Test im Landkreis Leer Notfallkrankenwagen – Sparmodell oder Ausbau des Rettungswesens?
Notfallkrankenwagen sind im Ammerland und anderswo erfolgreich erprobt worden. Warum hat der Rettungsdienst im Kreis Leer jetzt einen Test bezüglich dieser Fahrzeuge gestartet – und wie läuft der ab?
Ostfriesland - Bekommen Rettungsdienste in Ostfriesland bald ein neues Einsatzfahrzeug, den Notfallkrankenwagen? Im Landkreis Leer hat zum 1. Januar eine Testphase begonnen, die unter anderem klären soll, wie viele Einsätze für solche Fahrzeuge anfallen würden. Zur Orientierung: Bisher gibt es in Ostfriesland Rettungswagen, Krankentransportwagen und Mehrzweckfahrzeuge. Letztere sind von Technik und Besatzung her Rettungswagen, sie übernehmen aber zusätzlich Krankentransporte.Im Landkreis Ammerland fährt der Rettungsdienst schon bisher eine andere Strategie: „Mehrzweckfahrzeuge sind in Niedersachsen nicht vorgesehen und auch nicht im Paragraf 9 des Niedersächsischen Rettungsdienstgesetzes definiert“, schreibt Rettungsdienst-Geschäftsführer Michael Peter. „Wir setzen Krankentransportwagen, Notfallkrankenwagen und Rettungswagen für den Patiententransport ein, je nach Bedürftigkeit.“
Was ist ein Notfallkrankenwagen?
Der Notfallkrankenwagen ist zwischen Rettungswagen und Krankentransportwagen angesiedelt – was die Technik und die Qualifikation der Besatzung betrifft. „Ein Notfallkrankenwagen hält etwas weniger Medizintechnik vor, ist aber trotzdem geeignet lebensrettende Maßnahmen wahrzunehmen“, schreibt der Ammerländer Rettungsdienst-Chef. Das Fahrzeug sei in der Regel mit einem Rettungssanitäter und einer „geeigneten Kraft“ besetzt. Die „geeignete Kraft“ sei ein Rettungssanitäter, der laut Rettungsdienstgesetz mindestens 100 Notfallrettungseinsätze mitgemacht haben muss, um über „die notwendige Einsatzerfahrung“ zu verfügen.
„Wie in Pilotprojekten erfolgreich begonnen, müssen Projekte wie der Gemeindenotfallsanitäter oder Notfallkrankenwagen in den Regelbetrieb überführt werden, um Rettungswagen und Notärzte zu entlasten und nicht jedem Notruf eine Krankenhausbehandlung folgen zu lassen.“ Das forderte im Dezember das bundesweite „Bündnis pro Rettungsdienst“. Aber ist der Notfallkrankenwagen überhaupt zur Entlastung gedacht?
Leeraner Notfallkrankenwagen mit Rettungswagen-Besatzung?
Notfallkrankenwagen können die Rettungswagen nur dann entlasten, wenn sie zusätzlich zu den bisherigen Fahrzeugen eingesetzt werden. Wenn die Rettungswagen-Flotte zugunsten von Notfallkrankenwagen verkleinert wird, dann handelt es sich um eine Sparmaßnahme – um an der Technik und der Bezahlung des (weniger qualifizierten) Personals zu sparen. Vor diesem Hintergrund ließ es aufhorchen, dass im Landkreis Leer Notfallkrankenwagen auch mit einem Notfallsanitäter besetzt werden – sie also mit höchstqualifiziertem Personal und folglich mit Rettungswagenbesatzung fahren. So berichtete es eine Einsatzkraft des DRK-Rettungsdienstes.
In Anbetracht der Personalengpässe in ostfriesischen Rettungsdiensten hat unsere Zeitung beim Landkreis Leer nachgefragt, ob in den Notfallkrankenwagen tatsächlich Notfallsanitäter mitfahren, die folglich in der fraglichen Zeit nicht für Rettungswagen zur Verfügung stehen. Die Antwort der Kreisverwaltung: „Der Einsatz ist aktuell nur virtuell, wird also simuliert. Somit fällt auch kein Notfallsanitäter in einem Rettungswagen aus.“
Wie läuft ein virtueller Notfallkrankenwagen-Test ab?
Ein virtueller Notfallkrankenwagen-Test – was soll denn das sein? Um das zu klären, ging eine Anfrage an Markus Wucherpfennig, den Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienstes im Landkreis Leer. Daraufhin meldete sich aber erst nochmal die Kreisverwaltung, um zu vermeiden, dass die bisherige Antwort zu Missverständnissen führt: „Es fährt ein Rettungswagen mit Rettungswagenbesatzung – der Einsatz wird aber als Notfallkrankenwagen-Einsatz klassifiziert, wenn er denn einer gewesen wäre. So weiß man nach der Testphase, wie viele Notfallkrankenwagen-Einsätze es in dieser Zeit gegeben hätte.“
Hat der Ammerländer Rettungsdienst den Notfallkrankenwagen einst auch so erprobt? Geschäftsführer Peter schreibt: „Wir haben keine Testphase bestritten. Eine längere Testphase gab es in der Stadt Hannover und in der Stadt Wiesbaden, die dieses Rettungsmittel getestet und wissenschaftlich evaluiert haben. Aufgrund der dortigen Erfahrungen wurde auf Landesebene im Landesausschuss Rettungsdienst umfangreich analysiert und es wurden entsprechende Empfehlungen ausgesprochen.“
Im Landkreis Leer wurde ein neues Einsatzstichwort eingeführt
Aber darauf allein haben sich die Ammerländer auch nicht gestützt: „Mit einer Analyse unseres Einsatzgeschehens konnten wir sehr gut feststellen, welche Art von Einsätzen der Notfallkrankenwagen leisten soll“, so Peter. „Beispielsweise haben wir ein Jahr lang vor Einsatz des Notfallkrankenwagens sogenannte Rettungswageneinsätze ohne Sondersignal analysiert und festgestellt, dass hierfür nicht die Kenntnisse eines Notfallsanitäters notwendig sind und auch eine geringere Ausstattung des Fahrzeuges sachgerecht ist.“
Über den Notfallkrankenwagen-Test im Landkreis Leer berichtete der dortige Rettungsdienst-Chef: „Für die Ermittlung eines möglichen und zukünftigen Bedarfs werden seit dem 1. Januar 2023 in Absprache mit der Kooperativen Rettungsleitstelle Ostfriesland und dem Landkreis Leer gesonderte Einsatzstichworte verwendet. Diese Stichworte werden allen Fahrzeugen zugeordnet – so, wie die entsprechenden Notrufe eingehen. Es werden keine Fahrzeuge reduziert oder hinzugenommen. Auch personelle Veränderungen werden nicht vorgenommen. Lediglich die kategorische Einteilung wird durch die Kooperative Rettungsleitstelle Ostfriesland anders bewertet.“
Leeraner Kreisverwaltung erwartet Antworten auf mehrere Fragen
Wie lange die Erprobung geht, auf diese Frage antwortet Geschäftsführer Wucherpfennig: „Die Erprobung ist für das erste Quartal 2023 geplant.“ Ob für das ganze Quartal, das bleibt offen. Er erläutert: „Der grundsätzliche Nutzen eines Notfallkrankenwagens ist bekannt. Ziel ist, den möglichen Bedarf zu ermitteln.“
Die Kreisverwaltung formuliert Fragen, auf die sie sich Antworten erhofft: „Wie viele Einsätze, zu denen der Rettungsdienst gerufen wird, sind tatsächlich Rettungseinsätze? In welchen Fällen wäre auch ein sogenannter Notfall-Krankentransportwagen ausreichend? Welche Vor- und Nachteile hätte eine Trennung?“ Die Verwaltung fügt hinzu: „Erst wenn es tatsächlich dazu käme, dass ein System mit Notfallkrankenwagen eingeführt würde, hätte dies auch Auswirkungen auf die personelle Zusammensetzung innerhalb des Rettungsdienstes.“
Wie laufen die Notfallkrankenwagen-Einsätze im Ammerland?
Im Ammerland fahren bereits drei Notfallkrankenwagen: „Es sollen Patienten transportiert werden, die eine Erkrankung oder Verletzung aufweisen, ohne zu erwartende Verschlechterung oder Vitalbedrohung im überschaubaren Verlauf, die ambulanter oder stationärer Behandlung bedürfen“, erläutert Geschäftsführer Peter. „Die Patienten sind transportfähig. Sie benötigen keine apparative Ausstattung und/oder Personalqualifikation wie auf einem Rettungswagen, um den Transport durchzuführen. Es handelt sich um Bagatellverletzte oder Erkrankte, beispielsweise Fingerfraktur, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Rücken- oder Bauchschmerzen seit drei Wochen.“ Peter erklärt: „Diese Patienten haben bislang die Rettungswagen belegt und so hochwertige Ressourcen gebunden, was nicht notwendig ist.“
Der Ammerländer Geschäftsführer kommt zu dem Ergebnis: „Der Notfallkrankenwagen hat sich sehr bewährt.“ Dadurch könne eine Überlastung des „Systems Rettungswagen“ durch Bagatellverletzte und Erkrankte vermieden werden. „Ohne Differenzierung wird Hilfe im lebensbedrohlichen Notfall zukünftig, durch den bestehenden Fachkräftemangel immer schwerer zu leisten sein.“
Peter hat noch weitere Effekte des Notfallkrankenwagen-Einsatzes ausgemacht: „Dies senkt auch Frustrationen auf Seiten der Notfallsanitäter, da sie in einem Bereich eingesetzt sind, wofür sie ausgebildet wurden. Nämlich den lebensbedrohlichen Notfall zu betreuen. Gleichzeitig erhöht sich die Berufszufriedenheit der Rettungssanitäter, die neben Fahrertätigkeiten nunmehr auch wieder mehr Versorgung leisten können und sollen.“
Lebensretter müssen mehr Dienst tun, als sie bezahlt bekommen
Rettungswagen-Einsätze während Prüfung der Einsatzbereitschaft
Reichen fünf Notarzt-Stützpunkte für Ostfriesland?
Wer rettet den Rettungsdienst in Ostfriesland?
103 Minuten auf Rettungsdienst gewartet – massiver Blutverlust
Sanitäter aus Nachbarkreisen müssen im Landkreis Leer aushelfen
Wie oft wird der Rettungsdienstbedarf in Ostfriesland überprüft?
Bundesweit Probleme im Rettungsdienst – auch in Ostfriesland
Braucht Ostfriesland mehr Rettungskräfte?