München  FC Bayern München: Hollywood liegt wieder an der Isar

Udo Muras
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Von Udo Muras
| 08.02.2023 14:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Endlich wieder Hollywood im Süden Deutschlands: Die Bayern-Spieler Jamal Musiala, Alphonso Davies und Serge Gnabry beim NFL-Spiel der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seattle Seahawks am 13. November 2022 im München. Foto: imago/Eibner
Endlich wieder Hollywood im Süden Deutschlands: Die Bayern-Spieler Jamal Musiala, Alphonso Davies und Serge Gnabry beim NFL-Spiel der Tampa Bay Buccaneers gegen die Seattle Seahawks am 13. November 2022 im München. Foto: imago/Eibner
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An der Spitze der Fußball-Bundesliga geht es so eng zu wie lange nicht mehr zu Beginn der Rückrunde. Kolumnist Udo Muras ist der Meinung, dass dies ganz dem FC Bayern München zu verdanken ist, der ein altes Klischee aufleben lässt: das des FC Hollywood.

Allem Anschein nach wird die Rückrunde dieser Bundesligasaison besser als erwartet. Fast wie früher. Das verdanken wir den Bayern, denen wir seit zehn Jahren eher langweilige Rückrunden zu verdanken hatten. Dieses Jahr aber sind sie weniger souverän und haben nur einen beängstigend knappen Vorsprung von einem Punkt – und sie sind wieder der FC Hollywood.

Es bleibt unklar, ob es zu den Neujahresvorsätzen des Vereins gehört, aber der skurrile Auftritt von Serge Gnabry auf der Fashion Week in Paris und das den Verein erschütternde Interview von Kapitän Manuel Neuer deuten stark darauf hin, dass es den Bayern zuletzt einfach zu ruhig war.

Ur-Bayer Thomas Müller hat es ja im Interview zugegeben, er mag es eigentlich, wenn ein bisschen was los ist, rund um die Alleskönner von der Isar. Da ich in Modesachen nicht sonderlich bewandt bin, will ich den „Fall Gnabry“ nicht allzu hoch hängen. Da hat ein junger Mann halt mal kurz demonstriert, was er nach der Karriere machen will: Seine Zukunft ist der Laufsteg. Wer kann, der kann. Wenn Klubs schon 20-Jährige zu Millionären machen, darf sich doch keiner darüber wundern, dass sie spätestens mit 25 abheben. Wichtig ist nur die rechtzeitige Landung auf dem Fußballplatz, da sehe ich bei Gnabry noch Hoffnung.

Fataler war der Skiausflug von Manuel Neuer, dessen Folgen mit der Reha des Welttorhüters noch nicht abgeschlossen sein dürften. Die Kettenreaktion, die Bruchpilot Neuer im Dezember am Hang auslöste, macht München wieder zu Hollywood. Bayern suchte und fand einen neuen Torhüter von Format, zahlte acht Millionen und Neuers Gehalt trotzdem weiter, fing sich zuvor einen Korb eines verliehenen Torhüters ein, feuerte dann in Neuers Abwesenheit dessen Torwarttrainer und Trauzeugen und provozierte einen öffentlichen Gegenschlag. Nun ist die Aufregung groß, dabei wussten doch beide Seiten, was sie tun.

Es ist nur legitim, dass Bayern die Zeit nach Neuer, der bald 37 wird, plant und bei dem sich abzeichnenden Kampf um den Kasten zwischen ihm, Yann Sommer und Alexander Nübel für Waffengleichheit sorgt. Denn Torwartkeeper Tapalovic ist alles andere als neutral in dem Punkt, das dürfte nicht mal er bestreiten. Die Art und Weise, wie die Bayern in der Nach-Hoeneß-Ära Servus sagen, darf indes irritieren.

Das von den Verantwortlichen als Reaktion auf Neuers Lamento-Interview über herausgerissene Herzen oft beschworene Wort von „der Bayern-Familie“ ist schon länger eine hohle Phrase. Mal abgesehen davon, dass ein hochprofessionelles Arbeitsumfeld mit dem, was wir gemeinhin unter Familie verstehen, wenig zu tun hat und haben sollte, wurde der Mythos vom „Alle-haben-sich lieb-Klub“ zuletzt allzu oft konterkariert. Frag nach bei Hansi Flick, Hermann Gerland, Miro Klose, David Alaba, Niklas Süle oder Jerome Boateng, im letzten Sommer kam Robert Lewandowski dazu. Der Verein als Arbeitgeber sitzt natürlich am längeren Hebel und kann nicht alle Spieler- oder Trainerwünsche erfüllen, das dürfte allen klar sein, auch den Beratern.

Doch wenn jemand eine Absage bekommt, ist oft der Ton und der Stil entscheidend für die Reaktion. Wenn es stimmt, dass Neuer-Freund Tapalovic bis zuletzt nicht erfahren hat, warum er gehen muss, wie Torwartlegende Sepp Maier erzählt, und da es stimmt, dass sein Rauswurf in Neuers Abwesenheit erfolgte, stellt sich sehr wohl die Stilfrage. Und die, ob Bayern Neuer überhaupt noch will. Oder ob Neuer noch bei Bayern bleiben will. Der Konflikt war vorhersehbar, Neuers Replik auch. Was mich an der Geschichte stört, ist die Überhöhung der Kontroverse, wenn Sätze fallen wie „das passt nicht zu den Werten des FC Bayern“.

Neuer hat gesagt, was ihn bewegt und auf einen Angriff reagiert. Keinen Rücktritt gefordert, keine Namen genannt. Dass ein geschätzter Kollege, der so alt wie die Bundesliga ist, in der Frankfurter Rundschau schrieb, so ein Interview habe es in 60 Jahren wohl nicht gegeben, passt auch nicht so ganz. Wir haben uns nur daran gewöhnt, dass es im Fußball mit der Meinungsfreiheit nicht mehr so weit her ist und vor Sponsorenwänden Worthülsen in Serienproduktion gehen.

Für mich ist der Spieltag schon lange mit dem Abpfiff vorbei, im besten Falle verpasse ich ein Witzchen von Thomas Müller. Früher war mehr Lamento und Meinung: Ich erinnere mich an Ciriaco Sforzas Frontalangriff auf Otto Rehhagel, an Maurizio Gaudinos Attacke auf Jupp Heynckes, an ein halbes Dutzend Matthäus-Tiraden gegen Bayern-Vertreter von Hoeneß bis Klinsmann, an Gerd Müllers und Sepp Maiers Wutausbrüche gegen Vorstand und Trainer am Abend ihrer Karrieren.

Dann traten irgendwann die Presseabteilungen auf die Bühnen, standen bei Interviews daneben und autorisierten Schriftsätze bis zur Unkenntlichkeit. Philipp Lahm war der Letzte, der sie 2010 bei den Bayern umging. Auch er war damals der Kapitän. Dass nun Manuel Neuer dermaßen aus der Deckung tritt, sollte die Vereine ganz allgemein nachdenklich machen, wie weit sie damit kommen, wenn sie Meinungen erwachsener Menschen unterdrücken. Auch wenn mir bewusst ist, dass man einem Medienvertreter nicht automatisch abnimmt, wie ehrlich er es mit seiner Forderung meint. Denn dass Hollywood wieder an der Isar liegt, davon lebt unsere Branche prächtig.

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