Besuch bei André N’Diaye Der Weg vom Senegal in die Kickers-Startelf
Fußball-Flügelflitzer André N’Diaye hat sich in Emden gut eingelebt. Für das Wochenende hat sich besonderer Besuch angekündigt. Sein Bruder, der deutsche Nationalspieler, ist es nicht.
Emden - Mit elf Jahren kickte André N’Diaye noch auf den Straßen des Senegals. Jetzt – elf Jahre später – ist er einer der Leistungsträger beim BSV Kickers Emden in der Fußball-Regionalliga. Er beackert die Außenbahn, brilliert mit Tempo und Tricks. „Mir gefällt es bei Kickers, mir gefällt es in Emden“, sagt André N’Diaye. „Ich bin zufrieden.“ Um glücklich zu sein, braucht der 22-Jährige aber auch nicht viel. „Hauptsache ich habe ein Bett“, schmunzelt N’Diaye. „Ein Ball und ein paar Lebensmittel wären auch nicht schlecht.“ Markenklamotten und teure Schuhe braucht er nicht. André N’Diaye ist bescheiden – wohl auch wegen seiner Herkunft. „Im Senegal gibt es viel Armut“, sagt er. Viele Verwandte wohnen noch dort – seine leibliche Mutter, Onkel, Tanten, Cousins. Jedes Jahr versucht er, sie zu besuchen.
Am kommenden Wochenende bekommt André N’Diaye selbst Besuch in Emden – wenn auch nicht aus dem Senegal, aber immerhin aus Hannover. Vater Jacques N’Diaye und Stiefmutter Kerstin Rauls haben sich angekündigt. „Meine Stiefmutter kommt zum ersten Mal mit nach Emden“, freut sich André N’Diaye über den besonderen Besuch am Heimspiel-Wochenende. Am Sonnabend empfängt Kickers Emden um 14 Uhr die Reserve von Hannover 96. Es ist ein spezielles Spiel. Denn André N’Diayes Bruder Jean Paul spielt bei Hannover 96 – allerdings in der B-Jugend. Er führt die Torjägerliste der Bundesliga Nord/Nordost an, ist U17-Nationalspieler und wird im Sommer in die A-Jugend des FC Schalke 04 wechseln.
Idee: Ausbildung in Emden beenden
Steht auch beim älteren Bruder nach dieser Saison ein Transfer an? André N’Diaye zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Die Chancen stehen 50:50. Ich fühle mich hier eigentlich sehr wohl, will aber auch Regionalliga spielen.“ Und das wird ihm Kickers, abgeschlagener Letzter, zu ganz großer Wahrscheinlichkeit nicht bieten können. „Jetzt erstmal will ich die Saison durchziehen, mit dem Team noch so viele Punkte wie möglich holen und mir danach überlegen, wie und wo es bei mir weitergeht“, sagt der 22-Jährige. Dann muss er seine Prioritäten sortieren. Soll es für ihn fußballerisch noch höher hinaus gehen? „Natürlich ist es ein Traum, Profi zu werden.“
Es gibt aber auch ein Leben abseits des grünen Rasens. „Ich mag es an sich eher ruhiger und bin nicht so der Fan von Menschenmassen. Emden ist da als kleine Stadt perfekt.“ Die Orte, an denen er sich hauptsächlich aufhält, könnten kaum enger zusammenliegen. Wohnung, Fußballklub, Arbeitsplatz, Berufsschule und Supermarkt trennen keine anderthalb Kilometer. „Besser geht es wirklich nicht“, sagt André N’Diaye, der bei „1aShirt.de“ eine Ausbildung zum Handelskaufmann macht. „Mir macht meine Arbeit Spaß.“ Seine Haupttätigkeit liegt im Beflocken von Jacken, und T-Shirts. „Für meine Ausbildung wäre es natürlich am besten, wenn ich in Emden bleibe. Ich muss aber schauen.“ Eine Möglichkeit wäre es, noch ein Jahr in der Seehafenstadt zu bleiben. „Dann ist die Ausbildung als Verkäufer durch, die zum Handelskaufmann könnte ich auch woanders machen“, sagt der Mann, der seit 2012 in Deutschland lebt.
Doppelpack gegen Kickers Emden
Sein damals schon länger in Hannover wohnender Vater Jacques N’Diaye – einst Profi-Fußballer im Senegal – hatte ihn und seinen fünfeinhalb Jahre jüngeren Bruder Jean Paul zu sich geholt. „Als Fünftklässler bin ich nach Deutschland gekommen und wurde hier zurück in die dritte Klasse gesetzt, damit ich gut die Sprache lernen kann und inhaltlich nicht so viel verpasse“, erklärt André N’Diaye in perfektem Deutsch. Es ist mittlerweile die Sprache, in der er sich am sichersten fühlt. Aber auch Französisch und Wolof – beides wird im Senegal viel gesprochen – beherrsche er noch einwandfrei, sagt N’Diaye.
In Hannover fingen sein Bruder und er schnell mit dem Vereinsfußball an – bei der SG Hannover 1874. Während Jean Paul dort einige Jahre blieb, wechselte André N’Diaye nach kurzer Zeit zum TSV Limmer und später weiter zum TSV Havelse. Im Herrenbereich machte er seine ersten Schritte bei Arminia Hannover in der Oberliga. In der vergangenen Saison ärgerte André N’Diaye Kickers Emden beim 4:2-Sieg der Arminia im Ostfriesland-Stadion mit einem Doppelpack derart, dass ihn die Emder gerne selbst im Team haben wollten. „Kickers hat früh angefragt und in Hannover ein hohes Ansehen. Mein Vater und Arminias Co-Trainer Oliver Rothenburger haben mir geraten, nach Emden zu gehen“, verrät André N’Diaye. Bereuen tut er die Entscheidung nicht, auch wenn er durchaus überzeugt war, mit Kickers eine gute Rolle in der Regionalliga spielen zu können. Die Realität ist eine andere. Am Senegalesen liegt es aber mit am wenigsten, zählt er doch zu den besten Emder Spielern dieser Saison.