Hamburg  Bunker-Analyse läuft noch immer

Sören Becker, Tim Prahle
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Von Sören Becker, Tim Prahle
| 01.03.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie viele der knapp 600 Schutzräume in Deutschland überhaupt noch was taugen, ist auch rund ein Jahr nach Beginn der Bestandsaufnahme nicht klar. Foto: Thomas Frey/dpa
Wie viele der knapp 600 Schutzräume in Deutschland überhaupt noch was taugen, ist auch rund ein Jahr nach Beginn der Bestandsaufnahme nicht klar. Foto: Thomas Frey/dpa
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Wie steht es um Deutschlands verbliebene Schutzräume? Wegen des Ukraine-Krieges wollte die Regierung den Zustand überprüfen. Doch ein Jahr später liegen noch immer keine Ergebnisse vor.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat nicht allein die Außen- und Verteidigungspolitik in Deutschland auf den Kopf gestellt. Auch der Zivilschutz musste plötzlich völlig neu gedacht werden. Wohin, wenn Deutschland selbst angegriffen würde? Plötzlich braucht es wieder Bunker und andere öffentliche Schutzräume in der Republik.

Doch auch ein Jahr nach Beginn des Krieges ist noch immer nicht klar, wie es um diese überhaupt bestellt ist. Die im März 2022 angekündigte Bestandsaufnahme ist noch immer nicht abgeschlossen, wie eine Anfrage unserer Redaktion ergab.

Es „handelt sich um eine komplexe dreistufige Bestandsaufnahme mit umfassenden, zum Teil auch sehr zeitaufwendigen Prüfmaßnahmen”, begründet das für den Zivilschutz zuständige Bundesinnenministerium auf Anfrage. Vom Schutzraumtor bis hin zu den Lüftungsanlagen nehmen die Experten die Räume unter die Lupe.

Man befinde sich derzeit in der letzten Stufe, unterzieht dabei sieben repräsentativ ausgewählten Anlagen eine vertiefende technische Analyse. Dabei seien die Schutzräume auch testweise in Betrieb genommen worden.

Federführend bei dieser Überprüfung ist allerdings nicht das Innenministerium in Berlin, sondern die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) in Bonn. Dessen Sprecher Thomas Grützner verrät, dass es sich bei den sieben Schutzräumen, die derzeit untersucht werden, um verschiedene Anlagentypen handelt:

Einen Hochbunker, einen Tiefbunker, einen Stollen, ein ehemaliges Hilfskrankenhaus, eine Mehrzweckanlage, einen Bahnhof und eine Tiefgarage mittlerer Größe werden gerade nach allen Regeln der Kunst überprüft. Im Norden sei unter anderem eine Anlage in Hamburg dabei, der Rest verteile sich über die alten Bundesländer.

Nähere Angaben zu den Standorten will die Behörde nicht machen. Aber: Ende März sollen die Ergebnisse dann vorliegen, so das Versprechen.

Dass diese ernüchternd ausfallen dürften, zeigt exemplarisch eine Antwort des niedersächsischen Innenministeriums auf Anfrage unserer Redaktion. Drei Anlagen wurden vor der „vertieften technischen Prüfung“ bereits angeschaut. Dabei habe sich bestätigt, dass diese „ihren ursprünglichen Schutzfunktionen im derzeitigen Zustand nur bedingt gerecht werden”, wie eine Sprecherin mitteilt.

„Es ist gut, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. Wir haben in den letzten Jahren viel zu sorglos gelebt”, sagt Heike Hollunder. Die Museumsleiterin der Dokumentationsstätte Regierungsbunker im Ahrtal forscht viel zum Zivilschutz. Sie arbeitet dort, wo sich die Bundesregierung im Kalten Krieg vor sowjetischen Atombomben versteckt hätte.

Sie weiß: „Jeder Bunker, den es noch gibt, ist ein Unfall der Geschichte.” Denn seit 2007 wurde wegen des nur scheinbaren Dauerfriedens in Europa nichts mehr in den Erhalt der öffentlichen Schutzräume investiert.

Zu Beginn des russischen Angriffskrieges gab es noch rund 600 dieser „Geschichtsunfälle“. Zumindest auf dem Papier. Das zeigte eine Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der AfD-Fraktion.

Schon dabei wurde deutlich, dass es im Norden der Republik besonders mau aussieht. Nur gut ein Sechstel aller Schutzräume mit Zivilschutzbindung fanden sich in den vier norddeutschen Bundesländern.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es wie in allen neuen Bundesländern keinen einzigen öffentlichen Schutzraum. Die Anlagen der Nationalen Volksarmee wurden nach der Wende nicht übernommen, beziehungsweise „nicht ins öffentliche Schutzbaukonzept integriert”, wie es von offizieller Seite heißt. Die Landesregierung konzentriert sich nach Angaben des Innenministeriums derzeit lieber auf den Aufbau des Sirenen-Warnsystems, wie unsere Redaktion auf Anfrage erfuhr.

Geht es nach Zivilschutz-Expertin Heike Hollunder, sollte die Rolle öffentlicher Schutzräume ohnehin nicht überschätzt werden. „Im Ernstfall kommt es eher auf private Schutzräume an. Zentrale Bunker waren eher für Reisende gedacht”, erläutert sie.

Doch warum macht die Bima so ein Geheimnis um die alten Anlagen? Ein Grund sei ganz formal: Trotz öffentlicher Zivilschutzbindung stünden viele in Privateigentum. Daher dürfen die Adressen nicht öffentlich bekannt gemacht werden. In einem Katastrophenfall wäre das natürlich anders.

Doch zum anderen fürchtet die Bima wohl auch, dass vornehmlich junge Menschen die Anlagen und Gelände widerrechtlich aufsuchen. In den sozialen Medien seien sogenannte Lost Places immer beliebter. Doch die „vergessenen Orte“ sind alles andere als sicher, „zudem führt das Bekanntwerden von Anlagenadressen erfahrungsgemäß zu einem erheblichen Anstieg von Aufbrüchen”, teilt Bima-Sprecher Grützner weiter mit.

Wie viel Geld in die Reaktivierung alter und in neue Schutzräume gesteckt werden muss, ist noch unbekannt. Innenministerin Nancy Faeser (SPD) hat solchen Plänen ungeachtet der noch nicht vorliegenden Ergebnisse aus der Bestandsaufnahme schon mal eine Absage erteilt. Das nötige Geld solle lieber Warnsysteme, Notstromaggregate, Notbrunnen und mobile Unterkünfte zur vorübergehenden Unterbringung und Versorgung einer größeren Anzahl von Menschen eingesetzt werden

Aus einigen Bundesländern ist zu hören, dass der Bund nun mit Sicherheit sein sieben Jahre altes Konzept „Zivile Verteidigung“ überarbeitet. Unklar, wie viel Zeit das wiederum in Anspruch nehmen wird.

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