Hamburg Wut, Angst und Resignation: Frausein im 21. Jahrhundert
Am 8. März ist Weltfrauentag: ein schwacher Lichtblick für den Feminismus. Wer kein Mann ist, muss sich entweder an ein ungerechtes System anpassen – oder sich auf einen nicht enden wollenden Kampf einstellen.
Es macht keinen Spaß, wütend zu sein. Trotzdem gibt es keinen Tag, an dem ich nicht wütend bin. Auf eine Wirtschaft, in der Frauen mit vergleichbarer Qualifikation, Erfahrung und Tätigkeit im Schnitt sieben Prozent weniger verdienen als männliche Kollegen. Auf eine Gesellschaft, in der die Ermordung von Frauen durch ihre Partner oder Ex-Partner als „Beziehungstat“ verharmlost wird. Auf Weltreligionen, die zwischen Frauen und Männern unterscheiden. Auf einen Staat, der religiöse Feiertage selbst jenen verordnet, die nicht glauben – und den Kampf für Gleichberechtigung als Grund für einen Feiertag nur in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin anerkennt.
Zu dieser Wut auf ein System kommt die Wut auf einzelne Männer, deren Verhalten Ungleichheit zwischen den Geschlechtern fördert oder zumindest billigend in Kauf nimmt. In meinem privilegierten Umfeld denke ich an Männer, die sich für zwei Monate Elternzeit als emanzipatorische Vorreiter feiern lassen oder die mir erklären, dass Gendern gaga ist und mit der männlichen Form doch eh alle gemeint sind. (Mein Tipp: Fragen Sie diese Männer mal, wie viele Ex-Freunde sie haben – wenn diese empört darauf hinweisen, dass sie nur Ex-Freundinnen haben, werden sie merken, dass es eben doch einen Unterschied macht.)
Doch das ist nichts im Vergleich zur Unterdrückung von Frauen in anderen Länder wie dem Iran, wo Frauen wie Mahsa Amini für einen verrutschen Schleier von der Polizei zu Tode geprügelt werden. Oder wie Katar, wo Frau einen männlichen Vormund hat, der ihre private wie auch berufliche Zukunft lenkt. Oder wie Thailand, wo deutsche Urlauber so schamlos sind, dass sie sich von der ARD für eine Doku über Sextourismus begleiten lassen.
Wissen Sie, wie ich mit all der Wut umgehe? Ich erinnere mich daran, dass es besser ist, wütend zu sein, als ängstlich. Denn wer nicht wütend sein kann oder will, dem bleibt als Frau die Angst. Die Angst, dass Männer strukturelle wie auch körperliche Gewalt gegen einen ausüben. Strukturelle Gewalt, als Frau nicht befördert zu werden, weil Chefs davon ausgehen, dass man wegen Schwangerschaft oder Kindererziehung ausfallen könnte. Angst, „Nein“ zu sagen, wenn man aufgefordert wird, Kaffee für eine Besprechung zu kochen, der man eigentlich vorsitzt. Angst vor Altersarmut. Oder eben die Angst, die Frauen dazu bringt, ihren Freundinnen auf dem Nachhauseweg ihren Live-Standort zu schicken, weil sie Angst vor einem Überfall haben.
Doch selbst Angst ist besser als Akzeptanz. Es gibt auch Frauen, die bei sexistischen Witzen lachen, die weibliche Pflegekräfte für einen Appel und ein Ei 24 Stunden am Tag arbeiten lassen wollen und die der Überzeugung sind, dass weil sie es in dieser Männerwelt vermeintlich geschafft haben, es jede schaffen könne.
Nicht alle Frauen sind Feministinnen, nicht alle Männer per se unfeministisch. Einem fairen Feminismus geht es nicht um eine Rache für die Ungerechtigkeiten im Status quo oder eine Umkehrung der Geschlechterungleichheit. Niemand hat die Absicht, das Patriarchat durch ein Matriarchat abzulösen. Es geht um gleiche Chancen, gleiche Freiheiten, gleiche Lasten. Wenn sich Männer dadurch bedroht fühlen, zeigt es doch nur, dass sie wissen, dass die Welt ungerecht ist – und sie von der Unterdrückung von Frauen profitieren.