Hamburg  Trauriger Tag für alle Nerds: Das „Tanzende Einhorn“ muss Rotherbaum verlassen

Guido Behsen
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Von Guido Behsen
| 26.02.2023 09:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit 2009 ist Jürgen Räsig Chef im „Tanzenden Einhorn“. Foto: Stephan Pflug
Seit 2009 ist Jürgen Räsig Chef im „Tanzenden Einhorn“. Foto: Stephan Pflug
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Der Laden läuft, trotzdem ist Ende Februar Schluss im Kult-Lokal „Zum Tanzenden Einhorn“ nahe dem Hamburger Fernsehturm. Warum der Wirt der beliebten Rollenspieler-Kneipe das Feld räumen muss und wie er den Neubeginn wagen will, verrät er beim Feierabend-Bier.

Mittelerde liegt ebenso im Souterrain an der Hamburger Bundesstraße wie die unendliche Weite des Weltraums. Die Gaststätte „Zum Tanzenden Einhorn“ zwischen Fernsehturm und Univiertel ist nicht nur urige Kneipe, sondern geradezu magischer Anziehungspunkt für Rollenspieler, Trekkies und Cosplayer, jenen Fans vornehmlich japanischer Comics, die sich kleiden wie ihre Helden aus den sogenannten Mangas.

Doch die Realität ist manchmal grausamer als die unheimlichste Fantasiewelt. Das „Einhorn“, wie Stammgäste das Lokal nennen, ist am jetzigen Standort in Rotherbaum schon bald Geschichte. Am 28. Februar findet eine „Abrissparty“ und danach ein Flohmarkt statt, denn alles muss raus und die gut besuchte Taverne bis Ende März zurückgebaut und geräumt sein.

„Wir sind erstmal alle vom Glauben abgefallen, als Ende September die Kündigung reingeflattert kam“, erinnert sich Jürgen Räsig oder auch „Saturnus“, wie sich der Chef des Ladens als Gamer von Videospielen nennt. „Wir“, das sind neben Räsig sechs Angestellte und natürlich die Gäste, denn ein Lokal wie das „Einhorn“ findet man in Hamburg und Umgebung kein zweites Mal. „Wir sprechen die komplette Nerd-Community an“, weiß Räsig, der mit dem Begriff „Nerd“ genauso wenig ein Problem hat wie seine Kundschaft.

Der gebürtige Mecklenburger hatte zunächst als Aushilfe in dem 2006 an der Bundesstraße eröffneten Lokal gearbeitet, ehe er es Ende 2009 übernahm und in der Mittelalter- und Rollenspielerszene fest etablierte. Dank des treuen Stammpublikums überstand das Einhorn auch Rückschläge wie einen großen Wasserschaden und sogar die Corona-Pandemie.

Die Einrichtung mit Schwertern an den Wänden und alten Spielkonsolen in den Nischen wurde immer weiter auf die Zielgruppe abgestimmt, zuletzt wurde der Raucherraum renoviert. „Jetzt hätte eigentlich die Heizung durch die Immobilienverwaltung saniert werden sollen, stattdessen kam die Kündigung“, sagt Jürgen Räsig. „Die Modernisierung war dem Eigentümer im Verhältnis zu den Mieteinnahmen wohl zu teuer.“

Vor Corona hätte der Wirt des „Einhorns“ womöglich die Flinte ins Korn geworfen. „Aber die unfassbar große Unterstützung während der Pandemie hat mir gezeigt, was die Taverne den Leuten bedeutet, für die muss es einfach weitergehen“, gibt sich der 38-Jährige kämpferisch.

Das freut Kunden wie Len, der seit zehn Jahren Stammgast ist. „Es gibt einen Spruch über das ,Einhorn‘“, verrät der Elektriker mit Zopf, Vollbart und Heavy-Metal-Kutte. „Entweder du kommst einmal und nie wieder, oder du kommst einmal und immer wieder.“ Dass Len sich für Letzteres entschieden hat, liegt zum einen am „Lokitrunk“, einem Mix aus Bier und Met. „Vor allem aber liegt es an den Menschen, die du hier triffst.“ Die Community, zu der auch viele Frauen gehören, ist eben eine große Familie und das „Einhorn“ ihr Wohnzimmer.

Auch an diesem Donnerstagabend im Februar ist die gute Stube voll, obwohl gerade keiner der legendären Stammtische stattfindet, zu denen die Teilnehmer als Trolle, Elfen oder in den Gewändern ihrer Lieblings-Rollenspielfiguren erscheinen. Alexander sitzt am Tresen und zischt ein großes „Dithmarscher“ aus dem Tonkrug. Er ist vor einigen Jahren aus dem Kreis Pinneberg nach Hamburg-Hoheluft gezogen und hat mit dem „Tanzenden Einhorn“ die für ihn perfekte Kneipe gefunden.

„Als Jugendlicher war ich großer Fan von Rollenspielen und bin es eigentlich immer noch, aber leider fehlt die Zeit“, verrät Alex, und sein T-Shirt, auf dem ein Faultier in einem Superheldenanzug steckt, lässt nicht unbedingt auf seinen Job als Manager bei einem großen Autokonzern schließen.

Für den studierten Physiker steht außer Frage, dass er dem „Tanzenden Einhorn“ in dessen neue Heimat folgen wird. Denn das ist die gute Nachricht für alle Nerds da draußen: Das Einhorn zieht weiter, und zwar an die Ecke Hammer Steindamm/Sievekingsallee. Statt Fernsehturm und Univiertel nun also Horner Kreisel und Hammer Park. Die ehemalige „Mundfabrik“ ist etwa anderthalbmal so groß wie die aktuellen Räumlichkeiten und verfügt über Plätze im Außenbereich. Der gelernte Koch Räsig denkt daher darüber nach, „eine kleine saisonale und regionale Speisekarte“ anzubieten.

Den Übergang von der Schließung in Rotherbaum bis zur Neueröffnung in Hamm will Jürgen Räsig nutzen, „um einmal durchzuatmen“ und dann den neuen Laden zu „einhornifizieren“, wie er es nennt. Wann dieser Prozess abgeschlossen sein wird, kann „Saturnus“ noch nicht sagen. An den Öffnungszeiten in den Abendstunden wird sich allerdings zunächst nichts ändern. In Mittelerde gibt es ja auch keinen Mittagstisch.

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