Hamburg „Achtung, Reichelt!“: Wenn der Interviewte nicht mithetzt
Julian Reichelt interviewt den Vater der in Brokstedt getöteten 17-jährigen Ann-Marie. Der fordert eine Aufarbeitung des Todes seiner Tochter und sagt: „Die Tat ist kein Einzelfall“.
Die Eltern hatten ihn eingeladen, denn Ann-Marie K. war ein Fan seiner Sendung: So war Julian Reichelt nicht nur auf der Beerdigung der 17-Jährigen, die am 25. Januar von Ibrahim A. im Regionalexpress im schleswig-holsteinischen Brokstedt getötet worden war. Ann-Maries Vater gab dem früheren BILD-Chefredakteur, der inzwischen auf YouTube seine eigene Sendung „Achtung, Reichelt!“ hat, nun auch ein Interview.
In dem wollte Reichelt vor allem eines hören: Dass „die Politik“ Schuld sei am Tod der 17-Jährigen. „Die Politik“ nämlich, die die Grenzen nicht schützt und es zulässt, dass Millionen potentielle Mörder im Land herumlaufen. So wie Ibrahim A., ein Palästinenser, der bereits 2016 hätte abgeschoben werden sollen und seither mehrfach straffällig und psychisch auffällig geworden war.
Ungefähr so hatte sich Reichelt das Interview wohl gedacht, auch wenn es dann etwas anders kam. Denn Ann-Maries Vater ist ein gläubiger Mensch. Das sagt er selbst von sich und auch, dass seine Familie vor allem eines sei: Offen und liberal. Ann-Maries beste Freundin: Eine Syrerin, die selbst im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen war. Für ihn sei es „egal, welcher Herkunft jemand ist“, sagt der Vater mehrfach.
Und zu der großen Zahl Geflüchteter, die seit 2015 nach Deutschland kamen: „Wenn Menschen in Not sind, dann muss man ihnen helfen.“ Den Tod seiner Tochter allein auf eine mutmaßlich verfehlte Migrationspolitik zurückzuführen: So leicht macht es sich der Vater nicht.
Die Trauer des Vaters ist anrührend. Er erzählt von seiner einzigen Tochter, die er nun verloren hat, und wie sie ihm fehlt. Er erzählt von einem Netz aus Freunden, die ihn und seine Familie stützen und abschirmen. Und er gibt nicht „der Politik“ die Schuld, jedenfalls nicht so, wie Reichelt es sich denkt.
Ann-Maries Vater kritisiert vor allem Justiz und Behörden. Diejenigen also, die den psychisch auffälligen und offenbar drogenabhängigen mutmaßlichen Täter zuvor aus der Haft entließen, ohne ihn ausreichend psychologisch untersucht zu haben. Ein fatales Versagen der Behörden, so sieht es nach derzeitigem Stand jedenfalls aus, das zum Tod zweier junger Menschen, Ann-Marie und ihrem Freund Danny, geführt hat. Die Tat sei „ein politisches Verbrechen“, dazu versteigt sich Reichelt, nicht der Vater.
Der ist allerdings fassungslos darüber, wie führende Politiker mit der Tat umgehen. Dass aus Berlin nur eine einzige Beileidsbekundung kam, eine Karte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Nichts Persönliches von Innenministerin Nancy Faeser, keine Karte von Bundeskanzler Olaf Scholz. Der habe in einer Rede von den „Leuten“ gesprochen, die getötet worden seien. „Nicht einmal die Namen von Ann-Marie und ihrem Freund Danny kannte er“, sagt der Vater dazu.
Dass sich etwas ändern müsse, die Tat eben kein Einzelfall sei, das sagt der Vater allerdings auch. Und fordert, dass der Tod seiner Tochter aufgearbeitet werden müsse.