Landwirtschaft in Ostfriesland Landwirt oder Bauer? Das ist hier die Frage
Ein Landwirt arbeitet auf einem Bauernhof. Oder ist es ein Bauer, der einen Agrarbetrieb bewirtschaftet? Wie heißt das denn nun richtig und wie hält es die Berufsgruppe selbst mit der Bezeichnung?
Ostfriesland - Namen, sagt man, sind Schall und Rauch. Für Berufsbezeichnungen könnte das Gleiche gelten. Aber manchmal macht es eben doch einen Unterschied. Ein fiktives Beispiel: Was würden Sie einem Bekannten sagen, dem sie wiederum von einem anderen Bekannten erzählen, der Viehhalter ist, Kühe melkt und Felder bestellt? Ist dieser Mann ein Bauer? Oder ein Landwirt? Und gibt es in dieser Frage überhaupt ein Richtig oder Falsch?
Was und warum
Darum geht es: um Landwirte in Ostfriesland und die Frage, wie sie zum Begriff Bauer stehen
Vor allem interessant für: Landwirtsfamilien und überzeugte Bauern
Deshalb berichten wir: Der Autor kennt viele Landwirte und erinnert sich an seine eigene Schulzeit, in der die Bezeichnung Bauer noch viel öfter zu hören war - und nicht immer positiv gemeint war. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Maren Ziegler lacht und denkt nach. „Das sieht und definiert wohl jeder anders“, sagt die Geschäftsführerin des Kreisverbands Norden-Emden und Öffentlichkeitsbeauftragte des Landwirtschaftlichen Hauptvereins für Ostfriesland. Sie ist selbst in der Gemeinde Friedeburg auf einem Bauernhof mit Milchkühen aufgewachsen. Und die 43-Jährige erinnert sich, dass es dafür in ihrer Kindheit schon einmal blöde Sprüche unter Gleichaltrigen gab.
Bauernkind als Marke
Die Bezeichnung Bauer ist bei vielen verpönt. Ihr persönlich mache sie nichts aus, so Ziegler. Zumal die Kreisverbands-Chefin glaubt, dass der Begriff dabei ist, sein negatives Image abzustreifen. Ziegler verweist auf die Modemarke Bauernkind. „Die trägt man mittlerweile mit Stolz“, sagt sie. Sie kauft sie ebenfalls.
Die Landwirtschaft sei eben „ein bisschen cooler“ geworden, findet Maren Ziegler, deren Bruder den elterlichen Betrieb übernommen hat. Sowohl er als auch sie für die Öffentlichkeitsarbeit im Verband verwenden häufiger die Worte Landwirt oder Landwirtin. Es sei zeitgemäßer, moderner und wohl auch im Sinne der meisten, die im Berufsfeld aktiv sind, meint die Geschäftsführerin.
„Es ist mir wichtig, dass es Landwirt heißt“
Und wie sehen es Jugendliche oder junge Erwachsene? Hauke Hobbie ist 23 Jahre alt. Im vergangenen Jahr hat er seine Ausbildung zum Landwirt erfolgreich bestanden. Die Praxis lernte der junge Mann aus der Nähe von Jever unter anderem auf einem Bio-Betrieb in Schoonorth. „Wenn ich gefragt werde, möchte ich schon, dass es richtig ist. Es ist mir wichtig, dass es Landwirt heißt“, sagt er.
Zum einen sei es schließlich die formelle Berufsbezeichnung. Zum anderen beschreibt sie in seinen Augen besser seine tagtägliche Arbeit. Bauer klingt nach einfacheren Tätigkeiten. Dabei stehen für die meisten Bauernhof-Mitarbeiter unternehmerische und betriebswirtschaftliche Aspekte, Management und immer anspruchsvollere Technik immer stärker im Mittelpunkt.
Der mit den dicksten Kartoffeln
Kaum einer sage noch Bauernhof, stellt Hauke Hobbies Onkel fest. Der 50-Jährige, der seinen Neffen als ausgebildeten Landwirt angestellt hat, spricht selbst lieber von einem „landwirtschaftlichen Betrieb“, den er führt. Bauernhof, das klinge für ihn eher nach Urlaub und hat mit seiner Alltagsrealität als Unternehmer nicht viel gemein. Dazu kommt, dass er den Begriff „Bauer“ von früher als Schimpfwort kennt. „Das Wort ist nicht positiv besetzt“, findet Ewald Hobbie.
Tatsächlich weist der Duden als Bedeutung zweierlei auf: Per Duden-Definition ist ein Bauer a) eine männliche Person, die berufsmäßig Landwirtschaft betreibt und b) im umgangssprachlich abwertenden Gebrauch ein „grober, ungehobelter Mensch“. Wenig charmant sind auch die Bezeichnung Bauernopfer aus dem Schachspiel, wo der Bauer die rangniedrigste Figur darstellt, und die Redewendung von den dümmsten Bauern, der die dicksten Kartoffeln erntet.
Für die „Bauersfrau“ und vierfache Mutter Anita Heykens gehört dieser abfällige Blick auf die Berufsgruppe immer mehr der Vergangenheit an. Die Arbeit sei dafür viel zu anspruchsvoll geworden. Sie glaubt, dass sich auch gesellschaftlich der Umgang mit der Bezeichnung und dem Arbeitsfeld geändert hat. „Ich frage ab und zu mal die Kinder, ob sie in der Schule damit geärgert werden“, sagt sie. Im Gegensatz zu ihrem Mann, bei dem das Thema in der Schulzeit in der Krummhörn noch präsent gewesen sei, hätten ihre Kinder damit nichts zu schaffen. „Dummer Bauer, das war früher“, sagt sie. Das gebe es heute so nicht mehr.