Überraschende Wende  Stadt Emden will mindestens 3000 Baumbestattungen möglich machen

| | 10.03.2023 10:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Leer-Logabirum sind seit 2019 Urnen-Bestattungen unter Bäumen im Wald möglich. In Emden will man nun einen anderen Weg gehen. Foto: Ortgies/Archiv
In Leer-Logabirum sind seit 2019 Urnen-Bestattungen unter Bäumen im Wald möglich. In Emden will man nun einen anderen Weg gehen. Foto: Ortgies/Archiv
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Am Donnerstag wurde über die Schaffung eines Gedächtniswaldes in Emden abgestimmt. Jetzt kann es ganz schnell gehen.

Emden - Die Stadt Emden bekommt vorerst keinen klassischen Gedächtniswald – zumindest wenn es nach dem Votum am Donnerstagabend geht. Da war der Ausschuss des auch für Friedhöfe zuständigen Bau- und Entsorgungsbetriebs (BEE) zusammen gekommen. Obwohl alle Fraktionen und Gruppen im Rat außer der CDU gemeinsam einen Antrag für die Schaffung eines solchen Bereichs im Stadtwald gestellt hatten, überzeugte der BEE mit einem eigenen Vorschlag dort die Mehrheit. Das muss noch im Rat am 16. März bestätigt werden.

Der BEE-Vorschlag hat es in sich und soll allein auf dem städtischen Friedhof Tholenswehr innerhalb der nächsten Jahre etwa 3000 Urnenbestattungen unter Bäumen ermöglichen, sagte Frank Rogga, kaufmännischer Leiter des BEE. „Derzeit haben wir 60 Baumbestattungen im Jahr, das würde also für 50 Jahre reichen“, rechnete er vor. Auf Tholenswehr gibt es seit dem Sommer 2021 bereits den „Linden-Begräbnishain“. Auf dem Bolardus-Friedhof beim Krankenhaus könnten weitere Flächen hinzukommen.

Wo genau sollen die Baumbestattungen möglich sein?

Der Friedhof Tholenswehr ist mittlerweile eine riesige von Wasser umgebene Parkanlage mit viel altem Baumbestand. Unter den 12 Linden des schon vorhandenen Begräbnishains rechts der Kapelle können laut Rogga perspektivisch 255 Urnen bestattet werden (siehe Grafik Fläche A). Das Angebot dort werde schon gut angenommen. 64 Bestattungen gab es dort im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: Insgesamt gibt es im Jahr etwa 280 Urnenbestattungen in Emden, so Rogga. Tendenz steigend. Sargbestattungen werden entsprechend immer weniger angefragt. Zuletzt waren es nur noch etwa 60.

Wenn man vom alten Friedhofsteil kommend den Borssumer Kanal quert, soll die dortige Rasenabstandsfläche am Wasser mit 37 Bäumen als nächstes für Bestattungen eingerichtet werden (Fläche B). 46 Baum-Neupflanzungen wären dort möglich. Damit könnten dort langfristig etwa 800 Urnengrabstätten entstehen. Auf der Fläche wären erste Bestattungen „sofort möglich“, wenn die Politik diesen Weg einschlage, so Rogga. Parallel würde dort und auch an den anderen zwei potenziellen Flächen aufgeforstet. Beim Krematorium wäre ein Bereich für 1500 Urnen möglich, wenn 150 Bäume dort gepflanzt würden (Fläche C). Vom Haupteingang gesehen ganz links gibt es schon 30 Bäume, unter denen 260 Urnen begraben werden könnten (Fläche D).

Was spricht laut Verwaltung gegen einen Gedächtniswald?

Die Stadtverwaltung sieht die Schaffung eines Gedächtniswalds kritisch, seit die FDP vor etwa drei Jahren die Idee ins Spiel gebracht hatte. Man habe nichts gegen Waldbestattungen per se, sagte Frank Rogga. Aber gegen den Standort. Es gehe um mögliche Interessenkonflikte zwischen Trauernden und anderen Besuchern des Waldes. Der Stadtwald sei außerdem zu 50 Prozent als Kompensationsmaßnahme für Bodenversieglung anderswo eingerichtet worden. Die Schaffung einer Infrastruktur für den Bestattungswald wäre auf den ausgewiesenen Flächen verboten. Auch umweltrelevante und rechtliche Aspekte würden laut Stadt dagegen sprechen.

Ein wichtiger Faktor: Wirtschaft. Die Stadt Emden verfügt über sieben kommunale Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von 170.000 Quadratmeter. Diese sind bereits ein „Minusgeschäft“, weshalb im Jahr aus dem städtischen Haushalt rund 600.000 Euro an Zuschüssen nötig seien, so Kämmerer Horst Jahnke. Auch hier sei die Tendenz steigend. Weil Urnen deutlich weniger Platz einnehmen und die Bestattungen deutlich günstiger sind als bei Sargbestattungen, hat der BEE immer mehr „Überhangsflächen“ zu pflegen. Friedhöfe werden immer mehr zu Parkanlagen.

Würde ein externer Betreiber – wie die oft ins Gespräch gebrachte „Gräflich zu Wedel‘sche Verwaltung“ von Schloss Gödens, die auch den Gedächtniswald Logabirum leitet – einen Gedächtniswald in Emden führen, dann hätte dieser den Gewinn. „Bei 50 Urnenbestattungen im Jahr wären das 50.000 Euro weniger für den Stadthaushalt“, so Frank Rogga. Die Stadt aber würde stets die volle Verantwortung für den Gedächtniswald haben und müsse bei einer möglichen Insolvenz einstehen.

Was spricht für einen Gedächtniswald?

Auf Tholenswehr sei es zwar „ähnlich“ wie eine Waldbestattung, aber eben nicht vollständig so, meinte Henning Meyer (FDP), der als einziger im Ausschuss gemeinsam mit Sebastian Borchers (Grüne) weiterhin für den Gedächtniswald war. Er sieht das Risiko, dass Interessierte nach Logabirum oder Lütetsburg abwandern, weil sie eine „richtige“ Waldbestattung möchten.

Die „Gräflich von Wedel‘sche Verwaltung“ hatte sich in einer Stellungnahme ausführlich zu den Aspekten geäußert, die die Stadt als Grund gegen einen Bestattungswald eingebracht hatte. Diese Stellungnahme aber wurde, anders als von der FDP gewünscht, nicht an den Antrag angehängt und lag somit auch wohl nicht der Politik vor. Erich Bolinius, FDP-Spitze, kritisierte dieses Vorgehen am Freitag und wünscht eine Erklärung vom Verwaltungsvorstand der Stadt.

In Leer-Logabirum ist seit 2019 die Waldbestattung möglich. Seit 2010 hatte sich eine Bürgerinitiative dafür eingesetzt. In dem Bereich des Waldes wurde innerhalb eines Jahres schon die Asche von mehr als 100 Menschen in ökologisch abbaubaren Urnen beerdigt. Bis zu 25 Beisetzungen im Monat werde man sicher erreichen können, hieß es 2020.

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