Serie „Blick ins alte Emden“ Emden feiert wieder den „Pappnasenball“ - wie alles begann
Nach zweijähriger Pause freut sich das Partyvolk auf eine Mega-Sause im Emder Kneipenviertel. Der „Erfinder“ des närrischen Trubels erinnert sich.
Emden - Karnevalsmuffel, die an diesem Wochenenden aus den närrischen Hochburgen im Rheinland fliehen und in Ostfriesland für ein paar Tage Ruhe und Entspannung suchen, sollten die Emder Innenstadt am Sonntag möglichst meiden: Denn in den Szenekneipen im Vergnügungsviertel rund um den Neuen Markt dürfte ein ähnlicher Trubel herrschen wie in ihrer Heimat. Der „Pappnasenball“ ist wieder angesagt.
Was und warum
Darum geht es: die Geschichte des Emder „Pappnasenballs“ zum Karneval
Vor allem interessant für: alle, die gerne feiern oder es früher gerne getan haben
Deshalb berichten wir: Nach zweijähriger Pause gibt es am kommenden Sonntag wieder den „Pappnasenball“ in Emden. Die Premiere war vor 35 Jahren. Wir blicken auf die Anfänge zurück. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Dieser Begriff steht in Emden seit mehr als drei Jahrzehnten für ausgelassene und feuchtfröhliche Partystimmung. Viele freuen sich schon lange darauf, zumal diese Emder Spezialität 2021 und 2022 wegen der Pandemie ins Wasser fiel. Voraussichtlich werden in diesem Jahr wieder einige Hundert mehr oder weniger phantasievoll verkleidete Menschen im Alter zwischen 18 und 60 vom Vormittag bis in den Abend hinein in mehreren Lokalen tanzen, schunkeln, trinken und baggern, was das Zeug hält.
Der Ursprung war in der Kulisse
Seinen Ursprung hat der „Pappnasenball“ in der „Kulisse“. Dieses Lokal ist die älteste und bekannteste Szenekneipe der Stadt. Nach Recherchen dieser Zeitung gab es die erste große Sause zum Karneval dort am Sonntag, den 14. Februar 1988. Davon zeugt auch ein von selbstgezeichnetes Plakat, das der Emder Grafiker und Illustrator Robert Sgrai entwarf. Es kündigte den „Pappnasen & Schlafanzug-Frühschoppen“ mit dem Zusatz „Prunksitzung“ an.
Die Idee, die Narren in die Kneipe zu holen, hatte der Emder Michael Schwarzenberg, der damals hinter dem Tresen stand. Der heute 62-Jährige, der seit 27 Jahren im VW-Werk beschäftigt ist, war sozusagen die rechte Hand des ehemaligen „Kulissen“-Wirts Hans-Georg „Schorsch“ Tennhoff. „Es sollte einfach nur ein Gag sein“, sagt Schwarzenberg. Damals ahnte er nicht, was daraus werden sollte.
Der Chef war zunächst skeptisch
Bei seinem Chef stieß die Idee aber zunächst auf viel Skepsis. „Ich habe Michael damals gesagt, dass wir den Dom lieber in Köln lassen sollten. Denn da gehört er hin“, erinnert sich „Schorsch“ Tennhoff, der die „Kulisse“ gemeinsam mit seiner Frau Rita Tennhoff von Anfang 1983 bis Ende 2017 betrieb. Doch Schwarzenberg ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. In die Karten spielte ihm dabei, dass die Tennhoffs im Februar 1988 in Urlaub waren und er sie hinter der Theke vertrat.
„Ich habe damals ein paar Leute gefragt, ob sie mitmachen“, erzählt der Erfinder des „Pappnasenballs“. Dazu gehörten der Hobby-DJ Arno Steeneken, der Musiker Charles Montigny und ein Emder OZ-Reporter, der bei der Premiere des „Schlafanzug & Pappnasen-Frühschoppens“ eine kleine Büttenrede zum Besten gab. Mit im Boot war auch der Fernseh- und Radiotechniker Arthur Borchers, der damals ein Tonstudio betrieb, die Musikanlage zur Verfügung stellte und den „Narrhallamarsch“ vom Band abspielte.Nah
Nachschub kam aus anderen Kneipen
„Ich war schon ziemlich nervös und hatte ein bisschen Herzflattern“, gesteht Schwarzenberg im Rückblick. Denn eine solche Veranstaltung durchzuziehen und dazu noch tagsüber an einem Sonntag, sei schon ein Wagnis gewesen. Doch die Unsicherheit erwies sich als unberechtigt. „Am Mittag war die Hütte knüppeldicke voll“, erinnert sich der 62-Jährige.
Die Getränkevorräte hätten damals nicht gereicht. Nachschub kam aus der damaligen Szenekneipe „Evergreen“ am Neuen Markt. „Wir haben die Bierfässer damals über den Platz gerollt“, so Schwarzenberg. Die Party in der „Kulisse“ ging bis in den frühen Morgen.
Auch in anderen Lokalen wird gefeiert
Seitdem hat sich der „Pappnasenball“ zu einer festen Größe für das Emder Partyvolk entwickelt. Die „Kulisse“ ist stets der Mittelpunkt der Mega-Sause geblieben. Im Laufe der Zeit weitete sich das närrische Treiben aber auch auf die gegenüberliegende Kneipe aus, die früher „Friesenhof“ hieß, später in „Maxx“ umbenannt wurde und derzeit zum „La Vie - Le Petit“ umgebaut wird. Die neuen Betreiber wollen sich am Sonntag anlässlich des „Pappnasenballs“ bei einer Baustellenparty schon mal den Emderinnen und Emdern vorstellen. Gefeiert wird aber mittlerweile auch in weiteren Lokalen des Vergnügungsviertels im Stadtzentrum.
Die Gastronomen rechnen damit, dass es diesmal beim närrischen Treiben in der norddeutchen Diaspora des Karnevalsfrohsinns mindestens ebenso voll wird wie in den Zeiten vor Corona. Zuletzt hatte es in der „Kulisse“ und den umliegenden Kneipen kein Durchkommen mehr gegeben.
Polonaise half dem Personal beim Aufräumen
„Wenn man erst mal drin ist, kommt man fast nicht mehr heraus“, sagt ein Stammgast des „Pappnasenballs“. Das war früher nicht anders. „Schorsch“ Tennhoff erinnert sich, dass er eigens die „Polonäse Blankenese“ von Gottlieb Wendehals auflegen ließ und die sich an den Schultern fassenden Gäste draußen um die Häuser tanzen ließ, nur um zwischendurch in Windeseile die Gläser von den Tischen räumen oder die Toiletten reinigen zu können. „Wir hatten sonst keine Chance“, so Tennhoff.
Den 35. Geburtstag des „Pappnasenballs“ an diesem Sonntag lässt sich auch Maren Müchler nicht entgehen. Die Emderin und ihre Freundinnen haben in den vergangenen 20 Jahren kaum eine Auflage dieser Sause ausgelassen. Bei der Wahl der Kostüme seien sie im Laufe der Zeit immer kreativer geworden. „Dieses Jahr gehen wir als böse Rotkäppchen“, verrät die 40-Jährige. So ideenreich wie diese Frauengruppe sind aber nicht alle Gäste. Viele bestellen sich ihr komplettes Outfit mittlerweile einfach im Internet. Der Partystimmung schadet das aber nicht.