Ein Jahr Krieg in der Ukraine Aus dem Hilfscafé wird eine Sprachschule
Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine kamen viele Menschen in den Landkreis Leer. Hier entstanden viele Hilfsangebote. Einige gibt es noch heute.
Leer - Im März 2022 ging es los. Im Garten der Petruskirche in Leer-Loga trafen sich Menschen aus der Ukraine mit Deutschen, die ihnen helfen wollten. Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 kamen die ersten ukrainischen Flüchtlinge nach Leer. In der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde reagierte man und eröffnete das „Café Welcome“.
Was und warum
Darum geht es: Viele Menschen im Landkreis Leer kümmern sich seit Kriegsbeginn um Menschen aus der Ukraine. Wir haben exemplarisch bei zweien nachgefragt, wie es heute aussieht.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich mit den Flüchtlingen aus der Ukraine solidarisieren
Deshalb berichten wir: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann vor einem Jahr. Wir wollten wissen, was aus den Hilfsaktionen geworden ist. Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de
Auch ein Jahr nach Kriegsbeginn gibt es die Institution noch immer. „Wir haben aber unseren Schwerpunkt geändert“, sagt Sylvia Taudor, eine der Helferinnen im Café. Bis zu den Sommerferien habe man sich nämlich einmal die Woche am Dienstagnachmittag für Kaffee, Kuchen und einen Austausch getroffen. So richtig kam man aber nicht ins Gespräch. „Wir haben versucht, mit Händen und Füßen oder dem Handy uns zu unterhalten“, erinnert sich Taudor. Ansonsten habe man sich nett angelächelt und das wars. „Die ukrainischen Frauen blieben eher unter sich“, sagt sie.
Nach den Sommerferien habe man überlegt, wie man weitermachen könne. Dann habe man gehört, dass die Flüchtlinge beim Erlernen der Sprache Hilfe bräuchten. „In den Sprachkursen wird viel Grammatik gemacht. Das Programm ist hammerhart“, sagt Taudor, die früher selbst Französisch am Gymnasium unterrichtet hat. Also legten die Helferinnen beim „Café Welcome“ los und starteten eine Sprachschule. „Wir schauen dabei weniger auf die Grammatik, sondern wir simulieren Alltagssituationen“, sagt Taudor. Zehn bis 15 Frauen kämen regelmäßig, brächten ihre Kinder mit und machten mit. Zusammen mit den Helferinnen könne man in kleinen Gruppen Unterhaltungen trainieren.
Während zu Kriegsbeginn noch viele Menschen aus der Ukraine keinen Sinn im Lernen von Deutsch sahen, habe sich das nun geändert. „Die argumentierten damit, dass sie ja bald wieder zurück in ihre Heimat gehen wollten“, sagt Taudor. Das habe sich gewandelt. Unter sich blieben die ukrainischen Frauen dennoch, hat die ehemalige Lehrerin beobachtet. Das fände sie schade.
Viel Hilfe
Ein wenig Austausch gebe es aber: „Zu Weihnachten haben wir zusammen deutsche und ukrainische Weihnachtslieder gesungen. Das war schön“, sagt sie. Die Frauen, die regelmäßig bei den Treffen seien, bedankten sich auch immer bei den Helferinnen. „Das tut uns sehr gut“, sagt die Leeranerin.
Doch nicht nur im „Café Welcome“ kümmerte man sich um Menschen aus der Ukraine. Von der Nachbarschaftshilfe bis zur Flüchtlingsunterkunft – viele Menschen aus dem Kreisgebiet engagierten sich in verschiedensten Aktionen für die Ukrainer. Seit Kriegsbeginn kamen laut Landkreis Leer rund 2500 Menschen aus der Ukraine in die Region. 2015 leben derzeit noch im Landkreis Leer, der Rest sei umgezogen oder wieder zurückgegangen, teilt der Landkreis mit. Die Koordination der Menschen, die hier ankamen, übernahm die Kreisbehörde. Untergebracht wurden sie ganz unterschiedlich. „Ganz überwiegend in Wohnungen, aber auch in größeren Unterkünften: BBS-Sporthalle in Leer, ein ehemaliges Hotel in Moormerland sowie von Mitte Oktober bis zu dieser Woche in der Jugendherberge auf Borkum“, teilt Landkreissprecher Philipp Koenen mit.
DRK und THW im Einsatz
Die Unterkunft in der BBS-Sporthalle hatte die Leeraner Ortsgruppe des Technischen Hilfswerks aufgebaut. Betreut wurden die neu angekommenen Menschen vom Leeraner Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes. Die Helfer waren in der medizinischen Versorgung sowie in der Spachvermittlung im Einsatz. „Wir hatten einen kleinen Erste-Hilfe-Punkt, wo wir kleine Wunden versorgt haben“, erzählt Bohlmann. Aber auch Untersuchungen bei der Erstaufnahme fanden dort statt.
Die Einsatzkräfte hatten bereits Erfahrung mit der Situation, kümmerten sie sich auch 2015 um Flüchtlinge, die nach Leer kamen. „Die Aufgaben und Anforderungen waren aber ganz unterschiedlich“, sagt Thole Bohlmann, Kreisbereitschaftsleiter beim DRK. Es sei schwer vergleichbar. Die BBS-Halle diente seit März 2022 als Flüchtlingsunterkunft. Bis zu 180 Menschen haben dort Platz gefunden und konnten dank der zentralen Lage in der Kreisstadt umfassend versorgt werden. Seit Dezember steht die Halle leer.
Zum Jahrestag des Kriegsbeginns erinnerte auch Landrat Matthias Groote an die große Gemeinschaftsleistung, mit der es gelungen sei, eine so hohe Zahl von Menschen unterzubringen. Viele hätten sich engagiert, damit sich die Geflüchteten im Kreisgebiet gut aufgenommen fühlen könnten: die Städte und Gemeinden, Hilfsorganisationen wie das THW und das DRK, Malteser, ASB, DLRG und die Feuerwehr, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung – und nicht zuletzt freiwillige Helferinnen und Helfer aus der Bevölkerung, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen, sich als Dolmetscher zur Verfügung stellen oder Flüchtlinge im Alltag unterstützen.