Vogelgrippe, Schweinepest und Tiefkühlfisch  Globale Seuchen und Welthandel halten Veterinäre auf Trab

| | 09.02.2023 14:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein Mitarbeiter des Veterinäramtes entnimmt eine Probe von einem Fisch an der Grenzkontrollstelle im Jade-Weser-Port. Die Ware muss, bevor sie in Deutschland weiterverarbeitet wird und auf den Tisch kommt, im Labor untersucht werden. Foto: Zweckverband Veterinäramt Jade-Weser
Ein Mitarbeiter des Veterinäramtes entnimmt eine Probe von einem Fisch an der Grenzkontrollstelle im Jade-Weser-Port. Die Ware muss, bevor sie in Deutschland weiterverarbeitet wird und auf den Tisch kommt, im Labor untersucht werden. Foto: Zweckverband Veterinäramt Jade-Weser
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Weiderind und Familienhund, dazu Tiefkühlfisch und Sesam: „Patienten“ haben die Veterinäre im Zweckverband Jade-Weser viele. Alles unter Kontrolle ist dennoch nicht überall.

Roffhausen - Sie finden Salmonellen im Sesam, werten die Todesursache von Zugvögeln aus und machen natürlich Hausbesuche bei Hunden, Katzen und Kühen auf der Weide oder im Stall, wenn es ihnen möglicherweise nicht gut geht. An Letzteres denken viele vermutlich zuerst, wenn sie an die Aufgaben der Behörde denken. Doch die Ursachen der Probleme, die die Tierärzte des Veterinäramtes im Zweckverband Jade-Weser tagtäglich abarbeiten, liegen oft weit außerhalb ihres Einzugsgebietes und werden von dort von Mensch und Tier hereingebracht. Das Jahr 2022 war ein arbeitsreiches für das Team von Verbandsgeschäftsführerin Dr. Melanie Schweizer: Vor allem Infektionskrankheiten wie die Vogelgrippe und die Afrikanische Schweinepest, aber auch der gestiegene Import von Lebensmitteln und Haushaltswaren über den Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven hielten ihr Team auf Trab.

Was und warum

Darum geht es: Das Veterinäramt Jade-Weser zog Bilanz. Die Arbeit der Tierärzte vor Ort wird zunehmend von globalen Herausforderungen bestimmt.

Vor allem interessant für: Tierhalter, Konsumenten von Lebensmitteln internationaler Herkunft

Deshalb berichten wir: Anfang eines Jahres zieht das Veterinäramt einen Strich unter die Geschehnisse des Vorjahres und gibt Details zu seiner Arbeit bekannt.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Das sagte sie diese Woche bei einem Pressegespräch im Verwaltungssitz ihrer Behörde in Roffhausen. Dort zog sie erstmals gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Dr. Michael Bucher Bilanz. Im Mai war ihr Vorgänger Dr. Norbert Heising in den Ruhestand gegangen. Die Tierärzte erläuterten, wie vielfältig die Aufgaben der Mitarbeiter des Veterinäramtes in den Landkreisen Wittmund, Friesland, der Wesermarsch sowie der Stadt Wilhelmshaven sind. Nicht immer haben es die Tierärzte dabei mit Patienten im herkömmlichen Sinne zu tun: Sie sind auch für die Überwachung von Schlachtungen oder die Kontrollen von Containern am Tiefwasserhafen an der sogenannten Grenzkontrollstelle verantwortlich: Insgesamt mehr als 3600 Einfuhrsendungen und damit mehr als dreimal so viel wie im Jahr 2021 (1060 Ladungen) wurden 2022 abgefertigt. Mit fast 70 Prozent macht Fisch den größten Anteil davon aus.

Unappetitliches aus der „Wundertüte“

Das Wachstum am Hafen sei erfreulich, unterstreicht Schweizer. Aber zugleich herausfordernd: Ein Team könne rund 20 Container am Tag überprüfen. „Wir hatten Tage, da kamen 60 bis 70 Container.“ Zusätzliches Personal, so denn verfügbar auf dem leergefegten Markt für Fachkräfte, wurde eingestellt. Wie sich die Anzahl zu kontrollierender Ladungen mit pflanzlichen und tierischen Produkten langfristig entwickelt, sei aber unklar: „Der Hafen ist immer eine Wundertüte.“ Auch das, was ihre Kollegen in den Containern entdecken, kann es sein. Manches ist unappetitlich: Salmonellen in Sesam und Heimtierfutter, Alaska Pollock mit unterbrochenen Kühlketten oder Tee und Chili-Schoten mit Pestizidrückständen wurden im zurückliegenden Jahr nach Begutachtung der Kontrolleure abgelehnt und durften nicht nach Deutschland importiert werden.

Dr. Melanie Schweizer ist seit Mai 2022 Verbandsgeschäftsführerin für das Veterinäramt Jade-Weser. Foto: Ullrich
Dr. Melanie Schweizer ist seit Mai 2022 Verbandsgeschäftsführerin für das Veterinäramt Jade-Weser. Foto: Ullrich

Über ganz andere Wege ohne jegliche Kontrollen kommen Seuchen wie die Vogelgrippe oder Afrikanische Schweinepest ins Land. Letztere sorgt seit ihrem ersten Ausbruch in Deutschland vor zweieinhalb Jahren für Angst und Schrecken unter den Schweinehaltern: Der Export wurde stark eingeschränkt. Das hatte massive wirtschaftliche Folgen für die Erzeugerbetriebe, viele gewerbliche Halter haben bereits aufgegeben. „Wir sind keine schweinedichte Region“, sagte Schweizer. Gleichwohl gibt es im Verbandsgebiet rund 350 Halter mit mehr als 72.600 Tieren, ein Großteil davon in Wittmund. Ein Jahrzehnt zuvor, 2012, waren es noch mehr als 90.000 Tiere in mehr als 400 Ställen. Damit ist die Region kein Einzelfall: Bundesweit ging in diesem Zeitraum die Anzahl dieser Nutztiere von 28,3 Millionen auf 21,3 Millionen zurück. Zuletzt sank die Zahl der Schweine einer Erhebungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zufolge gegenüber Mai 2022 um 4,5 Prozent beziehungsweise mehr als eine Million Tiere.

Vogelgrippe ist nicht mehr wegzudenken

Die Zahl der Geflügelhalter und Tiere war 2022 hingegen trotz der Bedrohung durch die Vogelgrippe leicht im Aufwärtstrend: 2700 Haltungen mit mehr als 709.000 Hühnern, Puten und anderem Federvieh gibt es im Verbandsgebiet. Einbrüche bei den Bestandszahlen gibt es vorerst nur in freier Wildbahn: Die Vogelgrippe ist angekommen, mit voller Wucht: „Im Sommer war eigentlich Ruhe“, sagt die Amtstierärztin mit Blick auf die zurückliegenden Jahre. Nicht so Mitte 2022. Neun von zehn Tieren, die im Juni getestet wurden, hatten das meist tödlich verlaufende Virus. Insgesamt wurden im zurückliegenden Jahr 760 Proben ausgewertet: 137 von Wildvögeln und 623 bei Hausgeflügel. Besonders stark betroffen gewesen seien Wildvögel im Küstenbereich sowie auf den Inseln: Unzählige Fluss- und Brandseeschwalben starben. Schweizer: „Die Biologen haben sich große Sorgen gemacht um die Kolonien.“ Bisher war das Sterben hier vorrangig in den kalten Monaten beobachtet worden. Jetzt macht das Virus keine Pause mehr: „Es ist heimisch geworden.“

Die Afrikanische Schweinepest kann auch durch ein Wildschwein wie dieses in die Region gebracht werden. Ein Amtstierarzt stellt eine Probe sicher, die anschließend im Labor untersucht wird. Foto: Zweckverband Veterinäramt Jade-Weser
Die Afrikanische Schweinepest kann auch durch ein Wildschwein wie dieses in die Region gebracht werden. Ein Amtstierarzt stellt eine Probe sicher, die anschließend im Labor untersucht wird. Foto: Zweckverband Veterinäramt Jade-Weser

Mit dieser Einschätzung ist Schweizer nicht allein: Auch der Naturschutzbund (Nabu) sieht inzwischen eine ganzjährige Bedrohung der Vogelarten durch das Virus. Der sieht neben der Brandseeschwalbe auch den ohnehin seltenen Basstölpel als akut gefährdet an. Auch Bestände von Greifvögeln wie Seeadler und Wanderfalke leiden demnach. Durch immer mehr an Grippe erkrankte Wildvögel kommt das Virus H5N1 zudem immer wieder in die Ställe von beispielsweise Enten und Gänsen. „Für die betroffenen Halter ist es schlimm“, weiß Schweizer. Die erkrankten Tiere sterben in der Regel schnell und qualvoll, weshalb die Bestände schnellstmöglich komplett getötet werden müssten. Nicht zuletzt auch, um ein weiteres Ausbreiten zu verhindern.

Schon jetzt ächzten viele Halter unter den Einschränkungen, die diese Bedrohung samt der Einrichtung von Sperrzonen mit sich bringt: Die Tiere dürften beispielsweise nicht nach draußen. „Die Geflügelgrippe wird auch zukünftig eine große Herausforderung bleiben“, ist sich Schweizer sicher. Dafür müssten sich vor allem zwei Aspekte ändern, fordert sie: Die Rahmenbedingungen der EU sollten angepasst werden. Zudem müsse mit Hochdruck an einem wirksamen Impfstoff geforscht werden, der flächendeckend eingesetzt werden kann: „Das ist es, was wirklich wichtig ist.“

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