Hamburg  Das passiert, wenn alle Beamten in die Rentenkasse einzahlen müssen

Jakob Patzke
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Von Jakob Patzke
| 09.02.2023 12:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Dem deutschen Rentensystem droht der Kollaps. Könnten die Beamten als Beitragszahler die Lösung sein? Foto: dpa-Zentralbild/ Jens Kalaene
Dem deutschen Rentensystem droht der Kollaps. Könnten die Beamten als Beitragszahler die Lösung sein? Foto: dpa-Zentralbild/ Jens Kalaene
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Der demographische Wandel in Deutschland setzt das Rentensystem erheblich unter Druck. Auf der Suche nach Lösungen bringen einige Forscher die Beamten als Beitragszahler ins Spiel. Wie realistisch wäre ein solcher Schritt – und was würde er bringen?

Die Zahlen sind alarmierend: Derzeit drohen jedem dritten Vollzeitbeschäftigten nach 45 Arbeitsjahren eine Rente von lediglich 1200 Euro. Dies teilte kürzlich die Bundesregierung auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken mit. Parteichef Dietmar Bartsch forderte daraufhin eine umfassende Rentenform in Deutschland. Aber wie könnte eine entsprechende Umgestaltung aussehen?

Immer wieder diskutieren Politiker und Experten, das deutsche Rentensystem mithilfe von Beamten als Beitragszahler zu entlasten. Denn bislang zahlen die Staatsbediensteten nicht in die Rentenversicherung ein. Während die Angestellten in das Rentensystem einzahlen, berechnet sich die Pension der Beamten nach dem letzten Einkommen des Empfängers.

Doch wäre das deutsche Rentensystem finanziell tatsächlich stabiler, wenn auch die Beamten mit einzahlen würden? Reinhold Thiede, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung der Deutschen Rentenversicherung, steht einem solchen Vorhaben skeptisch gegenüber.

„Wenn man alle Beamten schlagartig mit einbezieht, sodass die Rentenversicherung auch für die Versorgung derer aufkommen muss, die bereits im Ruhestand sind, wäre das ein sehr schlechtes Geschäft“, erklärte Thiede gegenüber dem „Münchener Merkur“.

Die Pensionen seien durchschnittlich höher als die Renten, weshalb man sehr viel mehr bezahlen müsse.

„Es wird sicher Veränderungen geben. Aber, dass alle Beamten in 20 Jahren in die Rentenversicherung einzahlen, glaube ich nicht“, prognostiziert Thiele. Eine Strategie für eine zumindest teilweise Entlastung sieht der Experte im österreichischen Rentensystem. Dort würden alle, die ab einem Stichtag neu verbeamtet wurden, in die Sozialversicherung eingegliedert. Wer an dem Stichtag bereits Beamter ist, bleibe im bisherigen System.

Sehen Sie in der Statista-Grafik die Versorgungsempfänger nach Beamten- und Soldatenversorgungsrecht in Deutschland im Jahr 2022:

„Ein solcher langsamer Übergang würde die Rentenversicherung aktuell leicht entlasten“, so Thiede, betont aber gleichzeitig: „Allerdings entstehen so auf lange Sicht auch neue Rentenansprüche der Beamten, die in Zukunft erfüllt werden müssen.“

Ausgehend von einer derzeit höheren Lebenserwartung von Beamten könne man vermuten, dass auch eine solche Strategie keine Dauerlösung für das deutsche Rentensystem sei.

Unterdessen fordert der Präsident des Bundessozialgerichts (BSG), Rainer Schlegel, einen weitaus radikaleren Schritt. Er spricht sich dafür aus, dass auch Mitglieder berufsständischer Versorgungswerke sowie Beamte und Richter in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen. Es brauche mehr Flexibilität bei der Absicherung des deutschen Rentenversicherungssystems, erklärte Schlegel anlässlich der Jahrespressekonferenz des Gerichts in Kassel.

Darüber hinaus sei es sinnvoll, das Renteneintrittsalter an die durchschnittliche Lebenserwartung zu koppeln. Dabei betonte Schlegel die Notwendigkeit eines derartigen Umbruchs. So hätten 1962 noch sechs Erwerbstätige einen Rentner finanziert, 2030 werde die Zahl auf 1,5 Erwerbstätige sinken. Wegen der entstehenden Finanzierungslücke zahle der Staat bereits jetzt jährlich einen Zuschuss von rund 112 Milliarden Euro in die Rentenkasse.

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