Hannover  DGB-Chef aus Niedersachsen: Nicht jeder braucht Abitur

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 03.03.2023 00:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Erhebt klare Forderungen: Mehrdad Payandeh, Vorsitzender des DGB-Bezirks Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt. Foto: DGB Niedersachsen
Erhebt klare Forderungen: Mehrdad Payandeh, Vorsitzender des DGB-Bezirks Niedersachsen/Bremen/Sachsen-Anhalt. Foto: DGB Niedersachsen
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Mehrdad Payandeh ist Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt. Im Interview fordert der 62-Jährige die Stärkung der Berufsorientierung in der Schule und ein sofortiges 29-Euro-Ticket für Schüler, Azubis, Freiwilligendienstler und sozial Benachteiligte.

Frage: Herr Payandeh, seit November regiert Rot-Grün in Niedersachsen: Da müssten Sie als Gewerkschafter doch jubeln, oder?

Antwort: Ich bin Perser, aber kein Jubel-Perser. Es gibt viele gute und richtige Vorhaben im Koalitionsvertrag. Da spreche ich schon von einem Meilenstein, wenn ich mir anschaue, welchen Anspruch die Landesregierung mit Blick auf die Gestaltung der Zukunft an sich selbst stellt. Wir erleben eine Landesregierung, die trotz aller Umstände anpacken will. Wir als Gewerkschaft sind da ganz zuversichtlich.

Frage: Anpacken will – es braucht aber mehr als wohlfeile Ankündigungen, oder?

Antwort: Knappheit bei bezahlbarem Wohnraum, die Herausforderungen beim Klimaschutz und in der Pflege, der Mangel an Lehrerinnen und Lehrern – die Liste ließe sich fortsetzen. All diese Themen sind wichtig und müssen mit Tempo angegangen werden. Aber ich bin auch Realist: Es geht nicht alles auf einmal und von heute auf morgen. Wichtig ist, dass es einen Fahrplan gibt und zuallererst gilt es, den Grundstein für strukturelle Vorhaben wie etwa die Gründung einer Landeswohnungsbaugesellschaft zu legen.

Frage: Lassen Sie uns mal auf die jungen Menschen in unserem Bundesland blicken: Wird in der Schule genügend getan, um Jugendliche und junge Erwachsene auf die Zeit nach der Schule vorzubereiten?

Antwort: Vorwegschicken möchte ich, dass wir in Niedersachsen dank engagierter Lehrerinnen und Lehrer ganz hervorragende Schulen haben, die zum Teil zu den besten in ganz Deutschland gehören. Unsere Schulen bereiten die Kinder unglaublich gut für die Zukunft vor. Und damit meine ich nicht nur in Bezug auf ihr künftiges Arbeitsleben, sondern vor allem auch als mündige und verantwortungsbewusste Bürger, die dazu beitragen, unsere Demokratie zu schützen und Innovationen vorantreiben. Das muss auch mal gesagt werden.

Frage: Die Frage allerdings zielte mehr auf das Thema Berufsorientierung ab.

Antwort: Ja, da können und müssen wir in der Tat besser werden und uns breiter aufstellen. Wir brauchen zwingend ein Ankerfach Ausbildung. Auch bereitet mir die Fokussierung aufs Abitur als vermeintlich einzig wahrem Schulabschluss Sorgen. Der weit verbreitete Anspruch „mein Kind muss Abitur machen“ verbaut Wege und Chancen. Gleichzeitig gilt: Eine Ausbildung ist nicht zwingend besser als ein Studium und umgekehrt. Das muss stets individuell betrachtet werden. Entscheidend ist, dass die jungen Menschen so früh wie möglich darüber informiert werden, welche Möglichkeiten sie haben und welche Türen ihnen offenstehen.

Frage: Wie genau könnte ein Ankerfach Ausbildung aussehen – ab welcher Klasse und in welcher Form?

Antwort: Es geht uns nicht um ein neues Fach, sondern darum, etwa in Politik/Wirtschaft oder Werte und Normen, den verschiedenen Akteuren der beruflichen Bildung Raum zu geben. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und die Agentur für Arbeit gehen also ab der 7./8. Klasse monatlich in die Schulen und berichten aus ihrer Perspektive. Wenn Externe mit ihrer Expertise in die Klassen kommen, entlastet das übrigens auch die Lehrerinnen und Lehrer und stellt einen hohen Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler dar. Gleichzeitig muss der Anteil der Schulpraktika in Betrieben deutlich gestärkt werden.

Frage: Sie selbst hatten einst allerdings eine akademische Laufbahn eingeschlagen, sind promovierter Volkswirt. Also doch lieber Studium statt Ausbildung?

Antwort: Nein, das wäre so allgemein völlig absurd. Wir müssen vielmehr davon wegkommen, alles, was in Richtung Berufsausbildung geht, so stiefmütterlich zu behandeln, wie es momentan der Fall ist. Berufsschulen spielen heute immer noch die zweite Geige, was ich für einen großen Fehler halte. Nicht jeder kann alles. Im Dickicht der vielen Möglichkeiten, die es heute gibt, müssen wir die jungen Menschen dabei unterstützen, sich zu orientieren und das Richtige für sich zu finden. Unsere Gymnasien dürfen keine Festung sein, die ausschließlich das Ziel verfolgt, künftige Akademiker hervorzubringen. Da wünsche ich mir etwas mehr Offenheit.

Frage: Das Deutschland-Ticket für den gesamten Nahverkehr im Bundesgebiet startet zum 1. Mai. Niedersachsen plant für Schüler, Azubis und Freiwilligendienstler ein ebenfalls bundesweit gültiges 29-Euro-Ticket, aber erst später. Wäre nicht eine Einführung ebenfalls zum 1. Mai sinnvoll und wünschenswert?

Antwort: Wir brauchen so schnell wie möglich ein 29-Euro-Ticket für Schüler, Azubis, Freiwilligendienstler und natürlich auch für sozial Benachteiligte. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen haben wir enorme Entfernungen zwischen den Wohnorten, den Betrieben und den Berufsschulen. So ein Ticket braucht es in einem ersten Schritt aber gar nicht deutschlandweit, sondern eine Einführung etwa für Niedersachsen und Bremen würde zunächst völlig reichen und wäre ein echter Standortvorteil.

Frage: Also lieber schneller und auf Niedersachsen und Bremen begrenzt als später und dann mit deutschlandweiter Gültigkeit?

Antwort: Genau so. Mir ist schon klar, dass Niedersachsen bei der bundesweiten Gültigkeit auf eine Querfinanzierung durch den Bund hofft, aber ganz ehrlich: Der Alltag der Menschen besteht nicht daraus, Urlaub auf Sylt zu machen, sondern es geht ums echte Leben, also um das Pendeln zwischen Ausbildungsbetrieb, Berufsschule und Zuhause. Wir brauchen das 29-Euro-Ticket für Niedersachsen und Bremen so schnell wie möglich, spätestens zum Ausbildungsstart am 1. August.

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