Osnabrück Der Boom im Norden: Viele Küstenkrimis so stark wie Tatort
Immer mehr Küstenkrimis erobern den Bildschirm und erreichen mittlerweile Einschaltquoten, die manchen „Tatort“ erblassen lassen. Was steckt dahinter?
Moin! Schietwetter? Kommt vor. Macht aber nichts. Dafür gibt’s ja den beliebten Friesennerz. Ein unbedingtes Muss. Zumindest an der norddeutschen Küste. Da ist die See halt rau und die Natur pur. Doch hinter der nächsten Wolke wartet dann auch schon wieder die Sonne. Wo ist das Wetter sonst so spannend?
Apropos spannend. Beliebt ist die deutsche Nord- und Ostseeküste längst nicht mehr nur bei den jährlich bis zu sechs Millionen Touristen. Auch Krimiautoren haben die deutsche Küste mit ihren vielen regionalen Besonderheiten für sich entdeckt. Und die Bestsellerlisten geben ihnen recht.
Klar, dass sich dieser Boom auch auf das Medium Fernsehen überträgt. Zählt man alle Reihen und Serien zusammen, dann hat man schnell alle Hände voll zu tun. Und droht sogar Gefahr zu laufen, bei den Titeln in Verwirrung zu geraten. Da finden sich „Nord bei Nordwest“, „Morden im Norden“ (beide im Ersten), „Nord Nord Mord“, dann noch „Friesland“ und die „Ostfrieslandkrimis“ (alle drei im ZDF) und neuerdings auch die RTL-Reihe „Dünentod – Ein Nordsee-Krimi“. Wie gut, dass es daneben noch „Stralsund“ (ZDF) und den „Usedom-Krimi“ (Das Erste) gibt. Dort weiß man dann wenigstens sofort, wo man ist.
Aber wie kommt es zu diesem Krimi-Boom entlang der Küste? Was macht Küstenkrimis so attraktiv? Der für Küstenkrimis zuständige ARD-Sender NDR sieht einen Grund für den Erfolg zunächst einmal in der gelungen Verbindung aus „Regionalität mit spannender Unterhaltung und starken Charakteren“, wie der Sender auf Anfrage unserer Redaktion mitteilt. „Die Krimi-Reihen zeigen die außergewöhnliche Vielfalt des NDR Sendegebiets“.
Hinzu kommen die „besonderen Figuren“ wie beispielsweise der von Hinnerk Schönemann verkörperte Polizist und Tierarzt Hauke Jacobs in „Nord bei Nordwest“ oder die ehemalige Staatsanwältin Karin Lossow (Katrin Sass) im „Usedom-Krimi“, die in Kombination mit „bodenständigen Geschichten, die spannend und mit einem Augenzwinkern erzählt werden“, regelmäßig für Top-Einschaltquoten sorgen.
Einschaltquoten, die mittlerweile selbst so manch einen „Tatort“ alt aussehen lassen. So hatte die „Nord bei Nordwest“-Episode „Im Namen des Vaters“ mit Schönemann vor zwei Jahren mehr als zehn Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von nahezu 30 Prozent und kam online auf beinahe zusätzlich eine Million Abrufe.
Auch im ZDF freut man sich über ähnlich hohen Zuspruch. Dort knackte Anfang letzten Jahres die Reihe „Nord Nord Mord“ mit der Episode „Sievers und das mörderische Türkis“ ebenfalls die Zehn-Millionen-Marke. Aber auch die nagelneue RTL-Reihe „Dünentod – Ein Nordseekrimi“ im fiktiven Ort Werlesiel konnte Ende Januar zum Start mit beachtlichen 3,73 Millionen Zuschauern überzeugen. Zum Vergleich: Das diesjährige Dschungelcamp erreichte in diesem Jahr durchschnittlich „nur“ 3,45 Millionen Zuschauer.
Über die Entwicklung dieses äußerst erfolgreichen Subgenres gibt es unterschiedliche Sichtweisen bei den Sendern. Während man sich beim ZDF sehr wortkarg zur Frage nach der Entstehung von Küstenkrimis gibt und darin keine Besonderheit sehen möchte, wird die ARD konkret. Dort fiel die Idee dazu mit einer Neustrukturierung des Programms zusammen. „Im Jahr 2013 wurde die Idee für einen neuen Krimi-Sendeplatz der ARD am Donnerstagabend geboren“, heißt es vom NDR. „Der NDR hat die Krimi-Reihe „Nord bei Nordwest“ und „Der Usedom-Krimi“ exklusiv für diesen Sendeplatz entwickelt.
Beide Formate hatten ihre Premiere 2014 und zählen seither zu den Erfolgsformaten“. Der „Flensburg-Krimi“, mit bislang erst einer gesendeten Episode das jüngste Küstenkind der ARD, werde fortgesetzt. Und weitere Reihen seien in Planung, wenn auch derzeit noch nicht spruchreif.
Dabei lohnt sich der Erfolg der Küstenkrimis natürlich nicht nur für Krimiautoren und TV-Sender. Es gibt auch eine Wechselwirkung zwischen Tourismus und Einschaltquoten. Und natürlich profitieren davon auch die Dreh- und Spielorte.
Beispiel Norden. Die Wahlheimat des Bestsellerautors Klaus-Peter Wolf ist auch der Handlungsort seiner äußerst beliebten „Ostfrieslandkrimis“. Als bekannt wurde, dass die Bücher verfilmt werden und die Dreharbeiten tatsächlich in Norden stattfinden sollten, war man dort schon überrascht, wie der Norder Bürgermeister Florian Eiben im Gespräch mit unserer Redaktion betont. „Aber einer von Wolfs wichtigen Punkte war schon, dass das hier dann auch an Originalschauplätzen gedreht wird, was ja in der Filmbranche nicht immer üblich ist“, sagt Eiben.
Mittlerweile wurden bereits sieben in Norden und Umgebung entstandene Buchverfilmungen im ZDF gesendet, mit wachsendem Erfolg. Und Touristen bis aus Bayern und der Schweiz drängeln sich in Stadtführungen zu den Handlungsorten der Krimis.
Damit nicht genug. Als im vergangenen Jahr ein Norder Möbelhaus seine Pforten schließen musste, ist es der Stadt gelungen, die Produktionsfirma Schiwago Film für die „Ostfrieslandkrimis“ auf dem Gelände anzusiedeln und die ehemaligen Verkaufshallen in ein Filmstudio zu verwandeln. So entstehen neben den Außenaufnahmen nun auch die Innenaufnahmen in Norden, und für die Zukunft gibt es bereits interessante Pläne für eine Filmstadt mit Museumscharakter, Filmworkshops, Nachwuchsförderung und mehr. „Wie Babelsberg, nur ganz klein“, wie es der Bürgermeister bescheiden formuliert.