Urgemütlich und gesellig „Bi Willi“ ist Kneipe genau so, wie es früher einmal war
An diesem rustikalen Tresen in Nenndorf reden die Gäste noch miteinander. Das Gastro-Konzept „Bi Willi“ ist außergewöhnlich: Die Inhaber haben die Kneipe zu ihrem Hobby erklärt. Und das kommt an.
Nenndorf - Die Tür zur Kneipe schwingt zum ersten Mal auf, da ist diese offiziell noch gar nicht geöffnet. Einige können es gar nicht abwarten, einen Platz am urigen Tresen im „Bi Willi“ zu ergattern. Schnell reihen sich hier die frisch gezapften Biere, aneinander, ergänzt durch andere Kaltgetränke mit und ohne Promille. Der Gastraum am Unlandsweg in der Holtriemer Ortschaft Nenndorf füllt sich. Ab und zu sitzt hier wie an diesem Freitagabend Johann Andreesen. Der Holtriemer trifft nicht selten alte Schulfreunde und schätzt die ungezwungene Atmosphäre. „Es ist kurzweilig.“ Auch dank „Klönschnack und Späßen an der Bar“. Auf den Bildschirm seines Smartphones starrt niemand. „Wir haben kein WLAN“, verrät Wirt Holger Haarmann. Und kaum Empfang, ergänzt er. Das sei aber kein Makel: „Weil ich das nicht mag, wenn die Leute auf ihrem Handy spielen.“
Was und warum
Darum geht es: Drei Hobby-Gastronomen betreiben in Nenndorf mit „Bi Willi“ sehr erfolgreich eine urgemütliche Kneipe. Sie haben damit einen Treffpunkt geschaffen, wie es sie nur noch selten gibt.
Vor allem interessant für: Freunde der ostfriesischen Gemütlichkeit, Gastlichkeit und Geselligkeit
Deshalb berichten wir: Kreative Konzepte gegen das Kneipensterben sind gefragt: Im Kreis Wittmund gibt es mit „Bi Willi“ und „Bi d′ Moler“ schon zwei Quereinsteiger, die in der Gastro ein neues Hobby gefunden haben. Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de
Ein Tresen, ergänzt einer seiner Sitznachbarn, sei heute selten. Dabei ist gerade der für viele das kommunikative Herzstück einer Kneipe. Am Tresen ist man immer per Du und kommt sofort ins Gespräch – ungeachtet des Alters, Geschlechts oder der gesellschaftlichen Stellung. „Du kommst hier rein und kennst keinen. Eine Stunde später kennst du alle“,sagt Andreesen. Die Stimmung ist gelöst an diesem Abend. Haarmann und Klaas Freese empfangen hier jetzt seit gut einem Jahr Gäste, weil sie Lust dazu haben. Haarmann: „Wir machen das alle nur nebenbei.“ Die Kneipe ist ihr Hobby. Uwe Bartels ist seit einigen Monaten dabei und steigt nun als dritter Inhaber ein. Der 31-Jährige kam wie viele andere vor Monaten als Gast zu „Bi Willi“. Das Lokal auf dem Areal eines kleinen Campingplatzes gibt es seit 1974. Zuletzt war es über mehrere Jahre zu. Vorbesitzer Willi Willms ist verstorben. Ihm zu Ehren haben die neuen Wirte den Namen „Bi Willi“ gewählt.
Junge Leute und ostfriesische Gemütlichkeit
Das Konzept der Hobby-Wirte geht auf. Ländliche Gastronomie ist teilweise ausgestorben, sagt Erich Wagner, Vorsitzender des Bezirksverbands Ostfriesland im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. In vielen Ortschaften fehlt die Gastronomie als Treffpunkt. So war es auch in Reepsholt. Mittlerweile führt Alexandra Bernhard samt Familie erfolgreich die Dorfkneipe „Bi d′ Moler“. Der Zufall machte sie zur Wirtin: Ihre Familie kaufte das angrenzende Wohnhaus. Im Nebengebäude war die Kneipe. Aufgrund von Nachfragen entschied Bernhard, einen Tag in der Woche aufzumachen. „Zack, war ich Wirtin.“
Die Gaststätten haben noch etwas gemeinsam: Ihre Wirte setzen auf Tradition. Ähnlich wie „Bi Willi“ ist auch „Bi d′ Moler“ eine Hommage an die früheren Besitzer. Die Gaststuben sind rustikal, urig und gemütlich. Dunkles Holz dominiert. „Die jungen Leute lieben die ostfriesische Gemütlichkeit“, weiß Wagner. „Viele besinnen sich wieder zurück auf die Traditionen und wollen das schöne Alte erhalten.“ Er sieht Hobby-Gastgeber als Ergänzung: „Wir leben als Gastronomie von der Vielfältigkeit.“ Jeder bringe spezielle Ideen ein. Nur so könne es bei all den derzeitigen Herausforderungen in der Branche gelingen, Angebote und Treffpunkte im ländlichen Raum zu erhalten.
Gastro-Wurzeln in der Kindheit
In Nenndorf setzen die Wirte auf bodenständige Kneipenkost: Frikadellen, Currywurst und Pommes Chili Cheese. Die Soßen macht Holger Haarmann selbst. „Ich kann meine Kreativität ausleben“, freut sich der 52 Jahre alte frühere Automobilverkäufer und Steuerfachangestellte. Klaas Freese ist 26 Jahre alt, Betriebsleiter einer Kunststofffirma und gebürtiger Nenndorfer. Als beide auf den Verkauf des Campingplatzes mit 28 Stellplätzen für Dauercamper sowie Haus und Kneipe aufmerksam wurden, war klar: „Wir gehen hin und gucken es uns an“, erinnert sich Freese. „Das alte Flair“ habe sie überzeugt. „Einfach Kneipe, so wie es früher war“, unterstreicht Haarmann. Nur die Technik ist neu. Bartels habe „dieses Urige“ sofort in seinen Bann gezogen. Und obwohl die Wirte das Alte schätzen, gibt es Platz für neue Ideen. Gerade entstand eine Teestube.
Bemerkenswert ist, dass die drei leidenschaftlichen Gastgeber alle Kindheitserinnerungen mit der Gastronomie verknüpfen: Bartels stammt aus einer „Kneipenfamilie“, wie er selbst sagt. Seine Oma beispielsweise habe die „Feldschänke“ in Nenndorf betrieben. Haarmanns Eltern führten eine Kneipe und ein Restaurant: „Im Hochstuhl hinter der Theke bin ich groß geworden.“ Und Freese als waschechter Nenndorfer kennt seine Kneipe noch aus der Kindheit, als die Familie hier zu Gast war. „Bi Willi“ ist ihr gemeinsames Herzensprojekt. „Der Spaß steht im Vordergrund“, unterstreicht Haarmann. Darum gibt es nur wenige Öffnungstage: „Immer die gerade Woche. Mittwoch, Freitag, Sonntag.“ Genaue Daten gibt es auf der Homepage. Solange es ihnen Spaß macht, wollen die Holtriemer den Laden schmeißen. Bartels hat als KFZ-Mechaniker beispielsweise eine 45-Stunden-Woche hinter sich, wenn er freitags Pommes oder Getränke für die Gäste zubereitet. „Da muss man wirklich dahinter stehen.“ Die Gäste, darunter viele Stammgäste, honorieren das. Sie fühlen sich wohl. Manche wollen gar nicht mehr nach Hause, verrät Haarmann lachend. „Um 6 Uhr morgens müssen wir die letzten rausschmeißen.“
Mit dem neuen Zuhause gab′s auch die alte Kneipe
Zu Besuch bei Holger und Marion Haarmann im Bi Willi
Gute Laune im Anker – eine Kultkneipe für Jung und Alt
„Volli’s Shamrock“ in Esens – neuer Pub in altem Gemäuer