Personalmangel an Schulen Quereinstieg – wie ein Physiker zum Lehrer wurde
An den Schulen in Niedersachsen fehlen derzeit mehr als 400 Lehrer. Erwin Renken ist Diplomphysiker und Quereinsteiger. Er erzählt von seinen Erfahrungen.
Aurich - Während seiner ersten Unterrichtsstunden sei er sehr nervös gewesen, sagt Erwin Renken. „Auf einmal steht man vor einer Klasse von Achtklässlern und muss ewige 80 Minuten lang eine Doppelstunde Mathe unterrichten.“ Erwin Renken ist Diplomphysiker und hat vor zehn Jahren den Quereinstieg als Lehrer gewagt. Seinerzeit habe ein großer Lehrermangel in den naturwissenschaftlichen Fächern geherrscht. Momentan sind in Deutschland mehr als 12.000 Lehrstellen unbesetzt. Das geht aus einer Umfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland in den 16 Bundesländern hervor. Allein in Niedersachsen fehlen demnach mehr als 400 Lehrkräfte. Dem Mangel will das Land unter anderem mit niedrigen Hürden für Quereinsteiger entgegenwirken.
Was und warum
Darum geht es: Nicht allen Quereinsteigern im Schuldienst fallen didaktische und pädagogische Lehrinhalte anfangs leicht. Auch sie müssen Seminare im Vorbereitungsdienst für Lehrer absolvieren.
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Deshalb berichten wir: Die Redaktion ist im Internet auf das Studienseminar und die Teilnahme von Quereinsteigern aufmerksam geworden. Die Autorin erreichen Sie unter: n.kraft@zgo.de
Erwin Renken unterrichtet unter anderem die Fächer Mathematik und Physik an einer Gesamtschule in Ostfriesland. Vor zehn Jahren begann der heute 40-Jährige seine Lehrtätigkeit. Bereits nach dem Physikstudium wusste er, dass er unterrichten will, und bewarb sich über das elektronische Einstellungsverfahren für Lehrkräfte in den niedersächsischen Schuldienst. Weil es darüber nicht im ersten Anlauf klappte, nahm Renken zunächst eine Stelle als Projektingenieur bei Enercon an.
Immer mehr wollen den Beruf wechseln
Seine Bewerbung blieb jedoch weiterhin im Onlinesystem vermerkt, wodurch eine Gesamtschule, die Lehrer in den naturwissenschaftlichen Fächern suchte, kurze Zeit später auf ihn zukam. Mit seiner Qualifizierung als Diplomphysiker konnte Renken die fachlichen Kompetenzen nachweisen. Mit einem begleitenden Studienseminar parallel zum Unterrichten an der Schule sollte er in 20 Monaten die pädagogischen und didaktischen Inhalte nachholen.
Im Studienseminar Aurich, das Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst, also im Referendariat, ausbildet, werden auch Quereinsteiger für den Lehrberuf an Schulen qualifiziert. Während in den letzten Jahren noch ein oder zwei Quereinsteiger zu den regulären Lehramtsanwärtern pro Durchgang hinzukamen, seien es momentan 18, sagt Sebastian Rieken, Seminarrektor des Studienseminars Aurich. „Die Zahl steigt gewaltig an, weil das Land sich neue Maßnahmenpakete zur Sicherung der Unterrichtsversorgung überlegt und die Bedingungen für Quereinsteiger verändert hat“, so Rieken. Die Hürden seien nicht mehr so groß.
Region auf Quereinsteiger angewiesen
Bei Erwin Renken hat das Lehrerseminar für viel Verunsicherung gesorgt. „Die Denkstruktur ist eine völlig andere gewesen“, erzählt er. Anfangs habe er sich schwer getan, beispielsweise pädagogische Stundenverlaufspläne zu erstellen. „Aber sobald ich in meinem Fach war, fühlte es sich richtig an. Schüler und Eltern haben mich gestärkt.“ Das Seminar sei sehr theoretisch gewesen, auf Quereinsteiger sei nicht ausreichend eingegangen worden. „Meine Kollegen in der Schule haben mir geholfen, sie standen mir beiseite und gaben mir Tipps.“ Am meisten habe er dennoch aus seiner langjährigen Erfahrung in der Jugendarbeit schöpfen können.
Die Konzeption für Quereinsteiger sei in den vergangenen Jahren nachjustiert worden, erklärt Sebastian Rieken. „Wir sind darauf programmiert, mit den Auszubildenden auf eine Basis aufzubauen, die didaktische und pädagogische Grundkonzepte voraussetzt“, erklärt Rieken. Für viele Quereinsteiger seien diese Themen komplex. „Das mit wenigen Wochenstunden aufzufangen, ist nicht einfach.“ Vieles hänge vom Geschick und pädagogischen Talent der Quereinsteiger ab. „Ich schätze, dass es noch viele andere Konzepte geben wird, um mehr Quereinsteiger zu bewerben und sie individueller zu betreuen“, sagt der Seminarrektor. Gerade eine Region wie Ostfriesland sei abhängig von Quereinsteigern. Ohne sie würden Randbereiche Schwierigkeiten bekommen, die Lehrerversorgung zu gewährleisten.
Bereicherungen für die Schule
Häufig arbeiteten spätere Quereinsteiger vorab als Vertretungslehrer an Schulen. Allerdings mit befristeten Verträgen. Die Grundlage für ein unbefristetes Arbeitsverhältnis für einen Landesangestellten sei der Quereinstieg, den sie erfolgreich durchlaufen müssen, erklärt Rieken. Die Altersspanne der Quereinsteiger reiche im Auricher Studienseminar etwa von 30 bis 64 Jahren. Die Beweggründe seien sehr individuell. Welche Fächer den Quereinsteigern zugeordnet werden, würde genau geprüft. Ein Kunsthistoriker könne zum Beispiel auch Geschichte unterrichten oder ein Pharmazeut das Fach Chemie.
Die anfängliche Aufregung vor seinen ersten Unterrichtsstunden hat sich bei Erwin Renken schnell gelegt. Für die Schüler sei er zunächst „der Neue“ gewesen, erzählt der Diplomphysiker. Versuche, ihn mit dem Aufstellen falscher Namensschilder zu veräppeln, habe er mit Humor genommen. Von Woche zu Woche habe er sich in seinem neuen Beruf wohler gefühlt, erzählt der 40-Jährige.
„Wenn das Verhältnis von Lehrern und Quereinsteigern in einem Kollegium passt, es etwa im Verhältnis 1 zu 15 ist, kann das eine Bereicherung für die Schule sein“, sagt Renken. Er beschreibt unter anderem seine Kenntnisse mit EDV-technischen Geräten. So gründete er etwa eine Roboter-AG an der Schule. Menschen, die sich vorstellen können, über einen Quereinstieg Lehrer zu werden, sollten Lust an ehrenamtlicher Arbeit haben und sich gerne engagieren, sagt Renken. „Dann schafft man alle Hürden.“