthof blieb ihre Anlaufstelle. „Wir haben dort wirklich alles gefeiert“, sagt sie. Privat und mit dem Verein: Hannelore Freimuth ist Vorsitzende des gemischten Chores Bangstede-Westerende, der im Gasthof probt. Für Freimuth gehört er zu ihrem Leben. Wenn er weg ist, wird auch ein Stück ihres Lebens fehlen, das nicht einfach durch einen neuen Übungsraum ersetzt werden kann. Es ist ein langes Gespräch, Freimuth klingt traurig. „Es ist deprimierend“, sagt sie. Ihr Herzschmerz hat diesen Artikel verändert.

Eine große Lücke im sozialen Netz

Denn eigentlich sollte dies ein Text über Vereine werden, die „auf der Straße stehen“ und eine neue Bleibe suchen, jetzt handelt er von Abschied, Trauer und Herzschmerz: Der gemischte Chor ist nicht der einzige Verein, der vom Ende des Gasthofs betroffen ist. Denn das reißt viel größere Lücke in das soziale Netz der Gemeinde Ihlow. Viele kamen hierher. Der Sportverein nutzt den Gasthof als erweitertes Vereinsheim, für die Boßler von „Lütje Holt“ Westerende ist er sogar das einzige, die Sänger des Männergesangvereins „Frohsinn“ Westerende und der gemischte Chor Bangstede-Westerende übten, feierten und versammelten sich, der Ortsrat traf sich und redete sich die Köpfe heiß.

Das Gebäude wird in Kürze abgerissen. Foto: Böning
Das Gebäude wird in Kürze abgerissen. Foto: Böning

Spätestens, wenn Inhaber Johann Germann Rieken Ende März den neuen Eigentümern die Schlüssel übergibt, ist endgültig Schluss, der Saal ist schon seit dem Jahreswechsel geschlossen. Dann ändert sich alles für die Vereine, von denen manche den Gasthof seit der Eröffnung 1936 als Vereinsheim nutzen. Die Chöre haben Ersatz gefunden. Doch wer mit Betroffenen wie Hannelore Freimuth spricht, dem wird klar: Es geht um mehr als einen Ort zum Singen oder Reden.

Ein Problem ist die Akzeptanz

Nichts gönnen die Vereine Inhaber Johann Germann Rieken mehr, als seinen verdienten Ruhestand. Das ist auch Ortsbürgermeister Martin Jürgens (SPD) wichtig zu sagen. Der Ortsrat wird in den Fahnster Krug ausweichen, eine Lösung wenigstens für Treffen für bis zu 60 Menschen. Aber was ist mit der Seniorenweihnachtsfeier? Bisher feiern die Dörfer Westerende-Kirchloog, Westerende-Holzloog, Barstede und Bangstede gemeinsam im Gasthof. Wohin mit den 140 Menschen? Und die Frage: Nehmen die Teilnehmer den neuen Ort an? „Die Akzeptanz wird wahrscheinlich das größte Problem sein“, vermutet Jürgens. Ein zentraler Treffpunkt im Ort, der alle zusammenbringt, wird fehlen.

Johann Germann Rieken im Schankraum vor dem Tresen. Seine Arbeitskleidung wird er an diesem Tag das letzte Mal tragen. Foto: Böning
Johann Germann Rieken im Schankraum vor dem Tresen. Seine Arbeitskleidung wird er an diesem Tag das letzte Mal tragen. Foto: Böning

Jeder kann Riekens Entscheidung verstehen, den Gasthof Germann zu verkaufen. Dass er abgerissen werden soll, nun ja, wenn sich kein Betreiber finden lässt, ist das wohl die einzige Alternative. Trotzdem bleibt der Herzschmerz. Noch ist so lange geöffnet, bis die Boßler von „Lütje Holt“ Westerende ihre Saison abschließen – wahrscheinlich bis Mitte März. Danach muss der Boßelverein bis zum nächsten Saisonstart im September eine neue Bleibe finden.

Urkunden und Bilder an den Wänden

„Das ist nicht so leicht, wenn man bedenkt, dass es ein Ort sein muss, an dem zu den Wettbewerben bis zu 30 Leute einer Mannschaft und noch einmal die gleiche Zahl an Gegnern unterkommen müssen“, sagt der Vorsitzende Manfred Bents. „Von Versammlungen und Feiern mit noch mehr Teilnehmern ganz zu schweigen.“ Seine Stimmung ist gedrückt. Wenn er über ein neues Vereinsheim spricht, kommt er ins Grübeln. Einen zentralen Treffpunkt oder ein Gemeindehaus gibt es im Ort nicht. „Der wurde schlicht vergessen“, sagt er. Bents denkt nicht nur daran, die Mannschaften unterzubringen, er weiß auch um die soziale Komponente, die der Gasthof für die Vereinsmitglieder hatte.

Wie verwurzelt der Verein mit dem Gasthof ist, zeigen die Urkunden an den Wänden. Den Eingeweihten erzählen sie Geschichten. So geht es auch dem Männergesangverein „Frohsinn“ Westerende. Bilder der Mitglieder hängen dort viele. „Die können wir gar nicht alle wieder aufhängen“, sagt der Vorsitzende Herold Volker. Er hat bei Germann angefangen zu singen, da war er dreizehneinhalb. Das war vor mehr als 60 Jahren. Seitdem singt er dort – und feierte. „Wir haben Feste gefeiert, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen.“

Zum Abschied eine Meisterfeier?

Dann wird Volkers melancholisch, auch er spürt den Abschiedsschmerz: „Man muss sich komplett umstellen, es war ja immer mein Vereinslokal, ich bin hier groß geworden.“ Der Chor hat bereits seinen ersten Übungsabend in neuen Räumen hinter sich. Er ist in die alte Schule in Bangstede, das Dorfgemeinschaftshaus, umgezogen. Volkers schwärmt von der Akustik und bemüht sich um Zuversicht. Wenn da nicht noch die anderen organisatorischen Herausforderungen wären: Wohin mit dem großen Sängerfest?

Irgendwann wird der gemischte Chor Bangstede-Westerende dem Männergesangverein in die alte Schule auf der anderen Seite des Ems-Jade-Kanals folgen. Noch wollen die Sänger aber bleiben, der Abschied fällt schwer. Dabei kommt der Chor ursprünglich aus Bangstede und zog nur nach Westerende, weil der Chorleiter damals nicht so weit fahren wollte. Jetzt wollen sie nicht mehr weg. Irgendwann im Februar nehmen sie ihren Notenschrank und ziehen um.

Der Boßelverein wird als letzter gehen. „Johann sagt, dass wir noch eine Meisterschaft zusammen feiern“, ist der einzige Satz, bei dem der Vorsitzende Manfred Bents richtig fröhlich klingt. Ob es etwas zum Feiern geben wird, wird sich erst am Ende der Saison zeigen. Es wäre auf jeden Fall ein schöner und würdiger Abschied vom alten Vereinsheim.

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