Neue Heimat für Kinder  In Pflegefamilien geht nicht alles glatt, genau das ist der Reiz

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 08.03.2023 10:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eine heile Welt finden Kinder nicht in jeder Familie. Foto: Archiv
Eine heile Welt finden Kinder nicht in jeder Familie. Foto: Archiv
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Dem Landkreis Aurich fällt es immer schwerer, Pflegefamilien für Kinder zu finden, die aus ihrer Ursprungsfamilie herausgenommen wurden. Etliche Menschen haben zu viele eigene Probleme.

Aurich - Grete Stedler und ihr Mann sind seit vielen Jahren Pflegeeltern. Dafür hat sich das Paar aus Großefehn vor vielen Jahren entschieden, weil der Wunsch nach einer großen Familie aus medizinischen Gründen nur halb erfüllt werden konnte. Nachdem sie zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, durften keine weiteren folgen. Und so trat ein Mädchen aus zerrütteten Verhältnissen in ihr Leben. Es musste vom Jugendamt aus seiner Herkunftsfamilie herausgenommen werden, weil die sich nicht richtig um die Betreuung kümmern konnte. Und dann? Pflegeeltern − das klingt so harmonisch und behütend. Es klingt so glatt. Das ist aber nicht durchgehend der Fall. „Für die Aufgabe benötigt man Nerven aus Stahl“, hat Grete Stedler im Gespräch mit dieser Zeitung eingeräumt. Bei allem Engagement und aller Zuwendung gebe es Momente, die viel Kraft, Diplomatie und Feingefühl erforderten. Man erhalte aber auch im besten Fall Liebe und Wärme zurück, wirbt sie für die Tätigkeit.

Seit Jahren sucht der Landkreis immer wieder Menschen, die sich trotz dieser Probleme der Aufgabe stellen und ein fremdes Kind in ihrer Familie aufnehmen. Das Problem, zu wenig Interessenten zu haben, hat sich aktuell offenbar verschärft, nicht nur in der Region, sondern bundesweit. „Es wird immer schwieriger, geeignete Familien zu finden“, berichtete Lilia Liebert vom Pflegekinderdienst des Landkreises im Jugendhilfeausschuss des Landkreises.

Die Corona-Pandemie habe zusätzlich zu einem Rückgang der Bewerber geführt oder dazu, dass bisherige Pflegefamilien sich dieser Aufgabe nicht mehr stellen wollten. Zudem sähen sich immer weniger Menschen in der Lage, ein Pflegekind aufzunehmen, wohl nicht zuletzt, weil die eigenen Probleme so übermächtig seien, dass man sich nicht auf etwas anderes konzentrieren könne. Die Kinder, die aus ihren Herkunftsfamilien genommen werden, bringen nach den Aussagen von Lidia Liebert immer häufiger Entwicklungsstörungen mit sich. Gleichwohl sei der Bedarf nach einem neuen Zuhause da und der Landkreis müsse aktiv werden. Deshalb habe man vor Kurzem zwei Info-Veranstaltungen für Menschen angeboten, die Pflegefamilien werden wollen. Dadurch hätten sich vier Paare gemeldet, die unter Umständen Kinder aufnehmen wollten.

Ukrainische Kinder werden ebenfalls betreut

Deutschlandweit ist die Zahl der Inobhutnahmen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen − vor allen Dingen deshalb, weil die Behörden laut Gesetz jeden unbegleiteten minderjährigen Flüchtling betreuen müssen. Das gelte seit einem Jahr auch für Kinder und Jugendliche aus der Ukraine, bestätigte Nicolai Neumayer eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung. Der Sprecher des Landkreises sagte allerdings, dass bis jetzt nur zwei Minderjährige betreut worden sind. Darüber hinaus gebe es eine kleine Anzahl von weiteren ukrainischen Minderjährigen, bei denen die Eltern im Heimatland eine Vollmacht ausgestellt haben, mit der das Sorgerecht auf eine andere Person übertragen wird.

Lidia Liebert berichtete lediglich allgemein von 175 Kindern und Jugendlichen, die in Vollzeitpflege betreut würden. Dazu kämen 104 Kinder und Jugendliche in der sozialpädagogischen Vollzeitpflege. Diese Mädchen und Jugend sind stark entwicklungsbeeinträchtigt oder verhaltensauffällig. Ihre Pflegeeltern müssen über eine besondere persönliche Eignung verfügen, das heißt, dass sie sich noch stärker und intensiver schulen lassen müssen als die regulären Pflegeeltern. Sie sollten besondere Eigenschaften und Fähigkeiten wie etwa ein gutes Einfühlungsvermögen mitbringen. Zudem sollten sie belastbar sein und Interesse an neuen Herausforderungen haben. Das Jugendamt begleitet und unterstützt die Pflegefamilien und organisiert Fortbildungsangebote.

Wer unterstützt die Pflegekinder? Wohin können sie sich bei Problemen wenden? Seit einigen Jahren gibt es deutschlandweit eine Bewegung, in der sich junge Menschen zusammengeschlossen haben, die in der Jugendhilfe aufwachsen und leben. In Deutschland sind das 210.000 Kinder und Jugendliche, die in Einrichtungen und Pflegefamilien betreut werden. „Wir wollen gerecht und individuell behandelt werden!“, lautet ihre zentrale Forderung. Der Hintergrund: Viele fühlen sich durch diese besondere Betreuungsform stigmatisiert. Sie wollen individuell gefördert werden. Das Recht auf Privatsphäre, Teilhabe an Bildung und Kultur, weniger Strafen, Gewaltfreiheit und Mitbestimmung in allen Bereichen – all dies dürfe nicht dem Zufall überlassen werden, so ihre Forderung, die in einer Broschüre nachzulesen ist. (https://igfh.de/publikationen/broschueren-expertisen/listen-to-us-einblicke-heimerziehung)

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