Berlin Die absurdesten Zitate: So verdrehen Putin, Lawrow & Co. die Geschichte
Ein Jahr nach Beginn des Krieges sammeln wir die absurdesten Zitate von Putin und Co. – und erklären, welche historischen Zusammenhänge ganz bewusst verdreht werden.
Unter Paranoia versteht man eine eklatante Persönlichkeitsstörung, die von enormem Misstrauen gekennzeichnet ist. Betroffene schaffen sich eine Welt, in der sie nur eine einzige Wahrheit gelten lassen: die eigene.
Argwohn ist ihr ständiger Begleiter. Er richtet sich gegen Hirngespinste aller Art. Weil Paranoide ständig den Verdacht hegen, dass andere versuchen, sie auszunutzen, zu hintergehen, zu betrügen und zu schaden, keilen sie mit Beleidigungen, Zurücksetzungen, Drohungen und Gewalt zurück.
Nimmt man diese Definition zum Maßstab, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass in Russland die Paranoia regiert. Das Sagen haben Politiker im Kreml und einige Vasallen, die ganz fest an den Unsinn glauben, den sie Tag für Tag absondern. Wladimir Putin und sein Außenminister Sergej Lawrow sind zum Opfer ihrer eigenen Demagogie und Propaganda geworden. Mal erzählen sie selbst Stuss, mal lassen sie ihre Sprechpuppen Wladimir Solowjow und Dmitri Medwedew tanzen.
Die Vorwürfe gegen den Westen und die historischen Verdrehungen bilden inzwischen ein Sammelsurium der Absurditäten. Vor allem ist es die Schärfe, die schockiert. Sie zeigt einmal mehr, dass sich das offizielle Russland von sämtlichen Errungenschaften der Zivilisation inklusive Menschenrechte und Humanität verabschiedet hat.
Beleidigungen und a-historische Vergleiche sind fester Bestandteil der Rhetorik des Kremls. Putins Chefeinpeitscher Wladimir Solowjow vergleicht Olaf Scholz im russischen Staatsfernsehen gerne mit Adolf Hitler. Der deutsche Bundeskanzler sei ein „kleiner Führer“, ein „Nazi-Drecksack“; und handele – auch Russen haben können Verschwörungsquark – auf Befehl der amerikanischen „Besatzungsbehörden“. Hatte Hitler je auf irgendwelche Besatzer gehört? Garantiert nicht. Das ist keine Geschichtsklitterung, sondern -fälschung.
Aber das ist Solowjow und Konsorten völlig egal. Dmitri Medwedew nimmt sogar das Dritte Reich, wie er es braucht. Der stellvertretende Leiter des Sicherheitsrates der Russischen Föderation nimmt sogar das Dritte Reich, wie er es braucht. Es wäre, schrieb er einmal, nicht verwunderlich, wenn die Ukraine das gleiche Schicksal erleiden würde wie Hitler-Deutschland: „Das ist der Weg.“
Der Zusammenbruch könne den Weg für „ein offenes Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok“ öffnen, ließ er die Welt wissen.
Dass Medwedew einmal russischer Präsident war, macht seine Hasstiraden umso trauriger. Keiner ist sprachlich so boshaft wie er, keiner erzählt so viel Humbug wie er. Ukrainische und westliche Politiker hält er für „Schweine“ ohne „Glauben oder ein angeborenes Dankbarkeitsgefühl“.
Bundesaußenministerin Annalena Baerbock nennt er „das ungebildete Weib“ unter den angeblichen „Aufsehern im europäischen Schweinestall“. Wer so redet, ist voller Verachtung und Hass.
Besonders abstrus sind Hitler-Vergleiche aus den Mündern der Kriegsherren im Kreml, wenn sie dazu dienen, Russland als Opfer zu stilisieren. So wie der deutsche Diktator „die Mehrheit der europäischen Länder“ gegen Russland mobilisiert habe, so schmiede die USA jetzt eine Koalition zur „Endlösung der russischen Frage“, sagte Außenminister Sergej Lawrow. Und verglich die Unterstützung der Ukraine durch den Westen mit der systematischen Ermordung von Juden im Zweiten Weltkrieg.
Der Nichtangriffspakt, den Hitler und Stalin Ende August 1939 schlossen und der den Weg zum deutschen Überfall auf Polen Tage später ebnete, lässt Lawrow natürlich außen vor. Das passt nicht zu den Versuchen, den Massenmörder Stalin reinzuwaschen, um ihn als unbefleckten Helden der Sowjetunion zu feiern.
Hitler wollte die Juden tatsächlich vollständig vernichten. Das ist exakt das, was Russland mit der Ukraine vorhat: Sie auszulöschen. Wenn westliche Politiker von einer „strategischen Niederlage“ der Armee des Kremls reden, heißt das nicht, dass irgendwer in Russland einfallen und gar vernichten will, wie es Lawrow suggeriert. Es geht darum, die Position der Ukraine für etwaige Friedensverhandlungen zu stärken.
„Die totale Russophobie“, die Putin im gesamten Westen ausgemacht haben will, ist Teil seiner Paranoia, mit der er seinen Krieg neuerdings rechtfertigt: Wir müssen siegen, weil der Westen uns zerstören will! Dieser Unsinn ignoriert die Tatsache, dass Russland die Ukraine angegriffen und mit einem brutalen Krieg überzogen hat, um ein neues Imperium nach dem Vorbild der Sowjetunion erwachsen zu lassen.
Erst erklärte Putin, es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die Ukraine zu attackieren, weil sie sonst Russland „weiter“ bedroht hätte. Dann ging es aber nicht nur um die „Demilitarisierung“, sondern auch die „Entnazifizierung“ der Ukraine, insbesondere der Politik. Dass eine rechtsextreme nationalistische Partei bei freien Wahlen die Fünf-Prozent-Hürde und damit den Einzug ins Parlament von Kiew deutlich verfehlte, interessierte Putin natürlich nicht.
Irgendeine Erklärung brauchte er, seinen Krieg zu anzufangen. Nun ist es also, dass der Westen Russland vernichten wolle. Und so wird die „Spezialoperation“, wie der Kreml das Schlachten und Bomben in der Ukraine immer noch nennt, auf eine Stufe mit dem Großen Vaterländischen Krieg gegen das Deutsche Reich gestellt, das die Sowjetunion überfallen hat und vernichten wollte.
Putin und Lawrow sind scheinbar Opfer ihrer eigenen Hirngespinste geworden. Hier paart sich Größen- mit Verfolgungswahn. Wie alle Führer mit Paranoia schießen sie zurück – und das leider nicht nur verbal. Immer eine Schippe drauf, lautet die Devise.
Der Führer der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, betrachtet Ostdeutschland drei Jahrzehnte nach dem Abzug der russischen Truppen aus dem Gebiet der ehemaligen DDR als „unser Territorium“. Er schlägt deshalb vor, dass die russische Armee dorthin zurückkehren sollte. Klingt witzig, ist aber so ernst gemeint wie das ganze andere Geschwafel von Putin, Medwedew und Lawrow.