Osnabrück Warum Schauspielerin Anne Ratte-Polle die Schule gehasst hat
Am Donnerstag kommt die Komödie „Alle wollen geliebt werden“ mit Anne Ratte-Polle als Hauptdarstellerin ins Kino. Im Interview erklärt sie, was der Film mit dem Weltfrauentag zu tun hat, warum sie als Lehrerkind die Schule hasste und weshalb sie bei einer Preisverleihung buchstäblich zu Boden ging.
Über eine Viertelmillion Mal wurde schon das Video angeklickt, in dem Schauspielerin Anne Ratte-Polle (49) sich bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises vor drei Jahren einfach nicht von der Bühne komplimentieren ließ und beinahe mit dem Mikrofon im Boden versank. Über diesen denkwürdigen Auftritt und die Hundekotattacke eines Ballettdirektors auf eine Kritikerin unterhält sich unser Autor mit der Schauspielerin in einem Berliner Restaurant:
Frage: Frau Ratte-Polle, der Ballettdirektor der Staatsoper Hannover, Marco Goecke, hat kürzlich eine Kritikerin mit Hundekot attackiert. Haben Sie als langjährige Theaterschauspielerin auch schon mal Hassfantasien gegenüber Kritikern gehegt oder gar in die Tat umgesetzt?
Antwort: Ach, Kritiken gehören doch dazu. Ich finde es immer interessant, mir Kritiken durchzulesen, und wenn ich persönlich mal einen Satz abkriege, ist’s nicht so nett, aber was soll’s? Da muss man durch. Es gab sogar Zeiten, in denen ich es eher als Lob verstanden habe, wenn es schlechte Kritiken gab. Manchmal ist es ja ganz gut, ein bisschen zu polarisieren und aufzurütteln. Wobei es früher mehr ein Ziel war als heute, wo es einen immensen Druck am Theater gibt, möglichst immer ausverkauft zu sein. Als ich mit dem Theater angefangen habe, stand der Kulturauftrag noch mehr im Vordergrund als die Verkäuflichkeit. Das hat sich extrem geändert – genauso wie im Kino. Früher waren die coolsten Sachen in der Regel nicht ausverkauft, das wäre einem fast schon peinlich gewesen.
Frage: Wie fanden Sie denn die Formulierung der „Süddeutschen Zeitung“, die Sie mal als „die unbekannteste unter den bekannten Schauspielerinnen Deutschlands“ bezeichnet hat?
Antwort: Ist doch schön, mag ja vielleicht so sein, kann sich ja auch noch ändern.
Frage: Oder hätten Sie lieber so ein Veronica-Ferres-roter-Teppich-Gen?
Antwort: Ich bin doch auf dem roten Teppich vertreten. Früher war es mir nicht so wichtig, da wollte ich nicht prominent sein, sondern einfach nur gute Filme und gute Theaterstücke machen. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass es nicht ganz ohne diese Prominenz geht. Als ich vor etwa zehn Jahren an der Volksbühne aufhörte, habe ich umgedacht und mir gesagt: Okay, jetzt gehe ich über den roten Teppich. Ich bin das ganz bewusst angegangen und habe mein eigenes Spiel daraus gemacht.
Frage: Nämlich?
Antwort: Ich liebe Klamotten und versuche, junge Designer, die ich gut finde, zu promoten. Oder ich promote den Schmuck einer Freundin, indem ich ihn auf roten Teppichen trage. Außerdem erzählt ein Kostüm immer sehr viel, es öffnet Türen für Stimmungen und Assoziationen, dadurch spielt man immer auch ein wenig. Das musste ich erst lernen, und da hilft es mir sehr, wenn ich andere damit unterstütze und eine Schaufläche für sie bin. Dadurch habe ich noch einen anderen Auftrag.
Frage: Zusätzliche Prominenz haben Sie durch einen denkwürdigen Auftritt bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises vor drei Jahren bekommen. Als die Zeit für Ihre Dankesrede vorbei war und Sie die Bühne wieder verlassen sollten, haben Sie einfach weitergesprochen. Und als man Ihnen das Mikrofon entziehen und im Boden versenken wollten, haben Sie es festgehalten und am Boden liegend immer noch gesprochen. Hatten Sie das so geplant?
Antwort: Natürlich nicht, das war improvisiert. Den Ton haben Sie mir ja auch noch abgestellt, weil ich von der Bühne verschwinden sollte. Ich brauche immer einen Inhalt, warum ich mich auf eine Bühne begebe. Und wenn ich den gefunden habe, dann vertrete ich ihn auch. In diesem Fall hatte ich mich eine Woche zuvor zu Hause hingesetzt, diese Rede geschrieben und auch versucht, sie so zu kürzen, dass ich mit den vorgegebenen drei Minuten auskomme. Es waren dann aber vier Minuten und ich dachte, eine Minute zu überziehen wäre schon okay.
Frage: War’s aber nicht?
Antwort: Nein, und als ich eine Pause etwas zu lang machte, setzte sofort die Musik ein. Aber ich bin ja auf der Bühne zu Hause, da lasse ich mich nicht so schnell runterschmeißen. Und ich dachte, dass ich es mir nie verzeihen werde, wenn ich jetzt meine Rede einfach abkürze. Denn ich hatte ja ein echtes Anliegen, ich wollte etwas loswerden.
Frage: Aber Mut braucht es schon, so etwas bei einer Preisverleihung zu machen, oder?
Antwort: Um mich zu motivieren, dass ich diese Rede auch wirklich durchziehe, hatte ich mir gesagt: Die Welt braucht David Bowie und Schlingensief. Deswegen habe ich auch dieses Kleid getragen, das ein bisschen an Ziggy Stardust erinnert. Das hatte ich extra schneidern lassen, bin zu einer Designerin gegangen, habe es aufgemalt, Stoff und Farbe ausgesucht. Wenn es Bowie schon nicht mehr gibt, muss eben jeder selbst ein bisschen Bowie sein – wir brauchen Schönheit und Glamour, aber vor allem auch Punk und Power. Aber das war vor Corona und dem Ukraine-Krieg. Heute würde ich als Motivationssprungfeder Sensibilität nehmen, aber an der Rede selbst nichts ändern.
Frage: Damals ist ein wenig in den Hintergrund geraten, dass Sie dabei etwas sehr Privates zum ersten Mal öffentlich gemacht haben – den Unfalltod Ihrer Eltern vor damals exakt zwölf Jahren.
Antwort: Ich hatte lange darüber nachgedacht, weil ich ja nicht wollte, dass man jetzt Mitleid mit mir hat. Aber es passte dramaturgisch so gut zusammen. Kreise schließen sich, und man kann Sachen umwandeln, daran glaube ich. Der 17. Januar war bis zu diesem Tag ein Unglücksdatum für mich gewesen, dieser Preis hat ihn dann umgewandelt, hat ihn quasi überschrieben. Das war für mich ein neues Phänomen, und ich wollte den Leuten sagen, dass wir auch die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts, die ja in den Nationalsozialismus mündeten, überschreiben können. Unsere Zeit hat sehr viel Krasses, aber auch sehr viel Gutes, deshalb ist es umso wichtiger, nicht Angst zu schüren, sondern Vertrauen.
Frage: Dass Sie damals so privat geworden sind, war ja umso überraschender, weil Sie sonst so gut wie gar nicht über Ihr Privatleben sprechen. Selbst Ihren genauen Geburtstag habe ich im Internet nicht finden können.
Antwort: Wirklich nicht? Das finde ich ja gut (lacht).
Frage: Also verraten Sie es mir jetzt auch nicht?
Antwort: Es ist der 2. Februar.
Frage: Geboren sind Sie in Cloppenburg.
Antwort: Weil da das Krankenhaus war. Aufgewachsen bin ich in Peheim. Das liegt bei Großenkneten, wo die Band Trio herkommt, das war immer mein größter Stolz. Ich bin bis heute Trio-Fan.
Frage: Und ein Fan von David Bowie.
Antwort: Seit ich 17 bin, also schon sehr lange. An Bowie finde ich toll, dass er sich immer wieder neu erfunden und das auch als künstlerischen Auftrag gesehen hat. Das macht Spaß, und mir geht es ähnlich, ohne dass ich ihn kopieren wollte. Ich höre ihn gern und sehe ihm gern zu.
Frage: Eins seiner Song-Manuskripte, „The Jean Genie“, ist kürzlich für 64.000 Euro versteigert worden. Wie viel hätten Sie dafür ausgegeben?
Antwort: Ach, was soll ich damit?
Frage: Wofür geben Sie denn viel Geld aus, vielleicht sogar zu viel?
Antwort: Klamotten, eindeutig (lacht). Aber ich gehe auch gern gut essen.
Frage: In der Region, aus der Sie stammen, gibt es mit die höchste Pferdedichte in Deutschland und entsprechend viele Pferdemädchen. Waren Sie auch eins?
Antwort: Ja klar, ich bin mit Ponys aufgewachsen und hatte später auch ein Pferd. Als ich dann hier in Berlin war, gab es eine Zeit, in der ich mit zwei Freundinnen öfters zu einem Pferdehof rausgefahren und ausgeritten bin – das war wirklich sehr schön. Aber irgendwie hat sich das ein bisschen verloren. In dem Film „Wanja“ habe ich auch ein bisschen geritten, da musste ich eine Frau spielen, die nicht reiten kann. Das war lustig. Pferde sind sind tolle Tiere, und ich habe es immer noch im Hinterkopf, wieder zu reiten.
Frage: Waren Sie als Kind mehr stilles Wasser oder eher Klassenclown?
Antwort: Als kleines Kind und zu Hause war ich wohl eher der Clown, aber dann bin ich schüchterner geworden.
Frage: Das sollte man aber ablegen, wenn man Schauspielerin werden will.
Antwort: Das weiß ich gar nicht. Früher habe ich mich immer gefragt: Warum nehmen die es sich so raus, sich so in den Mittelpunkt zu stellen und so laut zu sein (lacht)? Das hat mich schon als Kind sehr beschäftigt. Vermutlich hat es nicht ganz unwesentlich dazu beigetragen, dass ich mich damit auseinandergesetzt und es weiterverfolgt habe.
Frage: Dabei wollten Sie ursprünglich ja Lehrerin werden.
Antwort: Nein, das wollte ich nicht.
Frage: Aber Sie hatten doch schon angefangen, in Münster zu studieren.
Antwort: Weil ich den Studentenstatus haben wollte. Mein damaliger Freund wollte nach Münster, und da bin ich halt mit, obwohl ich gar nicht genau wusste, was ich da machen sollte. Ich war ziemlich unehrgeizig und faul. Deswegen wollte ich Langzeitstudentin werden, und so ein Grundschulstudium ist ja auch nicht so anstrengend (lacht). Außerdem gab es den Fachbereich Theaterpädagogik, die Schauspielerei war also nicht ganz so fern. Aber am wichtigsten war: erst mal weg von zu Hause, damit ich ein bisschen leben kann. Auf dem Dorf sitzt man ja fest, in Peheim fuhr zweimal am Tag ein Bus die 17 Kilometer nach Cloppenburg, und das ist ja auch nicht gerade der Nabel der Welt. Das Abitur zu machen war mir wichtig, aber dann wollte ich endlich weg in eine Stadt.
Frage: Sind Sie als Theaterpädagogik-Studentin denn jemandem aufgefallen?
Antwort: Ja, das war Gabriele Brüning, eine Schauspielerin aus Münster. Die spielte mal in einem Theaterstück bei uns mit und hat mich dann angesprochen, ob ich das nicht beruflich machen möchte. Sie hat mir auch Schauspielunterricht gegeben und mich für die Schauspielschule vorbereitet – ihr verdanke ich wirklich sehr viel.
Frage: Dafür, dass Sie unehrgeizig und faul waren, haben Sie eine sensationelle Theater- und Filmkarriere hingelegt.
Antwort: Diesen Druck und dieses Bewerten in der Schule habe ich einfach nur gehasst und mich für nichts richtig interessieren können. Beim Theaterspielen habe ich dann gemerkt, dass ich ja was kann. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man mit dem Herzen oder immer nur unter Druck lernt. Auf einmal fiel mir alles leicht, das war für mich ein ganz neues Erlebnis. Und dann bin ich eigentlich immer dahin gegangen, wo das Herz lacht, auch wenn man Schiss davor hat. Vor der Volksbühne hatte ich wirklich sehr viel Respekt.
Frage: Ihr neuer Film „Alle wollen geliebt werden“ kommt am Weltfrauentag in die Kinos, darauf weist das Presseheft ausdrücklich hin. Inwiefern ist er ein Beitrag zum Weltfrauentag?
Antwort: Immerhin wird eine Frau porträtiert, und der Fokus ihrer Beziehungen liegt auf zwei anderen Frauen – ihrer Tochter und ihrer Mutter. Drei Generationen Frau – eine Opernsängerin, die ihre Kinder allein großziehen musste und viele Entbehrungen auf sich genommen hat, meine Figur Ina, die eigentlich sehr modern und selbstbestimmt ist, und eine Tochter, die zu ihr sagt: Mama, ich denke, du bist ach so emanzipiert – was machst du denn eigentlich? Trotzdem ist es nicht ein reiner Frauenfilm.
Frage: Mir kam beim Betrachten ziemlich schnell ein Filmtitel aus den Achtzigern in den Sinn: „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“.
Antwort: (Lacht) Absolut. Der klingelt natürlich absolut – den müsste ich mir noch mal ansehen, weil ich zwar noch den Titel, aber nicht mehr den Film im Kopf habe.
Frage: Würden Sie den Film als Komödie bezeichnen? Mir ist manchmal das Lachen im Halse stecken geblieben, wenn ich gesehen habe, wie alle an Ihrer Figur Ina zerren und etwas von ihr wollen.
Antwort: Ich liebe schwarzen Humor. Wichtig am Humor ist ja, dass man auch über sich selbst lachen kann. Sicher gibt es Situationen, in denen man nicht weiß, ob man lachen oder heulen soll. Aber solange ich nicht heulen muss, lache ich lieber.
Frage: Würden Sie diese Ina als emanzipierte Frau bezeichnen? Es geht ja manchmal bis an die Schmerzgrenze, wie alle an ihr zerren und etwas von ihr wollen.
Antwort: Sie ist eine moderne Frau und hat schon viel in Richtung Emanzipation geschafft, aber die Emanzipation ist ja hoffentlich noch nicht abgeschlossen. Ich denke auch manchmal, dass ich emanzipiert bin, und dann merke ich wieder, dass da doch noch einiges in den Knochen sitzt. Die Hierarchie zwischen Mann und Frau war schon ziemlich krass – da hat sich zwar einiges getan, aber wir sind längst noch nicht auf derselben Ebene angekommen. Das hat auch mit dem Selbstgefühl als Frau zu tun – viele sagen sich, was hab ich nicht alles geschafft, aber das hat noch keine Entspanntheit, keine Selbstverständlichkeit. Man muss sich immer noch vieles erkämpfen und erarbeiten – so ist Ina, und das kenne ich auch von mir.
Frage: Wir haben unser Gespräch mit dem Ballettdirektor aus Hannover und seiner unappetitlichen Hundekotattacke auf eine Kritikerin begonnen. Was machen Sie eigentlich mit dem ersten Kritiker, der Ihren Film verreißt?
Antwort: Den kill ich (lacht). Nein – wenn jemand denkt, dass es für die Menschheit wichtig ist, diesen Film zu verreißen, dann bitte.
Frage: Haben Sie einen Hund?
Antwort: Leider nicht, auch wenn ich gerne einen hätte.
Frage: Dann fehlt Ihnen ja die Waffe des Ballettdirektors.
Antwort: Stimmt, aber ich habe viele Freunde mit Hunden. Und an Hundescheiße wird’s in Berlin eh nicht scheitern.