Osnabrück  „Titus“ im Theater Osnabrück: Mozart bleibt Mozart - aber...

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 22.01.2023 13:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Bösartig, aber manchmal auch sehr lustig: Marysol Schalit als Vitellia in Mozarts „Titus“ am Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
Bösartig, aber manchmal auch sehr lustig: Marysol Schalit als Vitellia in Mozarts „Titus“ am Theater Osnabrück. Foto: Stephan Glagla
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Die Premiere war ein Erfolg - wie auch nicht, wenn eine Mozart-Oper auf dem Programm steht. Das Theater Osnabrück verlässt sich aber nicht auf die berühmten Klassiker, sondern wagt sich an den unpopulären „Titus“.

So einen Regierungschef wünschen wir uns doch, oder? Einen, der zuhört, der Entscheidungen revidieren, der vergeben und Milde walten lassen kann. Dass sein Vertrauter Sesto ihn ermorden wollte? Dass seine potenzielle Gattin Vitellia Sesto angestiftet hat? Dass es überhaupt rumort im Staate, Rom in Schutt und Asche liegt? Egal. Tito schüttet seine Milde, seine Vergebung mit der Gießkanne aus, niemand kann sich dem entziehen.

Wir wissen nicht, wie Mozarts Oper „La clemenza di Tito“ bei der Uraufführung am 6. September 1791 anlässlich der Krönung Kaiser Leopolds zum König von Böhmen ausgesehen hat. Wir wissen nicht wirklich, wie sie aufgenommen wurde: Die „porcheria tedesca“, die deutsche Schweinerei, von der die Österreichische Kaiserin gesprochen haben soll, entstammt wohl dem Reich der Fabel. Wir ahnen aber nach der Premiere im Osnabrücker Theater am Domhof, warum die Oper so selten auf den Spielplänen steht.

Durch die Anfangstakte der Ouvertüre eilt der Osnabrücker Generalmusikdirektor Andereas Hotz ein wenig flüchtig, so, als stelle er gleich zu Beginn die Machtfrage, indem er den majestätisch-repräsentativen Charakter der ersten Akkorde bewusst konterkariert. Danach entfaltet das Osnabrücker Symphonieorchester einen feinen, vibrierenden Klang, leuchtet Höhen und Tiefen mit der unerlässlichen Leichtigkeit aus, die Mozart zwingend verlangt. Das ist ja schon mal die halbe Miete.

Wenn sich in der Mitte der Ouvertüre der Vorhang im Theater am Domhof hebt, sehen wir eine Säulenhalle, darin eine Herrscherstatue, an der zwei Dienstboten herumpolieren. Nebel wabert – oder sind das die Wolken, über denen der Repräsentativbau schwebt, fernab der Realität unten beim Volk? Misstrauen etwa Regisseur Hendrik Müller und sein Ausstatter Marc Weeger genauso wie Hotz der herrschaftlichen Geste der Musik und womöglich auch der „clemenza“, der Milde, von der im italienischen Titel der Oper die Rede ist?

Wenn die Titelfigur Tito vom Himmel herabsinkt, in der gleichen Pose wie die Statue in der Säulenhalle, wird sehr schnell deutlich, dass Tito keineswegs ein milder Landesvater ist, sondern ein Tyrann. Wobei Tenor Aljoscha Lennert in der Titelpartie die lyrischen Töne, die weiche Seite des Tito sehr schön herausarbeitet und weniger die Aggressivität, in der Tito genauso unberechenbar ist wie in seiner Milde.

Angesiedelt ist das Stück im antiken Rom, und wenn auch einige Tyrannen zeitgenössische Vorbilder abgeben würden, belässt es Müller auch dort und beschränkt sich auf ein paar (religions-)kritische Andeutungen. Wichtiger ist ihm das Erbe der Barockoper, an das Mozart anknüpft, und das zeigt der Abend in aller optischen Pracht. Tito im üppigen Königsblau, seine Rivalin Vitellia mit ausladender Barockperücke und mal im Glitzerumhang, mal im hautengen, hautfarbenen Nacktdress, Titos Berater Publius in der roten Kardinalssoutane: Dieser „Titus“ ist ein Fest für die Augen, dank der opulenten Kostüme, die ebenfalls von Marc Weeger stammen.

Bei aller politischen Ränke treibt, natürlich, die Liebe die Handlung voran. Sesto liebt Vitellia und lässt sich von ihr anstacheln, Tito zu ermorden. Der Plan schlägt fehl; Sesto droht der Tod. Sestos Freund Annio – im goldglänzenden Jackett und mit feiner Stimme: Anna Kudriashova-Stepanets – liebt wiederum Sestos Schwester Servilia, die sich aber Tito als Frau ausgesucht hat. Diese Servilia singt und spielt, mit einer bezaubernden Arie im zweiten Akt, Julie Sekinger.

Dreh- und Angelpunkt der Oper ist aber Sesto. Olga Privalova füllt diese Rolle mit großer Präsenz und ihrem agilen Mezzo. Ihr „Parto, Parto“ im ersten Akt ist zusammen mit der gefühlvoll gespielten Soloklarinette, ein Höhepunkt im ersten Akt und überhaupt einer der wenigen Hits, die es aus dem „Titus“ in die Klassikprogramme von Radios und Operngalas geschafft haben.

Die gesamte Oper tut sich hingegen schwer auf den Bühnen. Und so sehr Regisseur Hendrik Müller für das Stück wirbt – „es ist eine Oper, die man zweimal erleben sollte“, sagt er – und so intensiv er daran gearbeitet hat, der Handlung Schwung zu verleihen: Das Stück ist eben nicht der große Wurf, wie Mozart ihn etwa parallel mit Emanuel Schikaneder in der „Zauberflöte“ hingelegt hat.

Trotzdem: Müller holt, gemeinsam mit Ausstatter Weeger, das Bestmögliche heraus. Er lässt die Erotik des Androgynen hochleben mit den Frauen, die Männerrollen singen, er hat sogar, dank der wunderbaren Marysol Schalit, Momente von Shakespearehafter Dimension: Schalit singt nicht nur wunderbar, sondern ist einerseits die skrupellose Intrigantin, andererseits die Figur, die der tragischen Handlung komödiantische Momente abgewinnt.

Auch das weitere Gesangsensemble sowie der Chor unter Sierd Quarré lässt sich schön hören und anschauen. Hotz und das Osnabrücker Symphonieorchester spielen mit der nötigen Dramatik und der unerlässlichen Leichtigkeit, die diese Musik braucht, und bei allen Einwänden, die man gegen das Stück anführen könnte: Mozart bleibt Mozart.

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