Trotz Blutkonserven-Mangel  Wie es zur Abweisung von Blutspendern in Ostfriesland kam

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 29.01.2023 11:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Blutkonserven werden im Zentrallabor des DRK-Blutspendedienstes für Krankenhäuser und Praxen gefiltert und aufbereitet. Foto: Vennenbernd/dpa
Blutkonserven werden im Zentrallabor des DRK-Blutspendedienstes für Krankenhäuser und Praxen gefiltert und aufbereitet. Foto: Vennenbernd/dpa
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Der DRK-Blutspendedienst erklärt, warum er nicht flexibel reagieren kann, wenn deutlich mehr Blutspender kommen als erwartet. In Ostfriesland mussten Spendewillige deshalb abgewiesen werden.

Ostfriesland/Springe - Was sagt das niedersächsische Gesundheitsministerium dazu, dass es dem DRK-Blutspendedienst trotz Blutkonserven-Mangel nicht gelingt, allen Spendewilligen Blut abzunehmen? So ist es im Auricher Stadtteil Wiesens kürzlich passiert. Bei der Blutspendeaktion der dortigen Feuerwehr konnten 135 Blutspenden gewonnen werden – doch es hätten rund 180 werden können, meint Ortsbrandmeister Timo Seeberg. Er berichtet von Frustration und Ärger unter seinen ehrenamtlichen Helfern und bei den Spendewilligen, die abgewiesen werden mussten. Weil der Blutspendedienst zu wenig Personal geschickt hatte.

Das Gesundheitsministerium hat auf Anfrage unserer Zeitung mitgeteilt: „Uns liegen keine Informationen zu einer gehäuften Überschreitung der Kapazitätsgrenzen von Blutspendediensten vor.“ Nach Angaben eines in Niedersachsen tätigen Blutspendedienstes habe „die umfangreiche Berichterstattung über knappe Blutkonserven zu einem Anstieg an Blutspenden“ geführt, „der in Einzelfällen zu erhöhten Wartezeiten führen kann“.

Nur Einzelfälle? Es gibt überhaupt keine Zahlen

Der DRK-Blutspendedienst berichtet: „Auf einzelnen Terminen lag das Spendeaufkommen bis zu 80 Prozent über den des erwarteten Spendezahlen. Diese Aufkommensspitzen führen häufig zu langen Wartezeiten, da Sie organisatorisch nicht zu bewältigen sind.“ Und: „Die herausragende Resonanz auf die Spendenaufrufe der letzten Tage war in dieser Höhe nicht zu erwarten. Da die extremen Aufkommensspitzen auf den unterschiedlichen Terminen nicht vorhersehbar waren, konnten wir in der Kurzfristigkeit keine zusätzlichen Konservendienste einsetzen.“ Aber: „Es kommt sehr selten vor, dass wir spendewillige Personen nicht aufnehmen konnten.“

Das Gesundheitsministerium ging auf Anfrage unserer Zeitung „anhand der Einschätzung des Blutspendedienstes davon aus, dass es sich bei den von Ihnen beschriebenen Ereignissen um Einzelfälle handelt, nicht um ein strukturelles Problem der Blutspendedienste“. Wie viele Spendewilligen in Ostfriesland und darüber hinaus abgewiesen wurden oder aufgrund der Wartezeiten gegangen sind, ist vollkommen unklar. „Zu der Anzahl der Personen, die vor ihrer Erfassung den Spendetermin aus unterschiedlichen Gründen verlassen haben, können wir keine Daten zur Verfügung stellen“, schreibt der Blutspendedienst.

Warum die Blutpräparate-Reserven begrenzt sind

„Aufgrund der Komplexität“ der Thematik holte das Unternehmen „Blutspendedienst der Landesverbände des DRK in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Oldenburg und Bremen gGmbH“ in seiner Antwort an unsere Redaktion „ein wenig aus“. Die Versorgung der Kliniken mit Blutpräparaten erfolge bedarfsgerecht: „Das heißt, dass täglich so viel Blut abgenommen werden muss, wie es von Krankenhäusern tatsächlich benötigt und angefordert wird.“

Aufgrund der kurzen Haltbarkeiten der Präparate können laut Blutspendedienst keine hohen Lagerbestände aufgebaut werden: „Blutplättchen haben eine Lagerfähigkeit von lediglich vier Tagen, rote Blutkörperchen können maximal 49 Tage gelagert werden.“ Zudem sei der Blutbedarf in den vergangenen Jahren „coronabedingt sehr schwankend“ gewesen: „Aufgrund einer erhöhten Zahl von Personalausfällen (Corona und Grippewelle) konnten wir nicht alle geplanten Spendetermine durchführen.“ Im vierten Quartal 2022 seien die Blutspenden „deutlich zurückgegangen“.

Wie groß ist der Versorgungsmangel bei Blutpräparaten?

Die genannte Blutspendedienst gGmbH versorgt über ihre Institute Springe und Dessau die Bundesländer Niedersachsen, Bremen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und den DRK-Blutspendedienst Mecklenburg-Vorpommern: „Zur Sicherung der Blutversorgung über alle Blutgruppen benötigen wir in unseren Depots einen Mindestbestand von 10.000 Präparaten. Durch den Rückgang im Spendeaufkommen lagen wir bei einem Bestand von 7000 Präparaten und konnten unsere Kliniken bei einigen Blutgruppen nur eingeschränkt versorgen. Der optimale Bestand liegt bei 16.000 bis 18.000 Präparten.“

Das Gesundheitsministerium bewertet die Versorgungslage wie folgt: „Informationen über einen flächendeckenden Versorgungsmangel liegen nicht vor.“ Diese Auskunft lässt offen, wie groß der Versorgungsmangel ist – denn es wird nur kein „flächendeckender“ Mangel erkannt.

Wie Wartezeiten beim Blutspenden vermieden werden können

Zur aktuellen Situation schreibt der Blutspendedienst, dass sich „das Spendeaufkommen in den letzten Tagen deutlich verbessert“ habe: „Aktuell hat sich der Präparatebestand auf 9000 erhöht.“ Aber: „Wir sind noch nicht über den Berg.“ Und der Bedarf werde auch in den kommenden Wochen noch sehr hoch sein.

Bei unerwartet vielen Spendewilligen könne aus arzneimittelrechtlichen Gründen der „Spendetermin zeitlich nur eingeschränkt verlängert“ werden. Der Blutspendedienst beschreibt den Ablauf wie folgt: „Das Zeitfenster von der Punktion bis zum Abschluss des Herstellungsprozesses darf 24 Stunden nicht überschreiten. Innerhalb dieser Frist müssen die entnommenen Vollblute temperiert in unseren Teamstandorten zusammengeführt werden, von dort zu den Herstellungszentren in Springe oder Dessau transportiert und anschließend über einen mehrstündigen Prozess verarbeitet werden. Bei einer Überschreitung der 24-Stunden-Frist müssen die betroffenen Vollblutspenden verworfen werden. Die Termine beginnen zeitlich sehr unterschiedlich. Da die Vollblute von mehreren Spendeterminen zunächst gesammelt werden, beginnt die Frist mit dem frühesten Terminbeginn im Standortbereich unserer Entnahmeteams.“

Um mögliche Wartezeiten zu vermeiden, empfiehlt der Blutspendedienst, sich über die Terminsuche eine Spendezeit zu reservieren: www.blutspende-leben.de/blutspendetermine. Das gehe auch über die Blutspende-App: www.spenderservice.net. „Aktuell benötigen wir allein in Niedersachsen/Bremen täglich 2.500 Blutspenderinnen und Blutspender.“

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