Osnabrück  Dürfen wir Roger Waters und Anna Netrebko noch zuhören?

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 27.01.2023 11:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Als Sympathisant des BDS in der Kritik: Rockmusiker Roger Waters. Foto: telam/Picture-alliance
Als Sympathisant des BDS in der Kritik: Rockmusiker Roger Waters. Foto: telam/Picture-alliance
Artikel teilen:

Klingt wie “Schöner wohnen” und deshalb ziemlich unpassend, oder? Trotzdem: Schön ist das Leben. Und Kultur mehr als ein Sahnehäubchen. Schönheit entdeckt, wer sich gegen Hässlichkeit wehrt - und ein Leben mit allen Sinnen lebt.

Der eine findet ein Warzenschwein mit Davidsstern hübsch, die andere stört sich nicht an der Nähe zu einem Diktator: Rogers Waters und Anna Netrebko sind großartige Musiker, ja Berühmtheiten ihres Fachs. Sobald sie sich aber in die Politik mischen, erscheinen sie als fehlbar, mitunter sogar verblendet. Politische Misstöne verleiden einem dann die Freude an schöner Musik. Kann es sie da noch geben, die reine Kunst und das ungetrübte Vergnügen?

Politiker finden das gerade gar nicht. Sie fordern, Auftritte von Waters und Netrebko in Frankfurt und Wiesbaden abzusagen. Der Grund: Rogers Waters unterstützt die Bewegung „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ (BDS), die Musiker, Sportler, Firmen und Politiker dazu aufruft, nicht in Israel zu investieren oder dort aufzutreten. Anna Netrebko wird die Nähe zu Wladimir Putin vorgehalten. Sie habe sich nicht von dessen Krieg gegen die Ukraine distanziert. Das mag sogar zutreffen. Aber was wird aus der Freiheit der Kunst?

Lass sie doch singen, könnte man sagen. Was macht es, dass Musiker nichts von Politik verstehen. Ist Rogers Waters als Gesicht von Pink Floyd nicht eine Legende des Rock, Anna Netrebko mit ihrem bezwingenden Sopran keine Jahrhundertstimme? Das Leben ist schön – wenn ihre Musik ertönt. Und es wird hässlich, wenn man Rogers hetzen und Netrebko schleimen sieht. Kunst ist nicht einfach schön, sie führt oft auch mitten in das moralische Dilemma. Die letzte Documenta hat das mit ihrem Skandal um antisemitische Bildmotive überdeutlich gezeigt. Ein Desaster.

Ich war auch entsetzt, als ausgerechnet am Ort der Documenta Bilder auftauchten, die Juden rassistisch verunglimpften. Der ganze ideologische Stumpfsinn der BDS-Bewegung ist mir zuwider. Und ich mag Anna Netrebko nicht mehr hören, diese Busenfreundin der kalten Unterdrückung. Aber hilft es weiter, Künstler nach ihrer moralischen Eignung zu kategorisieren, ihnen Auftritte zuzugestehen oder zu verwehren?

Bei allen schweren Bedenken sage ich: Vorsicht vor Verboten! Wir behaupten gern, die Freiheit zu verteidigen, gegen Diktatoren, gegen Putin insbesondere, gegen Rassisten sowieso. Wenn das so ist, dann halten wir die Freiheit hoch, leben wir sie. Auch wenn es manchmal schwerfällt.

Debattieren, nicht ausgrenzen: Das muss die Devise sein. Kunst und Kultur bilden das Areal der Kontroverse. Wer frei leben will, diskutiert mit und entscheidet sich dann. Für mich ist die Sache klar: Roger Waters finde ich abstoßend. Und bei Anna Netrebko höre ich nicht mehr hin.

Ähnliche Artikel