Ein Leben als Autist Seit er nicht mehr „funktioniert“, ist er viel zufriedener
Holger Korte erfuhr erst im Alter von 42 Jahren nach einem Leben voller Höhen und Tiefen, dass er das Asperger-Syndrom hat. Mit dieser Diagnose geht er nun bewusst in die Öffentlichkeit.
Wittmund - Holger Korte hat mit seinen 54 Jahren schon so manches erlebt. Sowohl beruflich als auch privat liegen turbulente Jahrzehnte hinter ihm. Der Vater von vier Kindern beschreibt sein altes Ich als erfolgreichen Unternehmer, Chef von 50 Mitarbeitern und Strippenzieher verschiedener Firmen – kurzum ein echter Workaholic. Heute ist vieles anders. Alles, was er sich mittlerweile für sich wünscht, ist ein selbstbestimmtes Leben. Und genau das weiß er absolut zu schätzen: „Jetzt lebe ich erst. Davor habe ich funktioniert.“ Korte hat es mittlerweile „schwarz auf weiß“, wie er selbst sagt: Er ist Autist, lebt mit dem Asperger-Syndrom. Bevor er offiziell seine Diagnose gestellt bekam, habe er einen Menschen mit Asperger-Syndrom getroffen – und sah irgendwie sich selbst: „Er war wie mein Ebenbild.“ Das ist mittlerweile zwölf Jahre her.
Was und warum
Darum geht es: Holger Korte lebt als Autist mit dem Asperger-Syndrom. Die Diagnose kam spät. Lange wusste er nicht, was in seinem Leben nicht stimmte.
Vor allem interessant für: Menschen, die die Einzigartigkeit jedes Einzelnen zu schätzen wissen
Deshalb berichten wir: Jeder geht mit einer das Leben verändernden Diagnose anders um. Holger Korte will über seinen Weg und seine Behinderung reden – und damit ein Bewusstsein schaffen. Durch sein erstes Buch wurde die Redaktion auf ihn aufmerksam. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Menschen mit dem Asperger-Syndrom und Autisten generell haben eines gemeinsam: Sie können soziale und emotionale Signale in der Folge ihrer komplexen und vielgestaltigen neurologischen Entwicklungsstörung nur schwer einschätzen, schreibt der Bundesverband Autismus Deutschland. „Die Reaktionen auf Gefühle anderer Menschen oder Verhaltensanpassungen an soziale Situationen sind selten angemessen.“ Oft verhalten sie sich so, wie sie glauben, dass ihr Umfeld es verlangt: Sie „funktionieren“ und reagieren mit eingeübten Verhaltensweisen. Holger Korte bezeichnet sein altes Ego heute rückblickend als einen Schauspieler.
Ärzte stellten tödliche Diagnose – und nahmen sie zurück
Korte ist zu 70 Prozent schwerbehindert. Er hatte über Jahre hinweg deswegen einen Betreuer. Das ist nun vorbei. Er wolle selbst entscheiden, wie er sein Leben gestaltet. Asperger-Autisten sind nicht selten zu besonderen Leistungen fähig: Sie entwickeln dem Bundesverband zufolge „eine normale allgemeine, in Teilgebieten besonders hohe Intelligenz“. Es sind Spezialbegabungen, in denen sie glänzen. Prominente Beispiele sind Klimaaktivistin Greta Thunberg, Tesla-Chef Elon Musk oder aber der fiktive Wissenschaftler Dr. Sheldon Cooper aus der Fernsehserie „The Big Bang Theory“. Auch Korte war in seinem früheren Leben als Bauunternehmer und Immobilienverwalter durchaus erfolgreich. Zufrieden war er mit den Zwängen, die das mit sich brachte, allerdings nie: Geselligkeit habe er stets besser durch den Konsum von Alkohol ertragen können.
Die Diagnose Autismus war für Holger Korte nur das Ende einer langen Odyssee: Schon im November 2010 erhielt er eine potenziell tödliche Diagnose. Bei ihm wurden zwei Tumore in der Bauchspeicheldrüse entdeckt. Er dachte, er müsse sterben. „Der Chefarzt sagte: Wenn Sie Glück haben, werden Sie Weihnachten erleben.“ Erst Tage später kam die Entwarnung: Die Tumore waren gutartig. Es war ein Weckruf, verbunden mit einer dringenden Empfehlung der Ärzte: Korte sollte seine Lebensweise grundlegend ändern. Was er noch nicht tat.
Resultat war ein Totalzusammenbruch
Obwohl körperlich geschwächt, musste er einfach zurück ins Büro seines Bauunternehmens: „Ich habe es nicht mehr ausgehalten.“ Die Quittung kam prompt: Eines Abends fand seine Frau ihn unter seinem Schreibtisch liegend, erinnert er sich. „Dann habe ich gemerkt: Es geht nicht mehr so weiter.“ Er sei bei einer Körpergröße von 1,87 Metern auf 40 Kilo abgemagert gewesen, die Überforderung und Reizüberflutung verursachte ihm Schmerzen im Kopf.
Das Resultat war ein Totalzusammenbruch: Endlich merkte auch Korte selbst, dass er so nicht weitermachen konnte. Es folgten Aufenthalte in der offenen und geschlossenen Psychiatrie – und die private Insolvenz, da der selbstständige Unternehmer nicht mehr arbeiten konnte. Von seinem „Imperium“ blieb ihm nichts. Zwischenzeitlich stand er ohne einen einzigen Cent da und wusste nicht, wovon er leben sollte. Damals seien die Mediziner noch davon ausgegangen, Korte sei in eine schwere Depression verfallen.
„Ich hab mein Leben lang gegrinst“
Die Überforderung und Reizüberflutung wie Holger Korte sie erlebte, ist bei Asperger-Autisten nicht selten. Davor habe er sie oft gespürt, aber nie so massiv. Und sie weggelächelt. „Ich hab mein Leben lang gegrinst. Das war Überforderung. Aber das wusste ich nicht.“ Er sei am liebsten allein. Das war schon als Kind und Jugendlicher so, aber er habe sich angepasst, so gut er konnte. Dennoch habe er immer wieder gesagt bekommen, dass mit ihm etwas nicht stimmen könne.
Heute ergibt vieles für ihn einen Sinn. Die späte Diagnose wirft Fragen auf: „Es ist schon komisch – angeblich hat es keiner gemerkt.“ Mit seinem ersten Buch „Offene Psychiatrie – Wenn nichts mehr geht“ hat er angefangen, Erfahrungen und Erlebnisse aufzuschreiben. Mittlerweile arbeitet er an weiteren Büchern: über seine Kindheit, das Erwachsenwerden, aber auch seine Zeit in der geschlossenen Psychiatrie. Dieser Schritt ist eine Mischung aus Selbsttherapie und Coming Out als Asperger-Autist.
„Ich nehme Euch mit in meine Welt“
Sein Credo lautet: „Ich nehme Euch mit in meine Welt.“ Er liest aus seinem Erstlingswerk, spricht über sein Leben, beantwortet Fragen von Betroffenen, deren Angehörigen und auch Menschen, die noch nie wissentlich mit einem Autisten in Kontakt waren. Er will Autisten eine Stimme geben, auch wenn er nur für sich selbst spreche.
Die Erfahrungen eines jeden Einzelnen im Leben und Umgang mit dieser Behinderung seien sehr individuell. Korte sagt klar: „Ich leide nicht.“ Gleichwohl wisse er heute durch die Rückmeldungen anderer, dass vor allem die Menschen im Umfeld von Autisten leiden. Weil sie nicht verstehen können, wie ein Mann wie Holger Korte tickt. Dieses Verständnis will er fördern. „Und ich will auch über die Stärken reden. Es sind nicht nur Schwächen“, unterstreicht er. Das nächste Mal wird das auf der Genuss Messe in der Sparkassen-Arena Aurich am Sonnabend, 11. Februar, und Sonntag, 12. Februar, in der Zeit von 11 bis 17 Uhr sein.