Berlin  Wirtschaftsweise Grimm: Steigender Gasverbrauch durch sinkende Preise wäre gefährlich!

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 26.01.2023 15:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Reicht das Gas auch im kommenden Winter? Wenn keine Energie mehr gespart wird, könnte es nochmal kritisch werden, fürchtet die Wirtschaftsweise Veronika Grimm im Interview. Foto: Maksym Yemelyanov
Reicht das Gas auch im kommenden Winter? Wenn keine Energie mehr gespart wird, könnte es nochmal kritisch werden, fürchtet die Wirtschaftsweise Veronika Grimm im Interview. Foto: Maksym Yemelyanov
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Fast scheint es, die Energiekrise sei schon vorbei. Doch die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die die Strom- und Gaspreisbremsen der Regierung mitentwickelt hat, warnt: Lassen die - zum Glück -gesunkenen Preise den Gasverbrauch wieder hochschnellen, könnte es gefährlich werden.

„Für den kommenden Winter sollte noch keine Entwarnung gegeben werden“, sagt die Professorin im Interview mit unserer Redaktion.

Aber Grimm macht auch Hoffnung auf ein Ende der Krise. „Ab 2024“ könnte genug Flüssiggas kommen - und die Preise auf Dauer wieder senken, allerdings nicht ganz auf Vorkriegsniveau.

Frage: Frau Professor Grimm, die Gaspreise sind im Großhandel auf Vorkriegsniveau gesunken. Bleibt das so?

Antwort: Wir hatten viel Glück aufgrund der hohen Temperaturen und der geringen Nachfrage in China. Mit der Öffnung in China nach dem Corona-Lockdown kommt dort die Nachfrage nach Gas zurück. Das wird auch die Gasnachfrage aus China und somit den LNG-Preis erhöhen. Außerdem kann eine Kälteperiode in Europa zu Preissteigerungen beitragen. Bisher lief es also sehr glücklich. Aber für den kommenden Winter sollte noch keine Entwarnung gegeben werden!

Frage: Mal angenommen, auch der nächste Winter wird nicht außergewöhnlich kalt: Könnten die Preise dann womöglich doch auf niedrigem Niveau bleiben und auch die Verbraucherpreise bald wieder sinken?

Antwort: Der kommende Winter wird auf jeden Fall herausfordernd. Es gilt, die Speicher wieder aufzufüllen, ohne dass wir auf russisches Gas zurückgreifen können. Erst ab 2024 ist zu erwarten, dass die Kapazitäten für den Import von Flüssiggas ausreichen, so dass die Preise wieder deutlich sinken. Sie werden sich dann auf einem höheren Niveau einpendeln als vor der Krise.

Frage: Werden die derzeit niedrigeren Gaspreise den Verbrauch wieder hochschnellen lassen, auch in der Industrie, also eine Rückkehr von der Kohle-Verfeuerung zu Gas?

Antwort: Das ist gut vorstellbar, aber es wäre mit Gefahren verbunden in der aktuellen Situation. Bis zum kommenden Winter muss es oberste Priorität haben, einen Puffer zu behalten, um auf eine angespanntere Versorgungslage reagieren zu können. Da muss unter Umständen auch die Bundesregierung Anreize setzen, damit weiterhin Gas gespart wird.

Frage: Kann es sonst schwer werden, die Speicher im nächsten Herbst wieder vollzukriegen?

Antwort: Das wird davon abhängen, ob die Bundesregierung wie im vergangenen Herbst wieder Füllstandvorgaben macht. 2022 war die Vorgabe 85 Prozent zum 1. Oktober und 95 Prozent zum 1. November. Natürlich sind dadurch auch die Preise gestiegen und mehr Gas ist nach Europa geliefert worden.

Frage: Die Gaspreisbremse senkt die Motivation der Verbraucher erheblich, sich preiswertere Neuverträge zu suchen. Verschenkt der Staat dadurch nicht extrem viel Geld der Steuerzahler?

Antwort: Stimmt, die Anreize, den Anbieter zu wechseln, dürften niedriger sein. Allerdings kann man dagegen vermutlich wenig tun. Wichtig ist auch, dass während der Zeit, in der die Gaspreisbremse gilt, nicht zu viele Versorger aufgeben müssen. Das wäre ein Problem für den Wettbewerb nach der Energiekrise.

Frage: Gehen die aktuellen Tariferhöhungen von Energieversorgern - auch von Stadtwerken - bei sinkenden Großhandelspreisen eigentlich in Ordnung, oder wird hier Abzocke betrieben, die der Staat unterbinden sollte?

Antwort: Die Bundesregierung will Preiserhöhungen, die sich nicht mit steigenden Beschaffungskosten rechtfertigen lassen, im Rahmen der Missbrauchskontrolle unterbinden. Das dürfte Mitnahmeeffekte verhindern. Ein Verstoß gegen die Vorgaben kann für die Versorger also riskant sein.

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