Katastrophe in der Türkei So erlebte ein Leeraner die verheerenden Erdbeben in der Türkei
2011 zog Osman Ular nach Karaburun. Das Dorf wurde durch die Erdbeben schwer getroffen. Nun will eine Leeraner Gruppe helfen, das Dorf wieder aufzubauen.
Leer - Osman Ular nimmt seine Kaffeetasse in die Hand und führt sie zum Mund. Er überlegt. Dann hält er inne. Tränen steigen ihm in die Augen. „Ich konnte sie doch nicht im Stich lassen“, sagt der 81-Jährige. Er stellt seine Tasse wieder hin und greift zu einer gelben Servierte.
Was und warum
Darum geht es: Verheerende Erdbeben haben die Türkei erschüttert. Ein ehemaliger Leeraner erlebte den Schrecken hautnah
Vor allem interessant für: Alle, die sich für die Situation in der Türkei interessieren und helfen wollen
Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie Bewohner die Lage erleben und Serhat Özdemir vermittelte einen Kontakt. Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de
Die Gefühle übermannen ihn. Die Gedanken an die Erdbeben, die seine Heimat erschüttert haben, sind zu frisch. Vor zwölf Jahren zog Osman Ular aus Leer zurück in seine Heimat. Im malerischen Dörfchen Karaburun ließ er sich mit seiner Frau nieder. Die verheerenden Erdbeben, die die Region erschütterten, stellten nun sein Leben auf den Kopf.
Wegen der Gesundheit nach Leer
Ular hat die doppelte Staatsbürgerschaft. „Viele fragten mich, warum ich bleibe. Ich könnte doch so einfach wieder nach Deutschland gehen. Aber ich wollte meine Freunde nicht zurücklassen“, sagt der 81-Jährige mit brüchiger Stimme. Und so blieb er. Solange es ging. Über eine Woche half er, dann merkte er, dass er auf seinem rechten Auge nichts mehr sehen konnte. Das war der Moment, in dem er selbst Hilfe brauchte. Als ehemaliger Leeraner ist er der Stadt bis heute verbunden. 40 Jahre hat er hier gelebt und ist nach wie vor Mitglied der Türkisch-Deutschen Freundesgesellschaft (TDFG).
Und so flog er nach Deutschland. Hier verbringt er seine Zeit nun mit Arztbesuchen. Aber für ihn steht fest: „Ich gehe wieder nach Hause sobald es geht.“ Dass, was er erlebte, schreckt ihn nicht ab. Und die Erinnerungen sind frisch: „Es war 4.17 Uhr in der Nacht. Auf einmal hat das ganze Haus gewackelt“, erinnert er sich. Dann war es still. „Man hörte nur, wie immer Mal etwas zu Boden stürzte“, sagt er. Welche Schäden sein Haus davon getragen hat, weiß er nicht mehr genau. „Ich erinnere mich, dass ich zu meinem Handy kriechen musste. Es war alles stockdunkel. Mit der Taschenlampe im Handy leuchtete ich uns den Weg nach draußen“, sagt er.
Schlafen in Auto
Draußen habe schon jemand nach ihm gerufen. „Ich hörte ihn, aber er konnte mich nicht hören. Und so krochen wir ins Freie“, so Ular. Sein Glück war, dass die Garage, in der das Auto stand, nicht eingestürzt war. „Es war bitterkalt und wir fuhren mit dem Auto zum Dorfplatz“, erinnert er sich. Strom gab es nicht mehr. Auch die Versorgung mit Wasser ist zusammengebrochen.
Den Motor ließ er laufen, damit es warm wurde. „Dann kamen zwei Kinder und klopften. Die haben wir einsteigen lassen. dann ein alter Mann, den haben wir auch dazu genommen. Dann eine Frau. Wir waren dann zu sechst im Auto. Immer wieder klopften Leute und wollten auch rein. Aber es passte nicht“, erinnert sich. Die Tränen steigen ihm wieder in die Augen. Es herrschte Angst. keiner wusste, wann die Erde wieder bebt.
Mit 48 Menschen am Ofen
So verging die erste Nacht. Am Morgen wieder das Ausmaß der Zerstörung deutlich. Karaburun liegt etwa 35 Kilometer vom Epizentrum des Erdbebens entfernt. Das Dorf wurde schwer getroffen. „Aber das Haus meiner Nichte stand noch. Und, sie hat einen Holzofen“, sagt der 81-Jährige. Also gingen sie zu ihr. Die Hilfsbereitschaft im Dorf war riesig.
„Der Raum war nicht groß, aber wir saßen dort mit 48 Menschen. Dort war es warm“, sagt er. So vergingen die Tage. Nachts zogen sie sich zurück in ihr Auto zum Schlafen und die Tage verbrachten sie am Ofen. „Alle vier bis fünf Minuten wackelte die Erde. Wir haben viel Angst gehabt“, sagt er. Über 9000 Beben erschütterten die Region. Sieben Tage ging das so. „Es gab keine Polizei, kein Wasser, kein Essen. Die Menschen haben sich gegenseitig geholfen“, sagt er. Und Karaburun hatte in gewisser Weise Glück. Das Dorf liegt an einer Hauptstraße und so kamen privat organisierte Hilfskonvois automatisch durch das Dorf und halfen.
Hilfe für die Heimat
Dann verschlechterte sich der Zustand von Ular und er musste gehen. In Leer angekommen, holte er sich Hilfe, bei seinen Kindern, die nach wie vor in Leer leben. Und fand sie auch bei der Türkisch-Deutschen Freundesgesellschaft. Die hatten parallel schon angefangen, eine Hilfsaktion auf die Beine zu stellen. Und als ehemaliger Leeraner hilft Osman Ular dabei. Vielen Leeranern wird er 81-Jährige noch bekannt sein. Denn bis in die 90er-Jahre gehörte ihm der erste Lebensmittelladen, der sich auf türkische Waren spezialisiert hatte. In der Stadt kennt er sich also aus. „Ich gehe jetzt jeden Tag durch die Altstadt spazieren“, sagt er. Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht.
Nun geht es darum, seine Heimat wieder aufzubauen. „Wir haben ein Spendenkonto bei der Sparkasse Leer-Wittmund eröffnet. Wir wollen gezielt diesem Dorf helfen. Eigentlich muss man allen helfen, aber das geht nicht, was uns auch sehr wehtut. Aber in diesem Dorf können wir helfen“, sagt Serhat Özdemir von der TDFG. Unter dem Betreff „Leer hilft Karaburun“ / DE98 2855 0000 0150 8572 66, kann dort jeder helfen. „Wir haben schon jetzt etwa 14.000 Euro“, so Özdemir. Er betont, dass bisher niemand auf das Geld zugreifen könne. „Osman wird, wenn er zurück in der Türkei ist, ein Konto eröffnen. Das ganze Geld geht dahin. Dann wird eine Kommission gegründet und die entscheidet vor Ort, was mit dem Geld wieder aufgebaut wird“, so Özdemir. In den kommenden Wochen wolle man noch einige Aktionen organisieren. In dem Dorf wurden 245 der 350 Häuser komplett zerstört, 35 seien schwer beschädigt worden.
Das ist in der Region geschehen
Am 6. Februar hatten zwei Beben der Stärke 7,7 und 7,6 die Südosttürkei und den Nordwesten Syriens erschüttert. Darauf folgten nach türkischen Angaben bereits mehr als 9000 Nachbeben.
Die Zahl bestätigter Todesopfer in den beiden Ländern stieg inzwischen auf mehr als 50.000. Auch in Karabun starben mehrere Menschen. Unzählige Gebäude hatten den verheerenden Erdbeben von Anfang Februar nicht standgehalten. Nach Angaben der türkischen Regierung wurden mehr als 173.000 Gebäude in elf Provinzen des Landes zerstört. Fast zwei Millionen Menschen hätten ihr Obdach verloren.
Indes hat Deutschland für die Erdbebenopfer aus der Türkei und Syrien seit Mitte Februar bis Freitag Hunderte Visa ausgestellt. Dabei handele es sich um 429 Schengen-Visa für Aufenthalte bis zu 90 Tagen sowie 99 Visa für den dauerhaften Aufenthalt in Deutschland im Rahmen des Familiennachzugs, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Bundesregierung hatte das Verfahren nach der Naturkatastrophe angekündigt.