Heute ist Zeugnistag  Über die Abschaffung von Noten und die Hilfe bei Sorgen

Dorothee Hoppe
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Von Dorothee Hoppe
| 27.01.2023 10:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Noten sind ein großes Thema bei Schülerinnen und Schülern. Foto: Michael Löwa/DPA
Noten sind ein großes Thema bei Schülerinnen und Schülern. Foto: Michael Löwa/DPA
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An diesem Freitag gibt es Zeugnisse. Doch wie steht Ostfriesland zu Noten? Und wo gibt es Hilfe bei Sorgen rund um das Zeugnis?

Ostfriesland - Die Klarsichtfolien werden bereitgelegt. Auf den Schulfluren und zuhause gibt es gerade kaum ein anderes Thema: Die Halbjahreszeugnisse stehen an. Immer wieder geht es darum, wie gut oder schlecht man in einem Fach abschneidet. Untereinander wird bei Schülerinnen und Schülern viel verglichen.

Aber können Noten in der Schule überhaupt gerecht sein? Viele Expertinnen und Experten finden, das geht nicht. Manche sind sogar dafür, sie abzuschaffen. Wir haben an einigen Schulen in Ostfriesland nachgefragt, wie Kinder und Lehrer zu Noten stehen.

Schülerinnen freuen sich auf die Noten

„Bei dem Gedanken an die Zeugnisse geht es mir gut. Ich freue mich darauf!“, sagt Leonie de Vries. Die Elfjährige besucht die 6. Klasse der Freien Christlichen Schule Ostfriesland (FCSO) in Moormerland. Anna Müller aus Rorichum freut sich ebenfalls schon darauf, am Freitag ihr Zeugnis in den Händen zu halten: „Ich bin aufgeregt, meine Noten zu erfahren“, sagt die Neunjährige, die in die 4. Klasse der Plytenbergschule in Leer geht. Sie freut sich vor allem, wenn sie gute Noten bekommt. Auch die zehnjährige Isabelle Pancke, Schülerin der Grundschule Langholt in Rhauderfehn, fühlt sich bei guten Noten gut. Ähnlich geht es Lilly Brabandt: „Ich bin dann glücklich und freue mich darüber.“ Die zwölfjährige Ostrhauderfehnerin besucht die Schule am Osterfehn.

Anders sieht es da bei schlechten Noten aus: „Ich ärgere mich darüber, weil ich hätte besser lernen müssen“, erzählt Lilly Brabandt. „Bei schlechten Noten bin ich enttäuscht, weiß aber, dass ich im nächsten Halbjahr besser aufpassen muss“, zieht Anna Müller aus Rorichum für sich einen ähnlichen Schluss. „Ich habe das große Glück, dass ich bis jetzt nur gute Noten hatte“, erklärt Leonie de Vries. „Ich fände es nicht gut, wenn es keine Noten mehr gibt, da ich mich dann selbst schlechter einschätzen könnte“, sagt die Sechstklässlerin aus Moormerland. Isabelle Pancke fände es ebenfalls „doof“, keine Noten mehr zu bekommen, „weil man dann ja nicht weiß, wie gut man ist“. Lilly Brabandt geht es ähnlich wie den anderen: „Ich würde es nicht gut finden, weil ich dann keine Kontrolle habe, wie ich bin – also ob ich gut bin oder schlecht und ich nicht weiß, wo ich mich verbessern muss.“ Anna Müller fände ein Leben ohne Schulnoten „so mittel, denn ohne Noten könnte man sich nicht mehr über gute Noten freuen, aber man kann auch nicht mehr enttäuscht sein, wenn man schlechte Noten hätte.“

Noten müssen immer besprochen werden

Was die Schülerinnen zu einer möglichen Abschaffung sagen, bestätigt Rüdiger Musolf: „Noten dienen in erster Linie der Selbsteinschätzung, ob jemand zum Beispiel für ein Lateinstudium geeignet wäre.“ Er ist seit 1986 Lehrer und zurzeit Schulleiter am Gymnasium Ulricianum in Aurich. Das Beispiel mit dem Lateinstudium fiel ihm als erstes ein, da er selbst Latein unterrichtet. „Wenn wir ganz auf Leistungsbewertung verzichten würden, hätten die Schüler selbst, aber auch Universitäten und Betriebe keine Möglichkeit mehr, die Leistung einzuschätzen.“ Jens Mocha, seit über 16 Jahren Lehrer für Mathe und Sport am Ubbo-Emmius-Gymnasium (UEG) in Leer, sieht das ähnlich: „Schule ist auch eine Vorbereitung auf das Leben.“ Deshalb findet er Noten richtig und wichtig. Dabei spreche er vor allem für Gymnasien.

Die Note dürfe aber nicht alleinstehen. „Zu einer Benotung gehört immer auch ein Gespräch für die Transparenz. Diese Kombination ist mir wichtig“, betont Mocha, der als Vertrauenslehrer immer besonders viel mit den Schülerinnen und Schülern im direkten Austausch steht. Ein Gespräch sei vor allem wichtig, wenn es um schlechte Noten gehe. „Die machen etwas mit einem Kind und man muss es dann wieder motivieren.“ Eine verbesserte Note sei dann „ganz viel Wert“, findet Mocha. Rüdiger Musolf aus Aurich fände es auch nicht richtig, die Schulnoten abzuschaffen. „Das Notensystem sagt nicht alles über die Gesamtleistung eines Menschen aus, aber es gibt bisher nichts Besseres“, meint der Schulleiter. „Wir müssen Leistung abstufen können und dazu sind Noten ein brauchbares Hilfsmittel.“ Aber wie könnte das Schulleben so ganz ohne Zeugnisse mit Zahlen aussehen?

Schriftliche Bewertungen wären kaum möglich

„Wenn die Noten wegfallen würden, müsste im Grunde für jeden Schüler ein sehr ausführliches Gutachten erstellt werden“, erklärt Musolf. Das sei mit teils so vielen Schülerinnen und Schülern wie zum Beispiel am Ulricianum in Aurich gar nicht möglich. Dort werden immerhin über 1900 Kinder und Jugendliche unterrichtet. So eine schriftliche Bewertung nennt man „Lernbericht“, die an einigen anderen Schulformen wie Förderschulen eingesetzt werden, wie Mocha weiß. „Solche Lernberichte zu schreiben, wäre eine wahnsinnige Aufgabe. Andere Aufgaben müssten wegfallen, weil das sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde“, meint der Vertrauenslehrer. In einzelnen Fächern wie Sport oder Kunst hält er es jedoch für möglich.

„Es gibt auch Qualifikationen, die nicht in Noten bewertet werden können“, sagt Rdiger Musolf. So gebe es zum Beispiel Schüler, die die Schule mit einem nicht so guten Notenzeugnis verlassen, aber erfolgreich in ihrem Beruf sind. „Das sind Qualifikationen, die wir zum Beispiel in Form von AGs fördern, die aber nicht bewertet werden“, sagt der Schulleiter. Insgesamt scheint also sowohl die Schülerseite als auch die Lehrerseite mit dem Notensystem so ganz zufrieden zu sein. Wichtig ist, sich nicht von schlechten Noten runterziehen zu lassen. Falls das doch mal der Fall sein sollte, gibt es das Zeugnistelefon.

Die Halbjahreszeugnisse werden verteilt. Für Sorgen in dem Zusammenhang gibt es das Zeugnistelefon. Foto: Jonas Güttler/DPA
Die Halbjahreszeugnisse werden verteilt. Für Sorgen in dem Zusammenhang gibt es das Zeugnistelefon. Foto: Jonas Güttler/DPA

Was ist das Zeugnistelefon?

Das Zeugnistelefon ist für alle Fragen, Nöte und Ängste rund um das Zeugnis. Zum Beispiel wenn man sich unsicher ist, ob man ein Jahr wegen schlechter Noten wiederholen muss, oder wenn man Schwierigkeiten mit seinen Lehrern hat. Dann sind die Schulpsychologen am Freitag, zu dem die Zeugnisse ausgeteilt werden, von 9 bis 16 Uhr erreichbar. Sie sind echte Experten auf diesem Gebiet, da sie in den letzten Jahren viele Erfahrungen in der Schulberatung sammelten.

Bereits seit 2011 kommt das Zeugnistelefon jährlich zum Einsatz. Natürlich gab es auch davor schon Zeugnisse. „Jedes Mal stellten wir in der Schulpsychologie fest, dass es ein wichtiger Tag war und immer jemand benötigt wurde, der an dem Tag telefonisch für Ratsuchende Anruferinnen und Anrufer erreichbar war“, berichtet Gertrud Plasse. Sie ist Schulpsychologin und Leiterin der Schulpsychologie im Regionalen Landesamt für Schule und Bildung in Hannover. Das Landesamt sorgt dafür, dass Schülerinnen und Schüler soziale Unterstützung von Menschen bekommen können.

Nicht nur für Schüler und Schülerinnen gedacht

Am Zeugnistelefon hören sich Schulpsychologinnen und -psychologen die Sorgen an und versuchen, die Probleme der Kinder und Jugendlichen zu lösen. Ganz ohne Anmeldung oder lange Wartezeit. Aber auch an allen anderen Tagen im Jahr hat man die Möglichkeit, anzurufen, sollte es Probleme in der Schule geben. „In einer schwierigen Situation, in der man nicht mehr weiter weiß, ist es immer besser, einmal zu viel irgendwo anzurufen als einmal zu wenig“, findet Plasse.

Nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer, Omas und Opas, Eltern und weitere Bekannte können sich an die Servicestellen wenden. Ein Anruf ist nämlich ebenfalls ratsam, wenn jemand anderes unbedingt Hilfe braucht und man selbst nicht weiß, wie man helfen soll. „Die Psychologinnen und Psychologen hören zu und nehmen sich Zeit. Sie überlegen dann gemeinsam mit dem Anrufer oder der Anruferin, wie es weitergehen kann“, erklärt Plasse. „Dazu gehört es, einen konkreten Plan zu entwickeln, mit wem man sprechen möchte und wer aus dem persönlichen Umfeld gegebenenfalls unterstützen könnte.“ Besonders Lehrer würden sich als Unterstützung eignen, genauso wie Familienmitglieder und Freunde. „Jedes Kind braucht wenigstens eine Person, die ihm signalisiert: Ich bin für Dich da und stehe Dir bei. Egal, was passiert.“

Wer am Zeugnistag anrufen möchte, kann folgende Telefonnummer wählen: 0511/ 106-2461. Das Zeugnistelefon ist für psychologische Anliegen eingerichtet. Für Fragen zur Notenvergabe, zu Versetzungsentscheidungen oder anderen Inhalten des Zeugnisses vermittelt das Regionale Landesamt für Schule und Bildung Osnabrück die richtige Ansprechperson: 0541 / 77046-444.

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