Osnabrück  Tatort „MagicMom“: Münster, wie es singt und lacht

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 02.03.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie sie arbeiten, würde manch einer gerne Urlaub machen: Thiel (Axel Prahl, links) und Boerne (Jan Josef Liefers) mit einem Eis am Hafen von Münster. Foto: WDR/Bavaria Fiction/Thomas Kost
Wie sie arbeiten, würde manch einer gerne Urlaub machen: Thiel (Axel Prahl, links) und Boerne (Jan Josef Liefers) mit einem Eis am Hafen von Münster. Foto: WDR/Bavaria Fiction/Thomas Kost
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Im Tatort „MagicMom“ heute Abend in der ARD schießen Axel Prahl und Jan Josef Liefers das gewohnte Gag-Feuerwerk ab. Allerdings ist nicht jeder Schuss ein Treffer.

Es ist seit ein paar Jahren eine der Lieblingseinstellungen vieler Regisseure: Die Kühlschrankperspektive. Zunächst ist alles dunkel, dann öffnet sich die Tür des Kühlschranks und man sieht als Zuschauer von innen, was da herausgenommen wird.

Michaela Kezele stellt dieses Spielchen gleich an den Anfang ihres ersten Münster-Tatorts. Tür auf, Smoothie raus, Tür zu. Tür auf, Obst raus, Tür zu. Tür auf, Piccolo raus, Tür zu. Und so weiter und so fort. Als sich die Tür zum achten Mal öffnet, ist plötzlich alles anders: Da ringt die Frau vor dem Kühlschrank verzweifelt um Luft, reißt unkontrolliert ein paar Sachen heraus und bricht zusammen. „MagicMom” ist tot.

Evita Vogt (Lara Loisa Garde) war unter diesem Namen bekannt, weil sie im Internet zusammen mit ihren Kinderchen anderen Müttern zeigte, welche Produkte sie kaufen müssen, um die kleinen Racker glücklich zu machen und perfekt mit ihnen fertig zu werden. Damit hat sie viel Geld verdient – so viel, dass sie mit Ehemann Moritz (Golo Euler) und den Rackern ein schickes Haus in einem Münsteraner Villenviertel bewohnen konnte. Über 600.000 Follower hatte die Influencerin, aber auch ein paar Neider. Und um die ihre Ehe war es auch nicht sonderlich gut bestellt. Kein Mangel also an Verdächtigen.

Letzten Sonntag bekamen die Wiener Tatort-Kommissare von ihrer neuen Assistentin die digitalen Grenzen aufgezeigt, nun müssen in Münster Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ihre Internet-Reifeprüfung ablegen. Und siehe da – sie kommen zwar nicht als ausgesprochene Nerds daher, wissen aber sowohl, was eine Cloud als auch, was eine Influencerin und deren Untergattung Momfluencerin ist.

Fast logisch, dass bei diesem Stoff zwei Frauen die Fäden in der Hand hatten – Michaela Kezele inszenierte das Drehbuch von Regine Bielefeldt, und beide hatten dabei ganz eindeutig mehr Comedy als Krimi im Sinn. Was auch sonst beim Münster-Tatort? Vor allem die improvisationsfreudigen Prahl und Liefers – diesmal in einer Corvette unterwegs, die dem Kommissar sichtbare Probleme beim Ein- und Aussteigen bereitet – verschießen ein wahres Gag-Feuerwerk, bei dem allerdings längst nicht jede Rakete hochsteigt, sondern auch so mancher Flachpass dabei ist. Besonders überflüssig sind jene Szenen, in denen Boerne in Influencer-Manier in den Film geschnitten wird und dem Publikum Begriffe erklärt. Da fühlt man sich eher ans Schulfernsehen der Siebziger erinnert als an einen Influencer.

Für den Rest des Stammensembles aber halten Autorin Bielefeldt und Regisseurin Kezele nette kleine Geschichten am Rande parat: Vaddern Thiel (Claus D. Clausnitzer) geht mit der Zeit und liebäugelt mit einem Online-Shop für seine Dope, Staatsanwältin Klemm hat ihren nervigen Großneffen im Schlepptau, der die Mutterinstinkte in Tante Wilhelmine weckt. Boernes Assistentin Silke „Alberich” Haller (Christine Urspruch) darf mit diversen Geistesblitzen glänzen und Thiels Assi Mirko Schrader (Björn Meyer) übernimmt die Rolle des Quoten-Queeren, der in Tatort und Polizeiruf immer häufiger auftaucht. 

Auch sprachlich versucht sich Schrader in vollendeter Korrektheit, was seinem Chef nicht unbedingt gefällt: „Gehen Sie mir mit Ihrem Gegender nicht auf den Sack”, raunt Thiel ihn an, um ihn wenig später als „Schrader*in” zu rufen. So kann man auch aus der aufgeheizten Gender-Debatte etwas Luft ablassen und Humor hineinblasen. Fragt sich nur, ob da alle Zuschauer*innen lachen können.

Zu den humoristischen Highlights gehört auch der mehrfach eingeblendete Auftritt eines mitleiderregenden Alleinunterhalters auf dem Münsteraner Straßenfest. Getreu dem Motto „So schlecht kann Schlager sein“ gibt er einige schauderhafte Liedchen von sich, bei denen die Milch hinter der geschlossenen Kühlschranktür sauer wird. Tür auf, Milch raus, Tür zu. Münster, wie es singt und lacht.

Tatort: MagicMom. Das Erste, Sonntag, 5. März, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen

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