50 Jahre IGS Aurich  Zum Jubiläum gibt’s eine Festmeile – und Frust

| | 09.03.2023 18:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Balance stimmt nicht: Eltern in Aurich schicken ihre Kinder lieber auf die Realschule oder aufs Gymnasium als auf die Gesamtschule. Foto: Reinhardt/dpa
Die Balance stimmt nicht: Eltern in Aurich schicken ihre Kinder lieber auf die Realschule oder aufs Gymnasium als auf die Gesamtschule. Foto: Reinhardt/dpa
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Die IGS Aurich wird 50 Jahre alt. Die Freude aufs Fest wird durch Sorgen getrübt: Seit Jahren kämpft die Schule mit zu niedrigen Anmeldezahlen. Das liege nicht an der Qualität, sagt die Schulleiterin.

Aurich - 50 Jahre Integrierte Gesamtschule (IGS) in Aurich: Das wird in der Woche vor den Osterferien gebührend gefeiert. Der Förderkreis hat Tassen und T-Shirts mit Jubiläums-Schriftzug produzieren lassen. Die Freude auf die große Sause ist allerdings getrübt. Trotz eines nagelneuen Gebäudes in Haxtum kämpft die IGS Aurich seit Jahren mit zu geringen Anmeldezahlen. Sie ist auf Sechszügigkeit, also sechs Klassen pro Jahrgang, ausgelegt, doch die Zahl der Fünftklässler reicht immer nur für vier. Zum laufenden Schuljahr wurden nur 79 Kinder angemeldet. Bei der Realschule Aurich waren es fast doppelt so viele (146), beim Gymnasium Ulricianum mehr als dreimal so viele (245).

Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel, übrigens Mathematik-Lehrerin, ärgert sich seit Jahren über die niedrigen Anmeldezahlen. „Was ich traurig finde“, sagt Göckel, „wir fangen vierzügig an, und in den folgenden Schuljahren kommen immer wieder neue Klassen dazu.“ Das heißt: Kinder wechseln von der Realschule oder vom Gymnasium zur IGS. Seit den Herbstferien seien mehr als 60 Schülerinnen und Schüler von anderen Schulformen herübergekommen. Das bringe immer wieder Unruhe. Klassen müssten getrennt und neu gebildet werden. Das alles könne man sich sparen – wenn mehr Eltern bereit wären, ihr Kind von vornherein zur IGS zu schicken.

„Dann ist die IGS die einzige Schulform“

Regelmäßig appelliert Göckel zu Beginn der Anmeldephase mit ihren Schulleiter-Kollegen von der Realschule und vom Gymnasium, Kathrin Peters und Rüdiger Musolf, an die Eltern, die Wahl der Schulform für ihr Kind zu überdenken. Für manche Kinder sei die IGS die bessere Schulform, da dort weniger Druck herrsche. Göckel betont, dass die IGS auch für Kinder mit Abiturwunsch geeignet sei. „Wir können uns auf alle Kinder einstellen, auch auf leistungsstärkere. Hier unterrichten überwiegend Gymnasiallehrer.“

Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel (vorne, Vierte von rechts) freut sich mit Kollegen, Eltern und Vertretern der Kreisverwaltung aufs Jubiläum. Foto: Landkreis Aurich
Schulleiterin Dr. Dorothee Göckel (vorne, Vierte von rechts) freut sich mit Kollegen, Eltern und Vertretern der Kreisverwaltung aufs Jubiläum. Foto: Landkreis Aurich

Die Stärke der Schulform IGS liege darin, dass sie auf ein gemeinsames Leben mit Menschen aller Begabungen, aller Fähigkeiten und aller sozialen Hintergründe vorbereite. „Wenn wir eine tolerante Gesellschaft haben möchten, dann ist die IGS ohnehin die einzige Schulform“, sagt Göckel. „Zu einer toleranten Gesellschaft gehört, dass ich nicht separiere, sondern inkludiere.“ Musolf hat die leise Hoffnung, dass die Appelle allmählich fruchten. An den Schnuppertagen am Gymnasium hätten diesmal weniger Grundschüler teilgenommen als beim letzten Mal. Das könne ein Indiz dafür sein, dass auch die Anmeldezahlen sinken. Musolf wünscht sich für das Ulricianum „eine gesunde Achtzügigkeit“. Der jetzige fünfte Jahrgang hat neun Klassen.

Die Waldschule im Herzen

Der vom Landkreis Aurich beauftragte Schulgutachter Wolf Krämer-Mandeau (Firma Biregio) hat wiederholt zum Gegensteuern gemahnt. Man dürfe den ungleich verteilten Schülerströmen in Aurich nicht tatenlos zusehen. Über mögliche Gegenmaßnahmen wolle er „in einer sehr geschützten Atmosphäre“ vertrauliche Gespräche mit Vertretern der betroffenen Schulen und der Kreisverwaltung führen, hatte Krämer-Mandeau im November gesagt. Man sei noch nicht weitergekommen, heißt es jetzt übereinstimmend vom Gutachter und der Kreisverwaltung. Es fehle noch an Daten.

Unterdessen plant die IGS ihr Jubiläum. Der Flyer erinnert an die Wurzeln, die zum Teil im Auricher Ortsteil Egels liegen. Die dortige IGS Waldschule wurde 2017 mit der IGS Aurich-West in Haxtum zur neuen IGS Aurich zusammengelegt. Das Gebäude in Egels ist mittlerweile eine Außenstelle des Gymnasiums. Sie habe die Waldschule noch immer im Herzen, sagt Schulleiterin Göckel, die vor der Fusion selbst dort unterrichtete. Sie schwärmt von den vielen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, die sich zum Jubiläum gemeldet hätten. „Das hat man nicht unbedingt an jeder Schule.“

1994 brannte die Schule

Im kollektiven Gedächtnis von Schülern, Eltern und Lehrkräften hat sich ein Vorfall aus dem Jahr 1994 verankert: Die IGS Aurich-West stand in der Nacht zu Pfingstsonntag plötzlich in Flammen. Beinahe wären die Abiturarbeiten, die im Oberstufengebäude lagen, ein Raub der Flammen geworden. 25 Jahre später, beim Bau des neuen Schulgebäudes 2019 in Haxtum, kam es zu einem kuriosen Zwischenfall: Ein 50 Meter langes Baugerüst stürzte um und begrub drei Autos unter sich. Ein Modul des Gebäudes hatte sich verklemmt und dann ruckartig gelöst.

Aus dieser unansehnlichen Fläche wird noch in diesem Jahr ein attraktiver Schulhof. Foto: Luppen
Aus dieser unansehnlichen Fläche wird noch in diesem Jahr ein attraktiver Schulhof. Foto: Luppen

Unter Corona-Bedingungen wurde das neue Schulgebäude im September 2020 im kleinen Kreis eröffnet. Das Schulfest zum Jubiläum ist die erste Gelegenheit, es einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Oberstufenkoordinatorin Ellen Röttger hofft auf eine positive Außenwirkung. Sie wünscht sich einen „Impuls für das weitere Wirken unserer Schule“. Die Besucher könnten erleben, welche Stärken die IGS habe. Kreisrat Sebastian Smolinski überbringt der Schule und ihren rund 1000 Schülern zum Jubiläum eine gute Nachricht: Die ersehnte Fertigstellung des Schulhofs hinter dem Gebäude wird in diesem Jahr in Angriff genommen. Geplant sind Spielgeräte und ein Ballspielplatz.

Die Festwoche der IGS Aurich endet am Freitag, 24. März, mit einem Tag der offenen Tür und einem öffentlichen Schulfest von 14 bis 18 Uhr. Geplant sind unter anderem ein Bühnenprogramm mit Live-Musik und Theater, eine Festmeile, ein Gruselparcours und ein Ehemaligen-Café.

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