Hannover  Nach Hundekot-Angriff: Staatsoper trennt sich von Marco Goecke, zeigt seine Stücke aber weiter

Lars Laue
|
Von Lars Laue
| 16.02.2023 06:35 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Rausgeflogen: Marco Goecke, Ballettdirektor der Staatsoper Hannover. Der 50-jährige Choreograf ist nach einer Hundekot-Attacke auf eine Journalistin zunächst suspendiert worden, nun wurde sein Vertrag „in gegenseitigem Einverständnis“ mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Foto: Christophe Gateau/dpa
Rausgeflogen: Marco Goecke, Ballettdirektor der Staatsoper Hannover. Der 50-jährige Choreograf ist nach einer Hundekot-Attacke auf eine Journalistin zunächst suspendiert worden, nun wurde sein Vertrag „in gegenseitigem Einverständnis“ mit sofortiger Wirkung aufgelöst. Foto: Christophe Gateau/dpa
Artikel teilen:

Nach seinem Hundekot-Angriff auf eine Journalistin ist Marco Goecke nicht länger Ballettdirektor der Staatsoper Hannover. Heute Mittag wurde sein Rauswurf verkündet. Seine Werke aber will das Theater weiterhin zeigen.

Die Staatsoper Hannover trennt sich von ihrem Ballettdirektor Marco Goecke (50). Entsprechende Hinweise, die unserer Redaktion bereits im Vorfeld vorlagen, haben die Intendantin Laura Berman und der Aufsichtsratsvorsitzende Falko Mohrs (SPD), Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur, am Donnerstag vor der Presse in Hannover bestätigt.

Sein Vertrag als Ballettdirektor sei mit sofortiger Wirkung „in gegenseitigem Einverständnis“ aufgelöst worden, sagte Berman. Bereits am Montag hatte die Theaterleitung Goecke suspendiert.

Goecke hatte am Samstagabend im Foyer des Opernhauses in Hannover eine Journalistin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Hundekot beschmiert. Zuvor hatte er ihr vorgeworfen, immer „schlimme, persönliche“ Kritiken zu schreiben. Drei Tage nach seiner Hundekot-Attacke entschuldigte sich der Ballettchef öffentlich – machte der betroffenen FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster aber zugleich weitere Vorwürfe. Diese reagierte entrüstet.

Die Werke des Star-Choreografen Goecke will die Staatsoper Hannover laut Intendantin Berman weiterhin zeigen. Einige Gäste hätten ihre Tickets zwar nach dem Vorfall zurückgegeben, die nächsten Vorstellungen des Goecke-Werkes „Glaube, Liebe, Hoffnung“, das am Samstag Premiere feierte, seien aber nahezu ausverkauft. Auch eine Zusammenarbeit in der Zukunft schloss Berman nicht grundsätzlich aus.

Für die Aufführung seiner Stücke werde Goecke auch Tantiemen erhalten, weil er die Rechte an den Werken habe, erläuterte die Intendantin. Zur Höhe sowie zur Frage des Jahresgehalts des ehemaligen Ballettchefs wollte Berman sich indes nicht äußern. Es sei vertraglich eine Schweigepflicht vereinbart. Auch ließ sie offen, ob Goecke eine Abfindung bekommt. Auf den Hinweis, dass in diesem Bereich Jahresgehälter im sechsstelligen Bereich branchenüblich seien, entgegnete die Intendantin, dass in Hannover „bescheidene Gagen“ gezahlt würden.

Auf die Frage, warum Goeckes Stück am Samstagabend nach seinem Hundekot-Übergriff überhaupt noch gezeigt wurde und er auch noch Gelegenheit bekam, sich vor dem Publikum zu verbeugen, sagte die Intendantin, dass das Theater das „im Interesse des Publikums“ so entschieden habe. Sie selbst habe die Tat auch nicht unmittelbar mitbekommen. „Wir standen alle ziemlich unter Schock“, betonte Berman.

Kulturminister und Aufsichtsratsvorsitzender Mohrs bezeichnete den Angriff als „widerliche, ekelhafte und inakzeptable“ Tat. Die Vertragsauflösung sei daher „unausweichlich und folgerichtig“.

Bis ein Nachfolger für Marco Goecke gefunden ist, übernimmt der stellvertretende Ballettdirektor Christian Blossfeld (42) die Leitung der Compagnie. Mit allen Tänzerinnen und Tänzern des Staatsballetts hat sich die Staatsoper eigenen Angaben zufolge mindestens bis Sommer 2024 zur Zusammenarbeit verabredet.

Zum Abschluss ihres Statements warb Intendantin Berman ein wenig um Verständnis für Künstler, die heutzutage unter einem enormen Druck stünden und sich vor allem auch durch häufig anonyme Verunglimpfungen im Internet persönlichen Anfeindungen ausgesetzt sähen. „Das wird immer schlimmer“, sagte sie, wenngleich Kunst durch eine gute und seriöse Kritik auch besser werden könne. Damit wolle sie nicht falsch verstanden werden und den Vorfall auch nicht verharmlosen, sagte Berman und Minister Mohrs bekräftigte: „Auch harte Kritiken rechtfertigen keinen körperlichen Übergriff.“

Ähnliche Artikel