Hamburg Amazon-Serie „Luden“: Wie ein Darsteller die Sexszenen erlebte
Die Amazon-Serie „Luden“ entwirft ein schonungsloses Bild der Sex-Work auf der Reeperbahn. Hauptdarsteller Noah Tinwa berichtet, wie er den Dreh seiner intimen Szenen erlebte.
Sexszenen sind eine besondere Herausforderung für Schauspieler. Im schlimmsten Fall – so wie bei einer Quasi-Vergewaltigung am Set von Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ (1972) – können sie sogar traumatisieren. Seit einigen Jahren setzen Produzenten deshalb Intimitätskoordinatoren am Set ein, die den Dreh gemeinsam mit Regie und Darstellern vorbereiten.
Auch bei der Amazon-Serie „Luden“, einem harten Trip über die Reeperbahn der frühen 80er Jahre, war das so. Zumal das Bild vom Sex beim Thema Prostitution besonders sensibel ist. Einer, der sich sogar doppelt helfen ließ, ist Noah Tinwa. Der 21-Jährige spielt die trans Frau Linda aka Bernd, die als Mitglied einer Zuhälterbande ihre weibliche Identität verbirgt. Am Set ließ Tinwa sich deshalb nicht nur von der Intimitätskoordinatorin begleiten; er suchte auch den Rat eines Transgender-Consultant.
Frage: Herr Tinwa, bei der Produktion von „Luden“ haben Sie mit einer Intimacy-Koordinatorin zusammengearbeitet. Wie muss man sich das vorstellen?
Antwort: Die Intimacy-Koordinatorin war bei allem dabei, was intimer als Dialog war: bei Küssen, wenn Sex gespielt wurde. Wir sind die Szenen schon im Vorfeld mit ihr durchgegangen. Sie hat konkret gefragt: Womit haben wir Schwierigkeiten, wo wollen wir nicht berührt werden? Welche Körperteile wollen wir abpolstern? Wir konnten uns öffnen und haben klare Absprachen getroffen. Es war toll, sie zu haben. Das ist nicht bei allen Produktionen so; in Deutschland ist das eher eine Ausnahme.
Frage: Und beim Dreh selbst?
Antwort: Wenn gedreht wurde, war die Koordinatorin immer dabei. Neben der Regie fungierte sie als zweite Ansprechperson. Und bei allen intimen Szenen hatten wir ein „closed set“ – das heißt: Am Set durfte nur anwesend sein, wer unbedingt gebraucht wurde. Beides war sehr hilfreich.
Ungeschönte Intimität – der Trailer zur Amazon-Serie „Luden“:
Frage: Erinnern Sie sich an eine bestimmte Szene, in der die Intimacy-Koordinatorin Ihnen besonders geholfen hat?
Antwort: Besonders sensibel bin ich eigentlich gar nicht. Ich hatte eine Sexszene mit Stefan Konarske. Vor dieser haben wir jeder für uns Einzelgespräche mit der Koordinatorin geführt, wir haben uns auch zu dritt abgestimmt. Im letzten Schritt haben Stefan und ich auch noch mal allein miteinander gesprochen. Es geht immer nach den Wünschen der Schauspieler – manchmal hat man auch gar keinen Gesprächsbedarf.
Frage: Was waren Ihre Absprachen für „Luden“?
Antwort: Das waren zwei Dinge: Wir küssen uns nicht mit Zunge. Und wir fassen nicht in den Intimbereich. Abdeckende Unterwäsche und Schutzkleidung gehört sowieso immer dazu.
Frage: Denken Sie bei einer intimen Szene, dass Ihre Eltern das später mal sehen?
Antwort: Wenn man eine Sexszene dreht, denkt man wirklich an die Eltern. Aber am Ende ist es mir relativ egal. Gerade in diesem Fall; die Serie ist auch sonst sehr hart, nicht nur beim Sex, das geht schon bei der Sprache los. Für mich steht das Ausfüllen der Rolle im Vordergrund.
Frage: Wer Nacktszenen dreht, hat heute die Garantie darauf: Die Bilder landen alle auf Pornoportalen. Beschäftigt Sie das?
Antwort: Gar nicht. Wirklich gar nicht. Man kann natürlich die ganze Zeit Angst davor haben, dass man gescreenshottet wird. Ich kann es aber auch ignorieren und die Rolle so ausfüllen, wie ich es für richtig halte. Was wir machen, ist keine Pornografie; und wenn meine Arbeit zwischen Pornos landet, ist mir das egal. Streaming-Dienste lassen Screenshots sowieso nicht zu. Das geht also schon technisch gar nicht.
Frage: Sexszenen werden wie Kampfszenen choreografiert. Anders als beim Fechten darf man sich da aber kein verbissenes Gesicht leisten. Wie vermeiden Sie das?
Antwort: Die Choreografie macht es sogar leichter, natürlich zu spielen. Wenn man einen sicheren Ablauf hat, kann man sich fallen lassen. Man muss sich über nichts Gedanken machen.
Frage: Sie haben nicht nur mit der Initimitätskoordinatorin gesprochen, sondern sich auch Rat von einer Trans-Frau geholt – weil Ihre Rolle trans ist. Was haben Sie gefragt?
Antwort: Ich hatte wirklich Schiss vor der Verantwortung, die so eine Rolle bedeutet, und wollte ganz genau wissen, was ich verkörpere. Wenn man hier Fehler macht, kann man die Menschen verletzen, die selbst betroffen ist. Also habe ich mich doppelt vorbereitet, erst mit einem Schauspielcoach – und dann mit Ilonka Petruschka, die die Produktion als Transgender-Consultant begleitet hat und selbst eine Trans-Frau ist.
Frage: Was hat sie Ihnen geraten?
Antwort: Mit meinem Schauspielcoach habe ich lange an meiner Körperlichkeit gearbeitet – und versucht, eine Person zu spielen, die männlich wirken will. Weil meine Figur Bernd seine trans Identität verheimlicht. Ilonka gab mir den Tipp, weicher zu spielen und diese Weichheit noch etwas stärker durchscheinen zu lassen, wenn Bernd zu Linda wird. Das war ein großer Aha-Moment und hat mir sehr geholfen, das für mich Schwierigste an der Figur, die Körperlichkeit, zu finden.
Frage: Wie hat Ilonka Sie sonst noch begleitet?
Antwort: Sie war bei allem dabei, was mit der zweiten Seite von Bernd/Linda zu tun hat. Zum Beispiel, als meine Figur in der Hormonbehandlung erste Brustansätze bekommt – die Größe davon, die Haare von Linda, die Kleiderauswahl: Das hat sie alles begleitet. Sie war meistens am Set und hat eng mit allen Gewerken zusammengearbeitet.
* Die Sexszene, über die Noah Tinwa spricht, wurde in der Postproduktion wieder aus der Serie geschnitten.