Berlin  ARD Plus im Test: Was taugt die kostenpflichtige ARD-App?

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 09.03.2023 06:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Foto: ARD Plus
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Als die ARD im Herbst ihre kostenpflichtige Streaming-App vorstellte, war das Echo zwiespältig. Hat man die öffentlich-rechtlichen Sendungen nicht schon mit dem Rundfunkbeitrag bezahlt? Wir haben ARD Plus ausprobiert und mit den Geschäftsführern über die Kritik diskutiert.

In der Science Fiction gibt es das Subgenre Steampunk. Der Retro-Futurismus kombiniert Zukunftsvisionen mit historischer Technik – und entwirft so Erfindungen wie Dampfkraft-Hubschrauber oder mechanische Hochleistungsrechner. So ähnlich fühlt sich jetzt auch ARD Plus an.

Wie Netflix und Amazon bringt die App Unterhaltung auf allen digitalen Plattformen. Statt zukunftsweisender Formate läuft hier aber öffentlich-rechtliche TV-Geschichte, „Liebling Kreuzberg“ „Der Fahnder“ und alle Folgen von Didi Hallervordens „Nonstop Nonsens“. In der Flut digitaler Angebote ist ARD Plus eine Insel, auf der der friedliche ARD-Vorabend niemals endet.

Wer die Zeitreise in den Programmschatz der ARD machen will, muss im Monat 4,99 Euro zahlen. Beim Start im vergangenen Oktober sorgte das für einige Aufregung. „Trotz Zwangsgebühren: ARD verlangt Geld für neue App”, schnaubte zum Beispiel die „Bild“ und ließ einen FDP-Mann die Senkung der Rundfunkgebühren fordern.

Dabei gab es das kostenpflichtige Angebot da schon vier Jahre lang auf Plattformen wie Magenta TV, Apple TV und Amazon Prime, genau wie das Pendant ZDF select übrigens. Neu ist nur, dass man ARD Plus jetzt auch als Handy-App oder auf dem Computer nutzen kann.

Und die Kosten? Auch die fielen für alte Inhalte der Öffentlich-Rechtlichen schon immer an. Wer die „Lindenstraße” auf DVD ansehen wollte, musste schließlich auch bezahlen. Aus denselben Gründen wie jetzt auch: Dauerhaft verfügbar machen darf die ARD ihr Programm nämlich gar nicht; in den kostenlosen Mediatheken dürfen ARD und ZDF ihre Sendungen nur mit einer befristeten Verweildauer anbieten. Auch die Produzenten veräußern die Rechte nur für eine bestimmte Zeit und können sie danach weiterverkaufen – und das auch an Amazon oder Netflix.

„Der Beitragszahler zahlt nicht doppelt“, sagt denn auch Michael Loeb, gemeinsam mit Ingo Vandré einer der beiden Geschäftsführer hinter der App. „Bei ARD Plus handelt es sich um ein zusätzliches, freiwilliges, kommerzielles Angebot.”

Gebührengelder, erklärt er, stecken in der App nicht drin; das wäre vom Programmauftrag auch gar nicht gedeckt. Loeb: „Das Geld muss erwirtschaftet werden – daher auch die Finanzierung über das Abo-Modell.“

Wer alt genug ist, um sich an ein Leben vor dem Privatfernsehen zu erinnern, kann mit ARD Plus glückliche Stunden verbummeln. Zum Katalog gehören Klassiker wie „Stahlnetz“, „Das Boot“ und „Ein Herz und eine Seele“. Daneben kann man aufregende Entdeckungen machen: „St. Pauli-Landungsbrücken“ zum Beispiel, eine 80er-Jahre-Kiez-Serie mit Inge Meysel. Oder „Das unsichtbare Visier“: Der DEFA-Thriller in 16 Folgen machte den jungen Armin Mueller-Stahl zur Stasi-Antwort auf James Bond – bis er aus politischen Bedenken erst die Serie und dann die DDR verließ.

Versteckt sind diese Programmperlen allerdings in einem Sammelsurium eher schlecht gealterter Unterhaltung. Unter dem Genre „Drama“ etwa listet ARD Plus siebenmal das „Hotel Heidelberg” und 17 medizinische Abenteuer rund um die „Eifelpraxis“ und eine „Inselärztin“. ARD Plus verbraucht zwar selbst kein Gebührengeld; trotzdem legt die App schonungslos offen, wofür der Rundfunkbeitrag im linearen Alltagsgeschäft so draufgeht.

Leichte Zahnschmerzen kriegt man, wenn zwischen all den Schmonzetten dann mal ein echtes Drama wie der Berlinale-Sieger „Das Böse gibt es nicht” auftaucht – ein heimlich im Iran gedrehter Film über die Todesstrafe. Der Regisseur Mohammad Rasoulof hat inzwischen im Evin-Gefängnis gesessen; jetzt steht sein Werk direkt neben sechs sicher hochdramatischen Hansi-Hinterseer-Filmen.

Irgendwann landet man in so ziemlich jeder Rubrik beim „Tatort“ – obwohl es für den selbstverständlich auch einen eigenen Karteireiter gibt. Ist ARD Plus am Ende doch eher eine „Tatort“-App mit Zusatz-Inhalten?

„In den Top 20 unserer Filme sind sicherlich gut die Hälfte ‚Tatort‘-Folgen“, sagt Geschäftsführer Loeb. „Klar, der ‚Tatort‘ ist die größte TV-Marke.“ Die Allgegenwart von Krimis in der App erklärt Ingo Vandré so: „Dass der ‚Tatort‘ in vielen Rubriken vorkommt, hat Gründe: Der Münster-‚Tatort‘ läuft natürlich auch unter Komik, andere setzen sich eher mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinander.“ Merke: Der „Tatort“ ist Krimi, Drama und Komödie zugleich.

„Das Beste aus 70 Jahren Fernsehgeschichte“, verspricht ARD Plus. Das Beste – „aber nicht alles“, fügt Michael Loeb schnell hinzu. Auf die Frage nach den schmerzhaftesten Lücken, antworten die Geschäftsführer wie aus der Pistole: „In aller Freundschaft, Sturm der Liebe, Rote Rosen.“ Nun kann man darüber streiten, ob die Soaps wirklich der Höhepunkt aus 70 Jahren sind. Dass sie Loeb und Vandré als Erstes einfallen, hat aber einen Grund: „Wir setzen auf Formate, die eine große Fanbase haben oder hatten“, sagt Loeb.

Denn wer früher ein DVD-Set gekauft hätte, so der Gedanke, der schließt heute vielleicht ein Abo ab. Zugleich bedeuten Serien mit Tausenden Folgen aber hohe Kosten. Es müssen schließlich nicht nur die Lizenzrechte erworben werden. Auch die Technik kostet: „Wenn Sie 4000 Folgen von ‚Marienhof‘ digitalisieren, sind Investitionen nötig, die man am freien Markt nicht erwirtschaften kann“, sagt Loeb. Die ganz großen Brocken werden also erst nach und nach erworben und eingestellt. Die 1758 Folgen der „Lindenstraße” sucht man auch noch vergebens.

Aber nicht nur die. Shows gibt es auch nicht. „Was bin ich?“, „Auf Los geht’s los“, „Am laufenden Band“, Kulenkampff, Blacky Fuchsberger, Rudi Carrell: Wie gern würde man als TV-Nostalgiker diesen Stars und Formaten noch einmal begegnen. Hier ist ARD Plus allerdings blank und wird’s wohl auch bleiben: „Unser Schwerpunkt liegt auf dem Fiktionalen“, sagt Michael Loeb. „Bei Shows haben wir das Problem, dass nicht alle Rechte vorliegen. Hier geht es nicht nur um das Format, sondern auch um die einzelnen Rechte der Protagonisten. Wenn Tony Marshall beim’„Blauen Bock’ gesungen hat, liegen die Rechte dafür bei der Plattenfirma.”

Streaming-Dienste wie Netflix durchleuchten die Kunden mit hoher Detail-Schärfe. Welche Anforderungen haben Loeb und Vandré ihren Programmierern mitgegeben? „Die Anforderungen geben wir gar keinen Programmierern, sondern Redakteuren. Wir setzen sehr auf Handkuratierung“, sagt Loeb und nennt Specials und saisonale Geschichten wie Weihnachtsfilme. „Das alles erarbeiten wir in Redaktionssitzungen, in denen wir uns über sinnvolle Rubriken den Kopf zerbrechen.”

Was weniger sinnvolle nicht ausschließt. Eine Rubrik trägt den furchteinflößenden Namen „Schmunzelkrimis“. Eine andere spricht Nutzer an, denen völlig egal ist, was sie gucken – wenn es nur schnell vorbei ist: Bei den „Filmen unter 90 Minuten“ steht man dann vor der Wahl zwischen „Zeit der Kannibalen“ und „Aschenbrödel“. Loeb verweist auf das Streaming im Urlaubsflieger, bei dem die Nutzer bis zur Landung fertig sein wollen. Dann gesteht er aber auch: „Wir probieren viel aus.“

Überraschungen bieten auch die Algorithmen. Wenn man Günter Pfitzmanns „Praxis Bülowbogen“ sucht (nicht vorhanden), schlägt die App als Alternative eine Afghanistan-Doku vor. „Wir arbeiten an unseren Algorithmen“, sagt Ingo Vandré. Die Vorschlagsroutinen müssten erst noch warmlaufen; je mehr Suchanfragen, desto zuverlässiger. Bis dahin muss man selber suchen. Die „Drei Damen vom Grill“ hat die „Bülowbogen“-Abfrage zwar nicht angezeigt, verfügbar ist die Serie aber trotzdem. Hier spielt nicht nur Pfitzmann mit, sondern auch Harald Juhnke. Und das ist natürlich noch besser.

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