Hamburg  Matthias Ristau von der Seemannsmission: „Wir kämpfen für die Würde der Seeleute“

Markus Lorenz
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Von Markus Lorenz
| 10.02.2023 12:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Matthias Ristau, Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission, im Hamburger Hafen. Foto: Patrick Lux
Matthias Ristau, Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission, im Hamburger Hafen. Foto: Patrick Lux
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Der Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission über die extremen Belastungen an Bord, Leichen im Kühlraum und was er sich vom „Traumschiff“ wünscht.

Im Büro von Matthias Ristau am Hamburger Hafenrand steht die Welt Kopf. Auf der großen Landkarte an der Wand liegt die Antarktis oben, die Arktis unten, im Zentrum dominieren Pazifik und Indischer Ozean. „Das soll die Leute überraschen“, erklärt der 54-jährige Theologe dem staunenden Besucher.

Als Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission e.V. ist er eine Art oberster Seefahrer-Seelsorger. Die Organisation kümmert sich in weltweit 33 Stationen um Wohl und Wehe der oft anonymen Schiffsbesatzungen. Die besondere Weltkarte nach der flächentreuen Peters-Projektion ist ein Statement für neue Sichtweisen: „Man sieht darauf, dass die Erde zum größten Teil aus Wasser besteht und dass Europa im Vergleich sehr klein ist und am Rand liegt.“

Im Gespräch wird deutlich: Ristau und seine Mitstreiter ringen um mehr Aufmerksamkeit fürs maritime Personal – das für Handel und Kreuzfahrtgeschäft unentbehrlich ist, dessen Schicksale, Sorgen und Rechte in der Öffentlichkeit aber kaum eine Rolle spielen.

Frage: Herr Ristau, was haben Sie gegen das „Traumschiff“?

Antwort: An sich nichts…

Frage: Aber etwas stört Sie daran. Was?

Antwort: Davon abgesehen, dass ich kein Fan von Fernsehserien bin: Ich würde es beim „Traumschiff“ toll finden, wenn von der Wirklichkeit der Menschen, die an Bord arbeiten, mehr zu sehen wären. Man könnte in der Serie doch auch das Leben der einfachen Besatzungsmitglieder und ihre Probleme unterbringen.

Frage: Wie schlecht geht es Seeleuten, nicht nur auf dem „Traumschiff“?

Antwort: Vorweg: Ich kann nicht sagen, dass es allen Seeleuten schlecht geht. Es ist an sich auch ein schöner Beruf. Aber es gibt viele Probleme. Zugleich ist in der Seefahrt auch einiges besser geworden.

Frage: Zum Beispiel?

Antwort: Während der Corona-Pandemie haben eine Reihe von Reedereien – aber längst nicht alle – auf den Schiffen WLAN für die Besatzungen eingeführt. Ein ganz großer Fortschritt. Und auf neuen Frachtschiffen gilt seit 2013 die Pflicht, dass jeder Seemann – und jede Frau – eine eigene Kammer haben muss.

Frage: Und auf Kreuzfahrtschiffen?

Antwort: Da ist es anders. Die einfachen Besatzungsmitglieder leben weiterhin in Räumen ohne Fenster, meist zu zweit oder zu mehreren. Bei den langen Arbeitszeiten ist das eine große Belastung. Mir hat der Barmann eines Kreuzfahrtschiffes erzählt, dass er bis Mitternacht an der Bar arbeitet und dann um 6 Uhr schon wieder auf der Matte steht, um Frühstück zu machen. Und das ohne eigene Kammer.

Frage: Wie viel müssen Seeleute arbeiten?

Antwort: 70 bis maximal 90 Stunden pro Woche sind jetzt noch erlaubt. Und das ist schon ein Fortschritt, weil es früher gar nicht geregelt war. Inzwischen legt die Maritime Labour Convention die Arbeitsbedingungen in der internationalen Schifffahrt fest, auch die Höchstarbeitszeit.

Frage: Wie bitte? 90 Stunden Arbeit pro Woche. Nach Fortschritt klingt das nicht wirklich…

Antwort: An Land stimmt das, auf See ist das anders. Dort sind nur zehn Stunden Ruhe pro Tag vorgeschrieben. Das könnte man ändern, anderes nicht. Es gibt Belastungen, die gehören in der Seefahrt dazu, die kann man auch nicht wegbekommen. Die Besatzung arbeitet und lebt auf dem Schiff und kann nach Feierabend nicht nach Hause.

Frage: Was verdienen Seeleute?

Antwort: Die Bandbreite ist riesig. Es gibt einen globalen Mindestlohn, der liegt bei etwa 1000 US-Dollar im Monat. Aber: Der ist nicht verbindlich. Ich habe Arbeitsverträge gesehen, in denen Seeleute auf Kreuzfahrtschiffen nur 600 oder 700 Dollar verdienen. Da nützt es auch wenig, dass Kost und Logis frei sind. Die Seeleute haben in ihrer Heimat eine Familie, die sie ernähren müssen, ein Haus, das sie finanzieren müssen und vieles mehr.

Frage: Ist das Ausbeutung?

Antwort: Ausbeutung würde ich nicht sagen. Aber: Die Ruhezeiten reichen nicht aus und die Arbeitsbedingungen sind für viele sehr hart. Speziell auf Kreuzfahrtschiffen sind die Seeleute nach ein paar Monaten an Bord total übermüdet.

Frage: Was fordern Sie?

Antwort: Dass Reedereien die Bedingungen für Seeleute weiter kontinuierlich verbessern. Angesichts der Milliardengewinne derzeit ist das sicher auch finanzierbar. Zum Beispiel: Gerade die Filipinos, die einen Großteil der Mannschaften stellen, haben fast nur Zeitverträge. So jemand beschwert sich natürlich nicht so leicht, weil er ja einen Anschlussvertrag will. Im Bündnis „Fair übers Meer“ fordern wir daher feste Arbeitsverträge für Seeleute.

Frage: Die Deutsche Seemannsmission ist in 33 Häfen weltweit präsent. Mit welchen Problemen melden sich Seeleute bei Ihnen?

Antwort: Das ist ganz unterschiedlich. In der Pandemie waren es oft ausgelaufene Arbeitsverträge und gestrandete Crews. In Hamburg etwa saßen mehr als 200 Seeleute aus Kiribati über Monate fest. Andere Seeleute beschweren sich bei uns, wenn die Heuer nicht gezahlt wird, die Ernährung nicht ausreicht oder wenn sie an Bord schlecht behandelt werden.

Frage: Was tut die Seemannsmission dann?

Antwort: Meistens versuchen wir, Probleme direkt mit der Reederei zu regeln. In gravierenderen Fällen übergeben wir das Ganze an die Behörden im Hafen. Oft leisten wir vor allem Hilfe in ganz praktischen Dingen: Wir verkaufen SIM-Karten, wechseln Geld, in unseren kleinen Shops gibt es nützliche Gegenstände zu kaufen. Wir informieren darüber, wo der nächste Seemannsclub ist, in dem die Seeleute mal andere Menschen sehen können. In Hamburg etwa sind das der Seemannsclub Duckdalben und die Seemannsheime beim Michel und in Altona.

Frage: Will die Seemannsmission missionieren?

Antwort: Nein. Wir machen Sozialarbeit und kümmern uns um das seelische Wohlergehen. Unsere Mission ist es, für alle Seeleute da zu sein, aus allen Ländern, Kulturen und Religionen.

Frage: Was ist christlich an Ihrer Arbeit?

Antwort: Auf Wunsch segnen wir Schiffe, halten Gottesdienste an Bord ab. Dazu gehören auch Trauerfeiern, denn zur See zu fahren ist der zweitgefährlichste Beruf der Welt, nach der Hochseefischerei. Es gibt immer wieder Unglücksfälle und Todesfälle auf Schiffen. Das ist ganz besonders belastend für die Besatzungen.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Wenn an Bord jemand gestorben ist, wird er dort bis zum nächsten Hafen aufbewahrt – und zwar in einem Plastiksack in der Kühlung, in der manchmal auch die Lebensmittel lagern. Wenn wir an Bord kommen, machen wir Notfallseelsorge für Betroffene. Oft ist dann eine Segnung gewünscht. Ich segne auch Kühlräume, in denen eine Leiche gelegen hat. Und wenn an Bord besonders schlimme Ereignisse eintreten wie Piraterie, Kidnapping, Arbeitsunfälle oder eben Tod, dann helfen unsere 30 geschulten Experten der Psychosozialen Notfallversorgung.

Frage: Sind alle Seeleute offen für Ihre Angebote?

Antwort: Nicht immer sofort. Bei Seeleuten weltweit gibt es nach wie vor das Klischee des harten Seebären, der nicht über seine Sorgen redet. Und natürlich möchte auch niemand der Familie zu Hause Sorgen machen. Wir verfügen über eine fast 140-jährige Erfahrung, unsere Mitarbeiter kennen also die Realität der Seeleute genau. Sie können hinter das Lächeln blicken, hören zu und sind einfach da, wenn jemand seine Probleme mal loswerden will.

Frage: Seefahrt ist das Rückgrat des globalen Handels. Trotzdem nehmen wir Seeleute kaum wahr. Fehlt es an Wertschätzung?

Antwort: Jemand hat mal gesagt: „Die Menschen sind seeblind.“ Das stimmt. Viele genießen den Strand oder sehen begeistert die Schiffe auf der Elbe, aber sie sehen die Seeleute nicht. Dass 90 Prozent des weltweiten Handels übers Meer geschieht, wissen viele nicht. Menschen auf der ganzen Welt brauchen Seeleute. Sie leisten für die Gesellschaft eine wichtige Arbeit.

Frage: Wie lautet Ihr Appell?

Antwort: Meistens geht es in der Schifffahrt ausschließlich um Tonnen, Container und das Geld, das damit verdient wird. Es muss aber auch um die Menschen gehen, die an Bord leben und arbeiten. Wir setzen uns für deren Würde ein. Es ist uns als Deutscher Seemannsmission ganz wichtig, in der Öffentlichkeit noch stärker auf diese Bedeutung aufmerksam zu machen.

Frage: Auf welche Weise tun Sie das?

Antwort: Wir gehen die Sache als Stimme unserer Stationen im In- und Ausland aktiv an und vernetzen uns klug: Wir sprechen mit Bundestagsabgeordneten, laden Entscheider aus der Wirtschaft zu uns ein und haben einen direkten Draht ins Bundeskanzleramt und ins Bundeswirtschaftsministerium. Das ist ausgesprochen wichtig. Ich freue mich sehr darüber, dass unser Thema auf so großes Interesse stößt.

Frage: Wie finanziert sich die Seemannsmission?

Antwort: Wir sind ein Werk der EKD und erhalten Mittel der Kirche, aber auch vom Bund. Um unsere Arbeit zu finanzieren, sind wir aber vor allem auf Spenden angewiesen – und zwar in Zukunft auf noch mehr Spenden als bisher.

Frage: Sind Sie selbst je zur See gefahren?

Antwort: Nein. Ich bin als Seemannspastor einmal auf einem Containerschiff von Hapag-Lloyd mitgefahren. Von Hamburg über den Atlantik nach Caucedo in der Dominikanischen Republik. Das war beeindruckend und lehrreich.

Frage: Warum sind Sie ausgerechnet Seemannspastor geworden?

Antwort: Ich hatte vorher bereits viele multikulturelle Erfahrungen gesammelt, unter anderem in Brasilien, wo ich meine Frau kennengelernt habe. Seeleute kommen aus aller Welt und sind überall Fremde – aus diesem Gedanken heraus habe ich mich auf die Stelle des Seemannspastors beworben.

Frage: Aus welchem Holz sind Seeleute geschnitzt?

Antwort: Es sind sehr besondere Menschen, die auf See ihre ganz eigene Kultur leben. Aber trotzdem kann man nicht alle Seeleute auf einen Nenner bringen. Das Klischee des tätowierten Matrosen, der in jedem Hafen eine andere Frau hat, stimmt jedenfalls nicht. Seeleute sind Familienväter – oder auch -mütter – sie sind treue Ehemänner, viele mit einer gewissen Abenteuerlust.

Frage: An Land laufen den Kirchen die Gläubigen davon. Und auf See?

Antwort: In meiner Wahrnehmung als Theologe ist es so: Seeleute sind oft mit sehr existenziellen Fragen konfrontiert. Wenn sich jemand Gedanken über sein Leben macht, über erfahrene Ängste oder über Einsamkeit – dann ist das etwas Religiöses. Unabhängig von einer bestimmten Religion.

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