Ein Jahr Krieg in der Ukraine  Aus spontaner Aktion entsteht ein breites Netzwerk der Hilfe

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 23.02.2023 18:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Vor der Abfahrt zur ersten Reise: Matthias Arends (2. von links) mit weiteren Helfern vor den mit Hilfsgütern beladenen VW-Bullis. Foto: Privat
Vor der Abfahrt zur ersten Reise: Matthias Arends (2. von links) mit weiteren Helfern vor den mit Hilfsgütern beladenen VW-Bullis. Foto: Privat
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Der Emder Politiker Matthias Arends war einer der ersten Ostfriesen, die vor fast einem Jahr an die ukrainische Grenze fuhren. „Ich würde es wieder machen“, sagt er.

Emden - Matthias Arends muss nicht lange überlegen. „Sofort“, sagt er auf die Frage, ob er es noch einmal machen würde. Der SPD-Landtagsabgeordnete aus Emden war vor einem Jahr einer der ersten Ostfriesen, der wenige Tage nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine auf eigene Faust an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren war, um zu helfen.

Was und warum

Darum geht es: die Erfahrungen des Politikers Matthias Arends, der die ersten geflüchteten Familien aus der Ukraine von der polnisch-ukrainischen Grenze nach Emden brachte

Vor allem interessant für: alle, die der Krieg in der Ukraine beschäftigt und die das Schicksal von geflüchteten Menschen nicht kalt lässt

Deshalb berichten wir: Fast ein Jahr nach seiner ersten von drei Reisen an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine haben wir Matthias Arends gefragt, wie er darauf zurückblickt.

Den Autoren erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Fast ein Jahr danach blickt er auf diese kühne Aktion mit dem Gefühl zurück, einen kleinen Beitrag für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine geleistet zu haben. „Ich habe zumindest ein Stück weit dazu beigetragen, auch wenn es nur ein sehr kleiner Baustein war“, sagt er.

Situation an der Grenze war noch unklar

„Die Situation war damals noch unklar und nebulös“, erinnert sich der 52 Jahre alte Politiker und Präsidiumsvorsitzende der Emder Arbeiterwohlfahrt (Awo) an die erste Reise, der zwei weitere binnen weniger Tage folgten. Fünf Tage nach Kriegsbeginn hatte er sich zusammen mit zwei weiteren Helfern sowie und zwei mit Decken, Jacken, Hygieneartikeln und anderen Hilfsgütern beladenen VW-Bullis erstmals auf die ungewisse Reise an die ukrainische Grenze gemacht. Er und seine Begleiter wussten nicht, was sie dort erwartete. Ziel war eines der großen polnischen Auffanglager, die entlang der Grenze für Geflüchtete aus der Ukraine entstanden waren.

Dieses Bild machte Matthias Arends Anfang März in einer provisorischen Unterkunft für Geflüchtete aus der Ukrainie in einem leer stehenden polnischen Einkaufszentrum. Foto: Arends
Dieses Bild machte Matthias Arends Anfang März in einer provisorischen Unterkunft für Geflüchtete aus der Ukrainie in einem leer stehenden polnischen Einkaufszentrum. Foto: Arends

Damals ahnte Arends noch nicht, dass sich aus seiner spontanen Idee binnen kürzester Zeit ein Netzwerk bildete, das sich weit über die Grenzen Ostfrieslands hinaus über Deutschland spannte sowie bis nach Frankreich und Norwegen reichte. Am Ende verhalf es schätzungsweise einigen Hundert Menschen aus den Kriegsgebieten, Zuflucht und Schutz in Deutschland zu finden. Es waren vor allem Frauen und Kinder.

Es begann „eher hemdsärmelig“

Arends räumt ein, anfangs „eher hemdsärmelig“ an die Sache herangegangen zu sein. Später habe sich das ganze professionalisiert. Auch deshalb sei seine spontane Aktion „auf jeden Fall die richtige Entscheidung“ gewesen.

So erlebte es Matthias Arends vor fast einem Jahr: An einem ehemaligen Einkaufszentrum in Polen warten Hunderte aus der Ukraine darauf, dass sie ihre Flucht Richtung Westen fortsetzen können. Foto: Arends
So erlebte es Matthias Arends vor fast einem Jahr: An einem ehemaligen Einkaufszentrum in Polen warten Hunderte aus der Ukraine darauf, dass sie ihre Flucht Richtung Westen fortsetzen können. Foto: Arends

Schon von der ersten Reise kehrte das Trio nicht allein nach Emden zurück. In einer polnischen Kleinstadt hatten sie mehr oder weniger zufällig zwei ukrainische Frauen und deren Familien auf deren Wunsch mit nach Ostfriesland genommen, von denen einige Mitglieder heute noch hier leben.

Auch heute gibt es noch Kontakte

Einen 13-Jährigen aus einer dieser Familien trifft Arends gelegentlich noch auf dem Emder Hauptbahnhof, wenn er mit dem Zug nach Hannover fährt. Der Junge besucht die Waldorfschule in Oldenburg. Lose Kontakte pflegt der Landespolitiker nach wie vor auch zu weiteren Helfern und Unterstützern, die den Geflüchteten zunächst Wohnungen und Hotelzimmer zur Verfügung stellten.

Um die Geflüchteten zu versorgen, wurden Lebensmitteln in den Sammellagern verteilt. Foto: Arends
Um die Geflüchteten zu versorgen, wurden Lebensmitteln in den Sammellagern verteilt. Foto: Arends

Auf der ersten Reise an die polnisch-ukrainische Grenze begleiteten Arends Semen Bambouliak, der aus der Ukraine stammt und in Emden ein Fitness-Studio betreibt, und Dominic Probjcevic, der damals ein Praktikum im Emder Seniorenwohnzentrum der Awo absolvierte. Die drei Männer hatten sich vorher nicht gekannt.

Erfahrungen in der Familie mit Vertreibung

Auf Bamboulika war Arends bei der Suche nach einem Dolmetscher gestoßen. Auch Probjcevic brauchte nicht lange für seinen Entschluss, mit dabei zu sein. Er wisse, was es heißt, die Heimat aus Angst um das Leben zu verlassen, sagte er dieser Zeitung vor fast einem Jahr. Seine Mutter und seine Großeltern stammen aus Kroatien und seien in den 1990er Jahren vor dem Balkankrieg geflohen.

Ähnliche Erfahrungen gibt es auch in der Familie von Matthias Arends. Seine Urgroßeltern seien in der Endphase des Zweiten Weltkrieges aus Schlesien vertrieben worden. „Meine Oma war damals ein Kind“, erzählt der 52-Jährige. Durch die Hilfsaktionen für die Ukraine sei ihm noch einmal bewusst geworden, was das heißt. „Das Thema war in unserer Familie immer präsent“, so Arends.

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