Regenerative Energie Wie viele Windkraft- und PV-Anlagen verträgt Emden?
Die Stadt Emden sieht sich als Vorreiterin beim Ausbau von Erneuerbaren Energien. Doch der bundesweite Bedarf ist noch lange nicht gedeckt. Jetzt sollen neue Richtlinien her. Die Fraktionen zaudern.
Emden - Für den Ausstieg aus Kohle, anderen fossilen Energieträgern und Atomkraft braucht Deutschland Strom. Jede Menge. Und am besten ganz ganz schnell. Mit neuen Gesetzen und messbaren Vorgaben versuchen Bund und Land den Ausbau von Erneuerbaren Energien voranzutreiben. In Emden stößt die Offensive auf ein geteiltes Echo – für manchen ist die Grenze des Erträglichen offenbar erreicht: „Wir können nicht die Steckdose für ganz Niedersachsen sein“, findet Gregor Strelow, SPD-Mann und Ratsvorsitzender. „Jetzt müssen auch mal andere ran“, sagte er am Donnerstag im Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt und Klimaschutz des Emder Rates.
Was und warum
Darum geht es: die Energiewende und die Rolle der Stadt Emden dabei
Vor allem interessant für: Landwirte, Flächenbesitzer, Naturschützer, Energieunternehmer und Entscheider
Deshalb berichten wir: Die Verwaltung hat neue Leitplanken für den weiteren Ausbau erarbeitet. Am Donnerstag wurden sie erstmals öffentlich vorgestellt und es sollte darüber abgestimmt werden. Das letzte Wort ist allerdings noch nicht gesprochen. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Der Anlass für seine Bemerkung ist ein Vorschlag der Stadtverwaltung. Als Reaktion auf die neuen gesetzlichen Bestimmungen zur staatlichen Energieoffensive hat man sich im Rathaus Gedanken über den eigenen Beitrag gemacht. Herausgekommen ist eine Beschlussvorlage. Titel und Inhalt: „Leitlinien des kurz- bis mittelfristigen Ausbaus von Windenergie- sowie PV-Freiflächenanlagen in Emden“. Oder anders ausgedrückt: Die Stadt will in ihrem Zuständigkeitsbereich stärker regulieren, ob und wo weitere Groß-Projekte angegangen werden.
Fraktionen bitten um mehr Bedenkzeit
Die Politik sollte diese Ziele am Donnerstag vorbereitend für den Rat absegnen. Doch so weit kam es nicht. Gleich mehrere Fraktionen meldeten angesichts der weitreichenden Entscheidung Bedenkzeit an. Es scheint ihnen zu heikel zu sein. Das Papier wurde zur Beratung zurückgestellt.
Unstrittig ist indes, dass es Leitplanken für den künftigen Ausbau braucht. Als „sinnvoll“ bezeichnete es Gregor Strelow, „Klarheit und Wahrheit für Investoren zu schaffen“. Ganz ähnlich sahen es auch Meinungsträger anderer Parteien und Fraktionen. Der Teufel steckt aber im Detail.
Die Ausbauziele der Stadt
Geht es nach dem Willen der Stadtverwaltung um den zuständigen Fachbereichsleiter Rainer Kinzel, steigt Emden auf die Bremse. In Sachen Windenergie will man sich auf die Flächen im Wybelsumer Polder beschränken. Das dazugehörige Schlagwort: Repowering. Das Gebiet in der Nähe des Volkswagenwerks ist Kinzel zufolge „einer der wirtschaftlichsten Standorte Deutschlands“. Ältere Anlagen könnten hier durch wesentlich leistungsstärkere ersetzt werden.
Beim Ausbau der Photovoltaik (PV) möchten die Stadtplaner erstmal nur noch auf bestehende Gebäude oder schon versiegelte Flächen wie große Parkplätze zurückgreifen. Neue Freiflächenanlagen für die Sonnenkollektoren seien „aktuell nicht sinnvoll“, heißt es in der Beschlussvorlage. Es soll also keine größeren neuen PV-Parks auf grüner Wiese mehr geben. Als Grund nennt Kinzel die bereits stehenden Anlagen oder in Planung befindlichen Projekte.
Emden steht unter Strom
Dazu passt: Fast zeitgleich mit der Ausschusssitzung wurden am Donnerstag im Rummel des alten Rathauses die Pläne für einen neuen PV-Park im Wybelsumer Polder vorgestellt. Unter Beteiligung von regionalen Partnern soll die zurzeit größte zusammenhängende PV-Anlage Niedersachsens entstehen. Das rund 67 Millionen Euro teure Vorhaben erhält die breite Zustimmung des Emder Rates. Gleiches gilt für ein gut halb so großes Projekt am anderen Ende der Stadt. Dort bereiten die Stadtwerke Emden einen Freiflächen-Park entlang der Autobahn 31 vor.
Parallel zu diesen beiden Projekten werden im Emder Osten weitere Bausteine für die große Energiewende gelegt: Neben einem neuen Umspannwerk stehen bereits mehrere Konverterstationen, in denen gewaltige Mengen Strom aus den Offshore-Windfarmen umgewandelt werden. Zudem werden etliche Leitungen gezogen und plant EWE den Bau einer großen Wasserstoff-Produktionsanlage.
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Der raumgreifende Ausbau der Energiewirtschaft gefällt nicht jedem. Vor allem Landwirte sehen den Boden- und Flächenbedarf mit Sorge. Christian Nützel von den Emder Grünen spricht von „ethischen Bedenken“, wenn wertvolles Land versiegelt oder der Landwirtschaft weitgehend entzogen wird.