Kriegsflüchtlinge beim DRK  „Wir haben in der ersten Zeit jeden Tag geweint“

| | 23.02.2023 18:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auch aus der stark umkämpften Stadt Mariupol in der Ukraine kamen Flüchtlinge nach Wittmund. Das Bild entstand am 24. Februar 2022 in Mariupol und zeigt eine Frau, die nach russischem Beschuss an den Trümmern vorbeigeht. Foto: Maloletka/AP/dpa
Auch aus der stark umkämpften Stadt Mariupol in der Ukraine kamen Flüchtlinge nach Wittmund. Das Bild entstand am 24. Februar 2022 in Mariupol und zeigt eine Frau, die nach russischem Beschuss an den Trümmern vorbeigeht. Foto: Maloletka/AP/dpa
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Im April 2022 arbeiten Helga Groeneweg und Sandra Bröske im Wittmunder Impfzentrum. Das Team ist gut eingespielt. Dann kommen die ersten Ukraine-Flüchtlinge. Und mit ihnen viele Tränen.

Wittmund - Da sitzt man entspannt in einem gut besuchten Wittmunder Café zusammen und dann werden beim Erzählen plötzlich die Augen feucht. Was Sandra Bröske und Helga Groeneweg im letzten Jahr im Wittmunder Impfzentrum erlebt haben, lässt auch jetzt noch viele Emotionen hochkommen. Kein Wunder: Die beiden Frauen und ihre Kollegen waren für viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine so etwas wie ein erster Anlaufpunkt in Wittmund. Sie sahen und hörten Geschichten, die auch zweieinhalbtausend Kilometer vom Kriegsschauplatz entfernt nur schwer zu ertragen waren. „In den ersten Wochen haben wir jeden Tag geweint“, sagt Bröske.

Was und warum

Darum geht es: um Schicksale ukrainischer Kriegsflüchtige, die nach Wittmund kamen

Vor allem interessant für: Leute, die in ihrem Alltag Ukrainern begegnen

Deshalb berichten wir: Zum Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine wollen wir einen Blick auf diejenigen werfen, die deswegen ihr Zuhause verlassen mussten.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Die 51-Jährige aus Esens ist medizinische Fachangestellte und arbeitete während der gesamten Zeit des Wittmunder Impfzentrums dort mit; erst in der Esenser Jugendherberge, dann bei den mobilen Impfteams und schließlich im alten OLB-Gebäude in der Wittmunder Innenstadt. Während dieser letzten Phase änderte sich die Arbeit im Impfzentrum allerdings. In der Ukraine war Krieg ausgebrochen und die flüchtenden Ukrainer landeten auf Umwegen auch in Wittmund. Für die schnelle medizinische Erstuntersuchung der Kriegsflüchtlinge ging es ins Impfzentrum. Aus praktischen Gründen, wie es aus dem Wittmunder Kreishaus heißt. Im Impfzentrum arbeite schließlich schon ein eingespieltes medizinisches Team. Betrieben wurde es vom DRK, für das Helga Groeneweg stets vor Ort war.

Die Untersuchung

„Geflüchtete haben durch die Umstände der Flucht ein höheres Infektionsrisiko und bedürfen einer besonderen gesundheitlichen Betreuung“, heißt es beim niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA). Die Ankommenden sollten also an ihrem jeweiligen Ziel möglichst schnell medizinisch untersucht werden. Zum eigenen Schutz und zum Schutz der anderen. Immerhin wurden die Menschen zunächst in Sammelunterkünften untergebracht, wo mögliche Krankheiten sich eben nicht verbreiten sollten.

Sandra Bröske (links) und Helga Groeneweg haben über ihre Erfahrungen mit den ukrainischen Kriegsflüchtlingen gesprochen. Beide arbeiteten 2022 im Wittmunder Impfzentrum, wo auch die Erstuntersuchungen für die Flüchtlinge stattfanden. Foto: Oltmanns
Sandra Bröske (links) und Helga Groeneweg haben über ihre Erfahrungen mit den ukrainischen Kriegsflüchtlingen gesprochen. Beide arbeiteten 2022 im Wittmunder Impfzentrum, wo auch die Erstuntersuchungen für die Flüchtlinge stattfanden. Foto: Oltmanns

In den Hinweisen zur medizinischen Erstversorgung der Geflüchteten an die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen zählt das NLGA auf, worauf geachtet werden soll: unter anderem Polio, Masern, Tuberkulose und natürlich Covid. Auch an Tollwut sollten die Mediziner denken, heißt es weiter. Die sei bei ukrainischen Waldtieren noch verbreitet und könne möglicherweise auch bei Haustieren wie Hunden und Katzen auftreten, die auf der Flucht mitgeführt werden. Im Wittmunder Impfzentrum kümmerten sich die Impfärzte um die Gesundheit der Ankommenden, es wurde untersucht, geprüft, geimpft. Auch mit Hilfe von Übersetzerinnen, übrigens, in der Regel selbst Flüchtlinge, die neben Ukrainisch auch Deutsch sprachen. Rund 590 solcher Untersuchungen gab es in Wittmund.

Die Schicksale

Aber das sind nur die medizinischen Aspekte. Die Einzelschicksale sind noch etwas ganz anderes. Im Stimmengewirr des Wittmunder Cafés berichten Sandra Bröske und Helga Groeneweg von einem Mann, der ihnen bei der Untersuchung auf seinem Handy ein Video seines Zuhauses in Mariupol zeigte, dort also, wo er vor wenigen Tagen noch wohnte. Die Frauen waren schockiert: „Da war alles in Schutt und Asche“, sagt Groeneweg. Das Haus, das Auto davor, alles verbrannt, dem Erdboden gleichgemacht. Oder der Mann mit der Splitterwunde in der Schulter. „Nie hätte ich gedacht, dass ich mal eine Kriegswunde versorgen müsste“, sagt Bröske. Dann die Familie, deren Kinder nicht mal Socken an den Füßen hatten: Keine Zeit, habe der Vater gesagt, sie seien bei einem Angriff einfach aus dem Haus gerannt und weggelaufen.

Und selbst unter diesen Kriegsgeschichten gibt es einige, die besonders schwer zu ertragen sind. Die Geschichte der Frau, die den Geburtstag ihres toten Sohnes feiern wollte, zum Beispiel. Sie selbst musste vor den Angriffen fliehen, der Sohn kam als Soldat im Kampf gegen die Russen ums Leben. Eine abrupte und endgültige Trennung ohne Abschied und ohne Trost. Am schlimmsten aber: das stille Mädchen. Eine Elfjährige habe ganz still und mit gesenktem Blick auf der Untersuchungsliege gesessen, kein Wort gesagt und nicht mal eine erkennbare Mimik gezeigt. Mit Hilfe der Übersetzerin und der begleitenden Mutter kam dann diese Geschichte zutage: Mutter und Tochter hatten verschüttet in einem Keller gesessen und waren erst nach zehn Tagen ins Freie gekrabbelt. Über Leichen. Kein Wunder, dass in diesem Impfzentrum viel geweint wurde.

Der Umgang mit Schicksalen

Die Geflüchteten hatten Glück, dass sie in Wittmund auf ein medizinisches Team stießen, das als Impfteam bereits gut eingespielt und außerdem sehr engagiert war. Natürlich wurden umgehend Socken für die sockenlosen Kinder besorgt. Und die Impfärzte seien auch in ihrer freien Zeit in die Sammelunterkünfte gefahren, um nach ihren Patienten zu sehen, berichten die beiden Frauen. Das traumatisierte Mädchen sei an einen Psychologen in Norden vermittelt worden, der ukrainisch spricht. Aber schwierig blieb der Umgang mit den Kriegsgeschichten auch. „Es gab Tage, da konnte ich mir die Kriegsberichterstattung im Fernsehen einfach nicht angucken“, sagt Bröske. Zu viel Zerstörung, und die Opfer so nah.

Im Moment ist der Flüchtlingsstrom nach Wittmund abgebrochen. „Aktuell gibt es für den Landkreis keine Zuweisungen der Landesaufnahmestelle“, schreibt die Kreisverwaltung auf Nachfrage. Das könne sich aber jederzeit ändern. Insgesamt seien im vergangenen Jahr 1024 Menschen aus der Ukraine in den Landkreis gekommen. In diesem Jahr seien es bisher 21. Nicht alle wurde im Impfzentrum medizinisch untersucht. Bei einigen geschah das auch im Willkommenszentrum in Wittmund. Oder sie waren schon untersucht worden, bevor sie Wittmund erreichten.

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