Serie „Leven van de See“  Der Greetsieler und sein Kutter

| | 18.01.2023 19:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Jann-Tjado Gosselaar im Maschinenraum der GRE 19 „Flamingo“. Foto: Böning
Jann-Tjado Gosselaar im Maschinenraum der GRE 19 „Flamingo“. Foto: Böning
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Seit 32 Jahren sind Jann-Tjado Gosselaar und die GRE 19 ein Team – auch Dank guter Pflege. Kutter sind für Krabbenfischer wie ihn viel mehr als bloß Arbeitsgeräte.

Greetsiel - Jann-Tjado Gosselaar streicht mit einer Hand über die frische Farbe auf dem Rumpf seines Kutters. „Antifouling“, sagt er. Die rote Schicht unter der Wasserlinie sorgt dafür, dass sich keine Seepocken oder Muscheln an den Schiffsrumpf setzen. Jedenfalls eine Zeit lang. „Ein Vierteljahr hat man damit Ruhe. Wird das Wasser wärmer, geht es irgendwann wieder los“, erklärt der Greetsieler Krabbenfischer. Der Bewuchs bremst den Kutter, das merkt er am Dieselverbrauch.

Die Serie „Leven van de See“

Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.

Die nächste Folge: Am nächsten Donnerstag erzählen Muschelfischer in Greetsiel von ihrer Arbeit und warum das LNG-Terminal in Wilhelmshaven ihnen Sorge bereitet.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519.

Die Wintermonate zwischen Weihnachten und März nutzen Krabbenfischer wie Gosselaar dafür, die Schiffe für die nächste Fangsaison fit zu machen. Die GRE 19 „Flamingo“ steht auf der Werft am Greetsieler Hafen. Gosselaar ist Mitglied der Betreibergemeinschaft. Für den Werftaufenthalt zahlt er deshalb nur den Selbstkostenpreis. „Nicht zu vergleichen mit Kosten bei anderen Werften“, sagt er.

Alle zweieinhalb Jahre eine Inspektion von unten

Gosselaar trotzt nur im Pullover der steifen Brise, die über den Deich fegt. Zweimal im Jahr kommt er mit der „Flamingo“ hierher. Dieses Mal stehen einige Reparaturen und der Schiffs-Tüv an. Die Berufsgenossenschaft prüft dabei alle zweieinhalb Jahre den Rumpf des Schiffes auch von unten – vor allem sicherheitsrelevante Teile wie die Ventile und die Abdichtung der Schiffswelle. Wenn alles in Ordnung ist, gibt es den Schiffssicherheitsbrief.

Hier geht es zum Kühlraum für die gefangenen Krabben. Foto: Böning
Hier geht es zum Kühlraum für die gefangenen Krabben. Foto: Böning

Der Fischer nickt zu einer Öffnung im Bug des Schiffes. Hinter dem Gitter sitzen normalerweise die beiden Propeller des Bugstrahlruders, mit dem der Kutter bei langsamer Geschwindigkeit seitlich manövrieren kann. Zwei Blätter waren abgebrochen, beide Propeller müssen ersetzt werden. Gosselaar wartet auf die Ersatzteile.

Ein Kutter erneuert sich wie der menschliche Körper

„Irgendwas ist immer, gerade bei einem alten Kutter“, sagt Gosselaar. Die GRE 19 wurde 1969 bei der Voss-Werft in Ihlow gebaut und ist damit älter als sein 53-jähriger Besitzer. Das ist keine Seltenheit bei Nordseekuttern. In Deutschland wurde seit etwa 20 Jahren kein neuer mehr in Auftrag gegeben – dafür werden die alten gut gepflegt und immer auf den neuesten Stand gebracht. „Wahrscheinlich ist nicht viel mehr als der Rumpf noch original“, vermutet Gosselaar von seinem. So ein Kutter gleicht dem menschlichen Körper, bei dem sich die Zellen ebenfalls regelmäßig erneuern.

Immer wieder kommt neue Technik an Bord dazu. Foto: Böning
Immer wieder kommt neue Technik an Bord dazu. Foto: Böning

Gosselaar hat sogar ein neues Ruderhaus aufsetzen lassen. Der Platz wurde knapp für die vielen Geräte, die Fischer inzwischen an Bord haben müssen. Auch die Kochstraße für die Krabben und der Kühlraum wurden erneuert, „um überhaupt noch die erforderlichen Mengen an Bord verarbeiten und lagern zu können“, sagt er. Mit der Zeit zu gehen ist Gosselaar wichtig. Man muss ein gewisses Level halten, um konkurrenzfähig zu bleiben, findet er. Doch der Ausbau hat Grenzen: „Das Schiff muss noch stabil im Wasser liegen. Mit einem neueren Schiff, das von vorn hinein so ausgelegt ist, hätte man es leichter.“

Mein Kutter – meine Altersvorsorge

Es gibt einen weiteren Grund, warum Jann-Tjado Gosselaar seinen Kutter umsorgt: „Er ist auch meine Altersvorsorge“, sagt er ein wenig nachdenklich. So hieß es wenigstens immer. Momentan sind viele Kutter auf dem Markt und warten auf Nachwuchsfischer. Finden die wegen des Überangebots zum notwendigen Preis keine Abnehmer, sieht es für die Besitzer auch mit der Altersvorsorge schlechter aus. Das bereitet ihm Sorge.

Mit der Pumpe rechts im Bild wurde es auf dem Kutter richtig komfortabel – sie ist für die Toilettenspülung. Foto: Böning
Mit der Pumpe rechts im Bild wurde es auf dem Kutter richtig komfortabel – sie ist für die Toilettenspülung. Foto: Böning

Jann-Tjado Gosselaar verbringt schon 32 Jahre an der Seite der „Flamingo“. Er rätselt noch immer, wie ein Nordseekutter zu so einem Namen kommt. Aber ihn umzubenennen würde Unglück bringen, heißt es. Deshalb bleibt der Name. Inzwischen macht das Fischerboot ihm alle Ehre: Es ist zwar nicht rosa, durch den neonfarbenen Mast sticht es zwischen den anderen Kuttern aber mindestens so heraus wie ein Flamingo unter Möwen.

Mit 21 zum eigenen Schiff

Der Greetsieler war 21 Jahre alt, als er überraschend zum eigenen Kutter kam. Dass der Vorbesitzer das Schiff aus gesundheitlichen Gründen abgeben wollte, wusste er. Aber eigentlich wollten sie noch ein paar Jahre gemeinsam fischen. Dann musste es plötzlich doch schnell gehen. „Direkt nach der Lehre habe ich das Kapitänspatent gemacht und bin 1991 gleich als Kapitän auf meinem eigenen Schiff angefangen“, sagt Gosselaar. Leicht sei das nicht gewesen – vor allem finanziell. „Es war ein Kraftakt, aber auch Liebe auf den ersten Blick“, sagt der 53-Jährige heute. „Ohne meine Eltern wäre das nicht gegangen.“

Ein Kutter ist für einen Fischwirt wesentlich mehr als der Trecker für einen Landwirt. Er ist Arbeitsgerät und Betriebsgebäude in einem. „Einen großen Teil unseres Lebens verbringen wir hier, sogar die Freizeit“, sagt Gosselaar. „Lange hatte ich keine Vorstellung vom Leben jenseits der Fischerei“, gesteht der Krabbenfischer – zum Beispiel davon, was Menschen machen, die geregelte Jobs an Land haben.

Das hat er geändert. „Wir haben uns inzwischen auf einen festen Ablauf an Bord eingestellt und verbringen die Wochenenden immer an Land“, sagt Gosselaar. Die Erkenntnis: Kontinuierlich am Ball zu bleiben bringt genau so viel, wie großen Fängen hinterher zu fahren. Jetzt bleibt mehr Zeit, Dinge zu tun, die auch Nicht-Fischer machen. „Segeln zum Beispiel“, sagt er und grinst. Der Unterschied zum Aufenthalt auf dem Kutter: „Das ist dann wirklich Freizeit.“

Neues Lager und ein Kran für Greetsieler Werft geplant

Eigeninitiative Seit 1996 betreiben Greetsieler Fischer die Anlage am Hafen – Sie ist auch für Touristen eine Attraktion

Greetsiel - Früher stand an der kleinen Werft von Greetsiel ein Schild „Betreten der Slipanlage verboten“. Aber das gibt es nicht mehr. „Es wurde zu oft geklaut“, sagt Geschäftsführer Gerold Conradi. Heute hängt stattdessen eins mit „Betriebsgelände – Betreten auf eigene Gefahr“ sicher hinter dem Fenster des kleinen Werftgebäudes. So ist eine Verwechslung mit dem englischen Wort Slip, das auch Schlüpfer bedeutet, ausgeschlossen.

Die Schiffe werden mit der Winde auf den auf einem Schienensystem laufenden Slipwagen an Land gezogen. Foto: Böning
Die Schiffe werden mit der Winde auf den auf einem Schienensystem laufenden Slipwagen an Land gezogen. Foto: Böning

Die kleine Werft wird von 22 ansässigen Fischern in Eigenregie betrieben. Seit dem Bau im Jahr 1996 wurden dort 3036 Schiffe aus dem Wasser gezogen. Das ist leicht festzustellen, denn die Aufträge sind durchnummeriert. Die Werft entstand, nachdem die Leybucht eingedeicht und der Greetsieler Hafen erneuert wurden. Damals wurde nördlich der Löschkaje eine Ablaufbahn mit zwei Schienensträngen angelegt. Daraufhin schlossen sich 24 Greetsieler Fischer in der „Interessensgemeinschaft Slipanlage“ zusammen. Der erste Vorstand bestand aus Gerd Willems (GRE 29), Gerold Conradi (GRE 24) und Johanne Willems (GRE 16). Heute gehören Jan Ysker (GRE 10) und Jürgen Willems (GRE 29) dem Vorstand an.

Die Winde kommt von einem Flugzeugträger

Zum Start der Werft bestellte die Interessensgemeinschaft zwei Loren. Zwei alte Verholwinden von der US-Navy wurden zum Slippen der Schiffe angeschafft, eine davon dient als Ersatzteillager. Zum Schutz der Winde und als Lager errichteten die Fischer zusätzlich eine Halle. Die Kosten für die Werft beliefen sich beim Bau auf 200.000 Deutsche Mark. Jeder Fischer steuerte damals 4000 Deutsche Mark bei. Zusätzlich gab es einen Zuschuss aus Fördertöpfen der Europäischen Union. Der Rest des Geldes wurde als Darlehen aufgenommen.

Die Winde zum Slippen der Schiffe stammt von einem US-Flugzeugträger. Foto: Böning
Die Winde zum Slippen der Schiffe stammt von einem US-Flugzeugträger. Foto: Böning

Das erste Schiff konnte am 5. Mai 1996 an Land gehen und war die GRE 7 „Emsstrom“ von Jürgen Willems. Nachdem die Werft in den ersten Jahren nur von den Greetsieler Schiffen genutzt wurde, kommen inzwischen auch Ditzumer und Kutter aus Norddeich nach Greetsiel. Die Werftanlage wird ebenfalls von vielen Yachten genutzt. Beim Slippen sind Gerold Conradi oder Willem Wübbena immer dabei und kümmern sich auch um die Instandhaltung der Anlage. Um die Kosten für das Slippen niedrig zu halten, gehen die Überschüsse des traditionellen Kutterkorsos in den Werfthaushalt. Er wird einmal im Jahr von den Fischern und dem örtlichen Tourismusverband veranstaltet.

Die Werft ist ein Hingucker

Die Werft ist auch für Touristen des Fischerortes eine Attraktion: „Sobald ein Kutter auf der Werft ist, könnte man ein Besatzungsmitglied abstellen, nur um den Gästen das Schiff und die ganze Technik zu erklären“, schreibt Conradi auf seiner Webseite http://eo-ems.de/. „Wenn man dann noch mit ihnen in die Werfthalle geht und erzählt, dass die Winde einmal auf einem US-Flugzeugträger gestanden hat, sind sie hin und weg.“

Das verbliebene Schild auf dem Gelände der Werft. Foto: Böning
Das verbliebene Schild auf dem Gelände der Werft. Foto: Böning

Eine Erweiterung der Werftanlage ist geplant: In Kürze sollen ein Container als zusätzliches Lager und ein kleiner Kran auf das Werftgelände ziehen. „Die Bauteile der Schiffe, wie zum Beispiel der Schiffspropeller, sind inzwischen so schwer geworden, dass wir sie nicht mehr anders handhaben können“, sagt Conradi. Der Kran ist bereits eingetroffen und wartet auf seinen ersten Einsatz. Der Bauantrag für das Aufstellen des Containers wurde bereits genehmigt.

Glossar

Werft: Das Wort Werft kommt aus dem Alt-friesischen und bedeutet so viel wie „Der am Wasser baut“. Heute ist eine Werft ein Betrieb zum Bau und zur Reparatur von Schiffen. Der klassische Bauplatz einer Werft ist die Helling oder der Helgen. Für Reparaturen, Umbauten und Instandhaltungsmaßnahmen an Schiffen müssen die Schiffe trockengelegt werden. Dazu werden für kleinere Schiffe Slipanlagen oder Kräne eingesetzt.

Slipanlage: Eine Slipanlage ist eine schräge Rampe, die bis ins tiefere Wasser hinein befestigt ist. Mit ihr können Schiffe aus dem Wasser geholt oder zu Wasser gelassen werden. Zum Slippen eines Schiffes wird der leere Slipwagen unter die Wasserlinie gefahren. Anschließend manövriert das Schiff über den Slipwagen und wird darauf mit einer Motorwinde aus dem Wasser gezogen. Der Begriff Slippen kommt aus dem Englischen und bedeutet schlüpfen oder gleiten. Slippen ist üblich bei Schiffen mit niedrigem Tiefgang, wie sie zum Fischen im Wattenmeer eingesetzt werden.

Schiffstechnik: Schiffstechnik ist der Oberbegriff für alle technischen Systeme und Geräte auf einem Schiff. Dazu zählen unter anderem elektronische (Radar, Seefunk), elektrische (Lenzpumpe, Krananlage) und mechanische (Winden, Ruderanlage) Anlagen, die für den Betrieb und die Navigation des Schiffes notwendig sind.

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