Berlin „Polizeiruf“ heute aus Rostock: Was taugt der Fall „Daniel A.“?
Im Rostocker „Polizeiruf 110: Daniel A.“ spielt Jonathan Perleth einen trans Mann. Auch er selbst hat eine trans Geschichte. Im Interview spricht er über die Nähe zur Figur, über die nötige Sicherheit am Set und die Motivation seiner Nacktszene.
Eine Frau wird getötet. Verdächtig ist Daniel A., der mit dem Opfer ein Date hatte. Er ist unschuldig; trotzdem stellt er sich nicht – aus Angst, dass seine Identität als trans Mann auffliegt. Vater, Schwester, Kollegen: Alle kennen Daniel A. nur als Daniela. Wir Zuschauer wissen mehr; auch den wahren Täter zeigt Regisseur Dustin Loose im „Polizeiruf 110: Daniel A.” gleich zu Beginn. Die Spannung dieser Geschichte ist dann psychologisch: Offenbart sich Daniel A.? Bringt er sich und andere in Gefahr?
Dargestellt wird Daniel von Jonathan Perleth. Etwas Besonderes ist die Rolle für den bei Rostock aufgewachsenen Schauspieler nicht nur, weil es seine erste ist. Sie berührt auch seine eigene Biografie: Perleth ist selbst trans. Dass das auch für die Figur gilt, wusste er am Anfang noch gar nicht: „Ich habe eine Mail bekommen und da hieß es nur: Es geht um den ‚Polizeiruf’”, erzählt er uns in einem Berliner Café. Aber: „Ich dachte mir gleich, dass es wahrscheinlich um eine trans Rolle geht, weil der Rollenname männlich war und ich damals noch relativ feminin aussah. Das ist ja schon anderthalb Jahre her.”
Muss man eine queere Biografie haben, um queere Rollen zu verkörpern? Für Perleth lässt sich das nicht in einem Satz beantworten. Künstlerisch sieht er tatsächlich die Gefahr, dass Schauspieler ohne den privaten Hintergrund am Ende Klischees reproduzieren. Umgekehrt fände er aber auch einen Zwang problematisch, sich für eine Rolle erst als lesbisch oder schwul outen zu müssen. Perleth erinnert an den Fall des US-Stars Kit Connor. Der 18-Jährige hatte in der Serie „Heartstopper“ eine bisexuelle Figur gespielt – und wurde zum Coming-out gedrängt, als Fans die Besetzung mit einem vermeintlichen hetero lebenden Schauspieler laut kritisiert hatten.
Geschlechtersensible Sprache und transfeindlicher Feminismus: Jonathan Perleths Interview im Wortlaut
„Bei trans Personen ist es noch einmal ein bisschen was Anderes, weil es hier auch um eine körperliche Repräsentation geht”, sagt Perleth. „Sexuelle Orientierung ist eine Frage des Begehrens, aber beim Trans-Sein geht es mitunter um den eigenen Körper.” Deshalb findet er es gerade hier wünschenswert, trans Schauspieler zu suchen.
Jonathan Perleth auf Instagram:
Was Perleth meint, führt auch der Rostocker „Polizeiruf 110” vor. Gleich am Anfang tauscht Daniel A. Männer- gegen Frauenkleider. Er befreit die eng abgebundenen Brüste, legt einen BH an – und mit der Figur zeigt jetzt auch der Schauspieler selbst, wo er zum Zeitpunkt des Drehs mit der Geschlechtsangleichung steht – ein starker Moment der Verletzlichkeit. „Der Regisseur hat es komplett mir überlassen, was ich zeige und was nicht”, sagt Perleth. Ohne dieses Gefühl der Sicherheit hätte er es nicht gemacht. „So habe ich gesagt: Ich möchte Daniel zeigen, ohne mit der Kamera zu tricksen. Für die Figur und auch für mich: Ich wollte nicht das Gefühl haben, dass ich meinen Körper verstecken muss oder dass man mich nicht sehen darf”, sagt Perleth. „Also haben wir es so authentisch wie möglich gedreht und meinen Körper gezeigt, wie er ist. Ich bin sehr froh, dass wir das so gemacht haben.”
Mit der Rolle von Daniel A. hat Perleth sich eine Visitenkarte erspielt, die auch bei Casting-Agenturen Eindruck machen dürfte. Welche Rollen kommen als Nächstes? Wieder trans Figuren? Oder auch cis Männer – solche also, die sich mit dem zugeschriebenen Geschlecht identifizieren? „Ich bin trans Darsteller, aber meine Rollen müssen nicht alle eine trans Geschichte haben. Eine ganze Zeit lang dachte ich, dass ich erstmal nur für trans Rollen infrage komme – einfach vom Äußeren, vom Stand meiner Transition* her”, sagt Perleth. „Inzwischen finde ich aber, dass ich jetzt auch cis Rollen übernehmen kann, wenn man mit dem Alter ein bisschen runtergeht.”
Hier können Sie in den Trailer zum „Polizeiruf 110: Daniel A.“ reingucken:
Zur Einfühlung jedenfalls braucht er die trans Geschichte nicht. „Bei einer cis Rolle verbinde ich mich eben mit anderen Themen“, sagt er und betont, dass auch eine queere Figur für ihn nur eine Figur bleibt: „Natürlich sind auch trans Rollen nicht autobiografisch. Als ich im ‚Polizeiruf‘-Drehbuch gelesen habe, was Daniel so für Entscheidungen trifft, habe ich mir oft gedacht: Oha, das hätte ich alles ganz anders gelöst.“ Nach dem Debüt im Rostocker Krimi hat Perleth schon den nächsten Film gedreht, diesmal ist es ein „Zielfahnder“-Fall. Und diese Rolle, sagt er, war ausdrücklich als trans ausgeschrieben.
Sendetermin: „Polizeiruf 110: Daniel A.”, ARD, Sonntag, 19. Februar, 20.15 Uhr.
*Transition ist ein anderes Wort für die geschlechtsangleichende Behandlung.