Osnabrück  Batic und Leitmayr vor dem Abgang? Tatort-Boomer, bleibt noch ein wenig!

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 11.03.2023 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die Tatort-Kommissare Miroslav Nemec (r, als Ivo Batic) und Udo Wachtveitl (l., als Franz Leitmayr) Foto: imago-images
Die Tatort-Kommissare Miroslav Nemec (r, als Ivo Batic) und Udo Wachtveitl (l., als Franz Leitmayr) Foto: imago-images
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Hören Batic und Leitmayr wirklich auf? Die Münchener Tatortdarsteller Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl denken über ihren Abschied nach. Dabei gibt es gute Gründe dafür, dass sie bleiben.

Wie lange denn noch? Ivo Batic und Franz Leitmayr, die Münchener Tatort-Kommissare, waren fesche Jungspunde. Als Ermittler mit einem Schuss Monaco Franze mischten sie das Milieu auf. Und als Doppelspitze nahmen sie ein Modell vorweg, dass erst später Mainstream wurde.

Das Problem: Sie waren, mischten, nahmen. Alles Formen der Vergangenheit. Wie Batic und Leitmayr. Die Revoluzzer sind grau geworden. Ihre Zeit ist um, irgendwie. Das wissen diese beiden Ermittler auch – aber nicht, wie sie eigentlich abtreten wollen.

Schlimm? So könnte man es sehen. Ich rufe Batic und Leitmayr zu: Bleibt noch ein wenig. Liegt es am gleichen Lebensalter? Daran, dass mich dieses Votum in den Verdacht bringt, so retro zu sein wie das lineare Fernsehen, das ich beharrlich schaue? Dabei erinnere ich mich an eindrucksvolle Tatort-Folgen aus München. „Frau Bu lacht“, „Unklare Lage“, „Der oide Depp“: inzwischen alles Klassiker.

Vielleicht muss man in diesem Lebensalter sein, um zu spüren, wie ein Medienformat das Leben überwölben kann. Von Kommissar Trimmel, der 1970 im ersten Tatort „Taxi nach Leipzig“ jenseits der Mauer auf Mörderjagd ging, bis zu Kommissar Thiel und Professor Börne, die im beschaulichen Münster heute so tun, als hätte unsere Wohlstandswelt noch keine Risse.

Der Tatort ist ein Krimi. Ja. Aber er ist vor allem ein Geschichtsbuch. Das einzige Langzeitprojekt, das es im Fernsehen noch gibt, ein mediales Mehrgenerationenhaus. Von Klassikern, deren Darsteller nicht mehr leben, wie Manfred Krugs Hamburger Kommissar Stoever oder dem von Dietz-Werner Steck gespielten Stuttgarter Bienzle bis zu Newcomern wie Liv Moormann und Linda Selb in Bremen oder Anni Pieri Zürcher und Carol Schuler, die in Zürich am Start sind.

Mehr Frauen, weniger Männer, mehr Teams, weniger Einzelgänger: Schon die Statistik der Ermittlerteams signalisiert gesellschaftliche Trends. Der Tatort spiegelt sie nicht nur, er setzt sie auch. Das Krimi-Format vermittelt Aufbruch und Rückschau. Wo stehe ich in meiner Zeit? Ich finde jede Menge Antworten, wenn ich die Jahrzehnte des Tatorts vor meinem inneren Auge abrollen lasse.

Der Tatort, Generator der Trends und zugleich Daumenkino der Erinnerung? Batic und Leitmayr sind beides: respektlose Jungs und graue Grantler. Zusammen mit Lena Odenthal aus Ludwigshafen und Max Ballauf und Freddy Schenk aus Köln bilden sie im Tatort den Club der Boomer. Sie wissen, wie es geht. Und lassen sich von Besserwissern und ihren Sprüchen nicht beeindrucken. Sie sind wie ihre Generation: skeptisch und pragmatisch, melancholisch und idealistisch. Deshalb: Boomer, bleibt ruhig noch ein bisschen. Nicht nur im Tatort.

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