Osnabrück  Gendern war gestern

Burkhard Ewert
|
Von Burkhard Ewert
| 08.02.2023 14:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Genderdebatte wird in Deutschland intensiv geführt. Foto: imago-images/Christian Ohde
Die Genderdebatte wird in Deutschland intensiv geführt. Foto: imago-images/Christian Ohde
Artikel teilen:

Gendern oder nicht gendern - das ist in Deutschland eine heiß diskutierte Frage. Unser Autor stellt Für und Wider gegenüber und bringt eine andere Variante ins Spiel.

Die Sprache ist mein Arbeitsmittel. Schon deshalb interessiere ich mich dafür, wie sie sich verändert. Dabei stelle ich fest: Künstlicher als bei der Gendersprache geht es kaum. Sie spiegelt keine natürliche Entwicklung wider, bei der sich Sprechweisen zunächst vereinzelt ändern und dann verbreiten, neue Wörter entstehen oder Begriffe irgendwann etwas anderes meinen als früher, weil sich die Welt um sie herum gewandelt hat.

„Arbeit“ ist so ein Fall. Im Mittelalter verstanden die Menschen unter dem Begriff eine Plage, heute den Beruf. Anderes Beispiel: Französische Ausdrücke weichen englischen, weil sich der kulturelle Einfluss der Länder verschiebt. Auch Tätigkeiten werden zunehmend eindimensionaler beschrieben, indem Standardverben mit Beiworten gekoppelt werden. Jemand sagt etwas laut statt zu rufen, einer schlägt hart statt zu hämmern, etwas wird kleiner statt zu schrumpfen.

Diese Sprachtrends erfolgen unbewusst und ungesteuert. Im Unterschied dazu fußt die Gendersprache in jedem einzelnen Fall auf der absichtlichen und insofern künstlichen Entscheidung, anders zu sprechen als bisher, anders als andere Menschen und darüber hinaus anders, als die Grammatik es vorsieht.

Man kann das machen. Man kann auch Gründe dafür anführen. Was man nicht machen kann, ist, diesen Prozess als natürlich zu bezeichnen, zumal er in Medien, Bildungswesen und Behörden bewusst gefördert und zuweilen gefordert wird.

Auch Unternehmen führen die Gendersprache selten aus breiter Überzeugung ein. Vielmehr spielt das Kalkül eine Rolle, modern zu wirken und es sich mit sendungsbewussten Kreisen intern wie extern nicht zu verscherzen. Schon die regelmäßigen Aufforderungen zum Gendern belegen aber, dass es sich gerade nicht von selbst und insofern natürlich verbreitet – anders, als wenn in Bürojobs plötzlich alle Welt Lunch statt Mittagspause sagt.

Wenn es die geschlechtergerechte Sprache auch schwer hat, kann es gleichwohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sie sich durchsetzt, meinen ihre Anhänger. Nun, es könnte die nächste Annahme sein, die so nicht zutrifft. Aktuell ergab jedenfalls eine Umfrage für die ARD nicht nur, dass die Mehrheit der Deutschen die Gendersprache weiterhin nicht will. Es ist sogar so, dass die Zahl ihrer Gegner im Vergleich zum Vorjahr gewachsen ist. Entsprechend knickte der WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn ein und forderte seine Teams auf, künftig zumindest beruflich lieber normal zu sprechen.

Die ARD-Umfrage ist auch kein Einzelfall. Bereits im Mai 2021 zeigte eine Infratest-Studie, dass nur eine Minderheit von 26 Prozent der Deutschen eine geschlechtsneutrale Sprache befürwortet – 9 Prozentpunkte weniger als im Jahr 2000. Zwei Drittel lehnten die Verwendung in Medien und Öffentlichkeit ab. Der Wert stieg um ebenfalls 9 Punkte.

Die zunehmende Rundfunk-Präsenz half der Gendersprache demnach nicht bei der Akzeptanz – offenkundig geschah sogar das Gegenteil. Je mehr die Leute davon hörten, desto weniger wollten sie sie haben.

Auch unter Frauen, jungen Leuten und Grünen-Wählern findet sich keine klare Mehrheit.

Halbwegs akzeptiert sind hingegen Doppelnennungen von Geschlechtern, beispielsweise von Leserinnen und Lesern. Die Ironie ist, dass ausgerechnet diese Form die falscheste ist, wenn man besonders vorbildlich sein und auch jene Personen einbeziehen möchte, die sich keinem Geschlecht zuordnen. Sie werden umso klarer ausgeschlossen, wenn statt der Nutzung des generischen Maskulinums, das alles und jeden meint, dezidiert Männer und Frauen angesprochen werden und andere nicht.

So gesehen: Könnte es nicht sein, dass das generische Maskulinum viel fortschrittlicher ist, als manche meinen? Es ist, nebenbei bemerkt, auch ein Ergebnis dessen, was die Gendersprache gerne wäre, nämlich ein Standard, auf den sich die Menschen in Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden auf natürliche Weise als praktisch und logisch verständigt haben.

Ganz so falsch kann seine Verwendung dann vielleicht gar nicht sein?

Am Ende kommt es sowieso nicht auf den verbalen Anschein an. Viel mehr als Worte zählen die Taten, finde ich jedenfalls vom Rest der Republik aus betrachtet.

Ähnliche Artikel