Osnabrück Immer mehr Pflegebedürftige stocken mit Sozialhilfe auf - Verbände schlagen Alarm
Die Kosten für die Pflege im Heim steigen. Immer mehr alte Menschen können das nicht mehr bezahlen und sind auf Sozialhilfe angewiesen. Patientenschützer und Sozialverbände fordern den Staat zum Umdenken auf.
Viele Rentner haben ihr Leben lang gearbeitet – doch wenn sie pflegebedürftig werden und ins Heim müssen, reicht das Geld nicht. Dass inzwischen fast jeder dritte Heimbewohner laut einer neuen Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit auf Sozialhilfe angewiesen ist, halten Patientenschützer und Sozialverbände für einen Skandal. Sie verlangen Soforthilfe vom Staat wie einen Inflationsausgleich für die Pflege, aber auch Priorität für die Pflege zu Hause.
Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sprach gegenüber unserer Redaktion von einem „Kosten-Tsunami in der Altenpflege” und sagte: „Das Zuschauen der Ampel-Koalition muss ein Ende haben.“
Konkret forderte der Patientenschützer für jeden Betroffenen ab sofort 300 Euro monatlich mehr. Auch ein Inflationsausgleich bei den Pflegeleistungen sei unverzüglich einzuführen.: „Solche dringend notwendigen Anpassungen kann die Bundesregierung ohne das Parlament beschließen.” Inflation, Tarifanpassungen und explodierende Energiekosten würden die Pflege derzeit verteuern.
Der Sozialverband VdK machte sich für die Alternative stark, pflegebedürftige Menschen zuhause zu versorgen. VdK-Präsidentin Verena Bentele sagte unserer Redaktion: „Aus Sicht des VdK muss die Nächstenpflege, also die Pflege von Angehörigen zu Hause, absolute Priorität auf der politischen Agenda haben.” 80 Prozent der über fünf Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland würden zu Hause versorgt. Bentele forderte: „Wir brauchen dringend Hilfe für die Pflege in den eigenen vier Wänden in Form von Hauswirtschaft und Betreuung.”
Es müsse mehr Entlastung für die Angehörigen geben. Bentele sagte: „Wir fordern einen Rechtsanspruch auf Tagespflege, vergleichbar mit dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, um die pflegenden Angehörigen zu entlasten und ihnen die Möglichkeit zu geben, stundenweise einer Beschäftigung nachzugehen.“
Laut der Studie im Auftrag der DAK dürften in diesem Jahr knapp ein Drittel (32,5 Prozent) der Heim-Bewohnerinnen und Bewohner die sogenannte Hilfe zur Pflege bekommen – und das trotz einer kräftigen Rentenerhöhung 2022. Damit würde die Sozialhilfequote schon wieder steigen, nachdem sie im vergangenen Jahr dank neuer Entlastungszuschläge für selbst zu tragende Pflegekosten deutlich auf 30,5 Prozent gesunken war.
Im nächsten Jahr könnte der Anteil der Pflegebedürftigen im Heim mit Sozialhilfe laut der Modellrechnung des Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang von der Universität Bremen weiter auf 34,2 Prozent steigen und bis 2026 dann noch weiter auf 36 Prozent.
DAK-Chef Andreas Storm sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Ziel muss es sein, dass weniger als 30 Prozent der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen sind.» Damit Menschen nicht erst ins Pflegeheim kommen, müsse zudem die Pflege in den eigenen vier Wänden viel stärker gefördert werden. Das Pflegegeld sollte daher noch in diesem Jahr um mindestens zehn Prozent erhöht werden.
Eigenanteile für die Pflege im Heim steigen seit Jahren - inzwischen auch trotz 2022 eingeführter Entlastungszuschläge, die mit der Pflegedauer steigen. Zum 1. Januar 2023 waren nach Daten des Verbands der Ersatzkassen im ersten Jahr im Heim im bundesweiten Schnitt 2411 Euro im Monat selbst zu zahlen, 278 Euro mehr als Anfang 2022.
In den Summen ist zum einen der Eigenanteil für die reine Pflege und Betreuung enthalten. Denn die Pflegeversicherung trägt - anders als die Krankenversicherung – nur einen Teil der Kosten. Für Heimbewohner kommen dann noch Kosten für Unterkunft, Verpflegung und auch für Investitionen in den Einrichtungen hinzu. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat für dieses Jahr eine Pflegereform angekündigt.
(mit dpa)